Stadtentwicklung in Düsseldorf: Wie der Wandel in Flingern weitergeht

Stadtentwicklung in Düsseldorf: Wie der Wandel in Flingern weitergeht

Der anstehende Verkauf der Ackerstraße 144 mit ihren Hinterhöfen bringt die Debatte um die Entwicklung des Viertels wieder in Gang. In Flingern gibt es einen Bau-Boom – fallen ihm die charmanten Läden und Kneipen zum Opfer?

Der anstehende Verkauf der Ackerstraße 144 mit ihren Hinterhöfen bringt die Debatte um die Entwicklung des Viertels wieder in Gang. In Flingern gibt es einen Bau-Boom — fallen ihm die charmanten Läden und Kneipen zum Opfer?

Als vor einigen Jahren die ersten Besucher das neue Szene-Viertel Flingern erkundeten, gehörte die Ackerstraße 144 zu den bekanntesten Adressen. In dem Gebäude mit mehreren Hinterhöfen befinden unter anderem die Club-Bar "Trinkhalle" und das Stadtteil-Theater Flin. Auch die Frauenberatungsstelle hat dort seit langem ihre Räume. Nun will ein Investor das Gelände in Wohnungen umwandeln — und hat mit diesem Plan eine neue Diskussion um die Entwicklung des Viertels ausgelöst. Müssen bald die kleinen Läden, Kultureinrichtungen und Kneipen abwandern, die einst für die Aufwertung des ehemaligen Arbeiterviertels gesorgt haben?

Anwohner beobachten jedenfalls in dem Viertel einen Bau- und Modernisierungs-Boom, der in der vergangenen Zeit noch mehr an Kraft gewonnen hat. Die Sanierung der Ackerstraße 144 ist nur eins von unzähligen Bauprojekten, die derzeit anstehen. Die meisten Altbauten sind sowieso längst saniert, dazu verändern riesige Neubauprojekte das Gesicht des Stadtteils. Sie sollen Flingern in den kommenden Jahren 5000 bis 10000 neue Bürger bringen.

Neben der Metro-Zentrale entsteht "Grafental" mit rund 1000 Wohnungen, in der Nachbarschaft verwandelt ein Investor das Thyssen-Trade-Center in 361 Wohnungen — eine der größten Umwandlungen von Büro zu Wohnung in ganz Deutschland. An der Schwelmer Straße entsteht "MeinRaum". Die Mieten bei Neuvermietung steigen seit Jahren deutlich, außerdem entstehen immer mehr Wohnungen im Luxussegment — und das in einer Gegend, die vor 20 Jahren noch als heruntergekommen galt. Auch die örtlichen Politiker beobachten diese rasante Entwicklung mit Staunen.

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Für den Soziologen Reinhold Knopp, Professor an der Fachhochschule Düsseldorf, ist Flingern ein typisches Beispiel für die verschiedenen Stufen einer Gentrifizierung. Schon seit 15 Jahren führt er seine Studenten durch das Viertel, um ihnen diesen für viele Großstädte typischen Wandel des ehemaligen Arbeiterviertels zu zeigen: Erst zogen die niedrigen Mieten und die zentrale Lage die Kreativen und Kneipen an, dann stieg die Nachfrage nach Wohnungen, ein reicheres Klientel zog ein. Altbier-Eckkneipen wurde ersetzt durch Cafés, in denen es Bionade gibt — es entstand das in der ganzen Stadt bekannte Einkaufs- und Ausgehviertel, das sich heute wieder bei "Flingern rollt den Roten Teppich aus" feiert. "Man kann nicht sagen, dass Gentrifizierung generell schlecht ist", sagt der Soziologe. "Auch die Leute, die dort lange wohnen, finden eine gewisse Aufwertung gut."

In Flingern, so meint der Wissenschaftler, drohe aber nun eine höhere Stufe des Prozesses: "Die Pioniere werden verdrängt." Bereits jetzt bemerke man, wie sich junge Kreative in Düsseldorf andere Nachbarschaften suchten — derzeit vor allem in Flingern-Süd oder Oberbilk. Wenn die Mieten zu stark stiegen, drohe die soziale Durchmischung im Stadtteil verloren zu gehen. "Das ist schlecht für Stadtentwicklung", findet Knopp. Er meint, die Politik solle ihre Möglichkeiten zum Eingreifen nutzen, zum Beispiel durch die Förderung von Mehrgenerationenwohnen statt zu viel neuem Wohnraum im Luxussegment. "Man muss die Entwicklung nicht befeuern."

Über die Entwicklung an der Ackerstraße 144 will die Politik mitreden: Die Sozialdemokraten haben das Thema in die Bezirksvertretung gebracht, auch die Grünen denken über eine Anfrage nach. Sie warten gespannt darauf, welche Pläne der Investor für die Ackerstraße 144 vorstellt. Dessen Sprecher betont, man wolle sich um ein faires Miteinander bemühen und den Gewerbemietern (die sich wegen der laufenden Verhandlungen nicht öffentlich äußern wollen) bei der Suche nach neuen Räumen helfen. Das Gelände befinde sich in katastrophalem Zustand, eine aufwendige Sanierung sei nötig. Anfang nächsten Jahres soll der Kaufvertrag unterzeichnet werden, 2015 soll der Bau beginnen.

(RP)