Düsseldorf: Wie die Stadt an Schloss Eller kam

Düsseldorf: Wie die Stadt an Schloss Eller kam

Seit 75 Jahren gehört der Schlosspark Eller der Stadt Düsseldorf. Das wird dieser Tage groß gefeiert. Nicht erwähnt wird allerdings, wie schlecht die einstige Besitzerin beim Verkauf damals behandelt wurde.

Der Eller Schlosspark an einem Herbstmorgen: Die tief stehende Sonne illuminiert Seerosenblätter, Entenpaare ziehen ihre Bahnen, Trauerweiden tauchen Blattspitzen ins Wasser. Nur ein paar eilige Radler sind auf den Parkwegen unterwegs.

Hin und wieder durchbricht ein Zug der nahen Bahnlinie die Stille. Seit exakt 75 Jahren, so verkündete die Stadt in diesen Tagen, gehören Schloss und Park Düsseldorf. Eine Idylle in goldenes Licht getaucht — wären da nicht die Schatten der Vergangenheit.

Sie scheint eine ernste Frau gewesen zu sein, mit klarem Blick, hoher Stirn, das Haar streng aus dem Gesicht gesteckt, der Blusenkragen lässt keinen Zentimeter Haut frei. Doch die Fabrikantentochter Clara von Krüger, deren Vater Schloss Eller mit seinen Ländereien im Jahre 1900 gekauft hatte, muss ein Mensch mit Mitgefühl und großem Herzen gewesen sein, deren Blick über den Rand ihres Schlossgrabens hinaus reichte.

Was sie dort sah, ließ sie handeln. Schon 1905 hatte die Freifrau, die selbst kinderlos war, in einem Haus Am Straußenkreuz (heute das Konfirmandenheim der evangelischen Kirchengemeinde) Kinder von kranken oder unverheirateten Müttern zur Pflege aufgenommen. Gemeinsam mit ihrem Mann ließ sie außerdem die Eller Schlosskirche und das Pfarrhaus bauen.

"Sie hat ihr Engagement für bedürftige Jungen und Mädchen aus dem Stadtteil in den folgenden Jahren ohne staatliche Unterstützung und auf eigene Kosten immer mehr ausgeweitet", berichtet der Historiker Ulrich Brzosa, ein Kenner der Geschichte Ellers. Ein Foto aus jenen Jahren zeigt Clara von Krüger inmitten einer Mädchenschar, eines ihrer Schützlinge hat seine kleine Hand vertraut in ihre Hand geschoben. Gedankt hat die Stadt dieser Frau ihren großzügigen Einsatz offenbar nicht.

  • Fotos : Düsseldorf aus der Luft
  • Fotos : Schloss Eller in Düsseldorf

Ulrich Brzosa ist bei seinen Recherchen auf die Abschrift einer notariellen Urkunde vom 26. September 1938 gestoßen, die den Verkauf des Schlosses und seiner Ländereien an die Stadt Düsseldorf regelt. Darin wurde eine Kaufsumme von 2,4 Millionen Reichsmark vereinbart, nach Einschätzung des Historikers "wohl ein fairer Preis zu jener Zeit."

Zum Schloss gehörte viel Land in Eller, Vennhausen, Hassels und Gerresheim, das für die Stadt wohl von besonderem Interesse war, denn es wurde dringend Baugrund gebraucht. Diese Urkunde regelte auch, dass Clara von Krüger bei Vertragsabschluss nur 400 000 Reichsmark bekam, der Rest sollte in jährlichen Raten über die gleiche Summe bis 1943 bezahlt werden.

Außerdem wurde ihr lebenslanges Wohnrecht im Schloss zugebilligt. "Durch den Krieg haben sich die Geldzahlungen immer wieder verzögert," so der Historiker, "jedenfalls wurde die letzte sechsstellige Rate erst im Sommer 1948 gezahlt - und zwar ausgerechnet wenige Tage vor der Währungsreform, als längst klar war, dass es eine Abwertung des Geldes geben würde." Die Summe, die die Freifrau zum Schluss bekam, war also praktisch wertlos. Sie mag damals empfunden haben, was der Historiker heute, 68 Jahre später, ausspricht: "Man hat sich ihr gegenüber ausgesprochen mies verhalten." Formal juristisch sei die Stadt Düsseldorf übrigens erst zu diesem Zeitpunkt Besitzerin von Schloss und Park geworden.

Gewohnt hat Clara von Krüger da längst nicht mehr in Eller. Schon vor dem Tod ihres Mannes 1940 war sie in die Nähe von Wermelskirchen gezogen, wo sie bereits 1913 ein Kinderheim für elternlose Jungen errichtet hatte, das sie später zum Erholungsheim umbaute. Aus dem Heim von einst ist längst ein feines Hotel geworden, das Porträt der einstigen Hausbesitzerin blickt heute auf die Restaurantgäste herab. Eine hauseigene Stiftung kümmert sich um Waisenkinder in aller Welt - ganz in ihrem Sinn.

In diesem Haus starb Clara von Krüger 1954, bis zuletzt soll sie wegen der Haltung der Stadt Düsseldorf verbittert gewesen sein. Kontakt aber hielt sie zu ihren Schützlingen in Eller und mit der evangelischen Kirchengemeinde im Stadtteil. Ulrich Brzosat: "Sie ist längst eine Legende, es gibt immer noch Menschen, die sich liebevoll an sie erinnern."

(RP)