1. NRW
  2. Städte
  3. Düsseldorf

Wie aus Nachbarn in Düsseldorf wegen Corona Freunde wurden

Düsseldorf in Zeiten von Corona : Wie aus Nachbarn Freunde wurden

Als Corona kam, gingen die Bewohner von drei Häusern an der Venloer Straße jeden Tag um 19 Uhr auf den Balkon, um zu klatschen. Dabei lernten sie sich näher kennen. Jetzt wollen sie das tägliche Ritual nicht mehr missen.

Corona hat so gut wie alle Menschen auf dieser Erde hart getroffen. Von einer Ausgangssperre wurden wir in Deutschland aber verschont. Das war in Italien oder Spanien anders. Und da insbesondere die Menschen in Pflegeberufen dort noch sehr viel intensiver gefordert waren, begannen Italiener und Spanier irgendwann bei offenem Fenster oder auf dem Balkon abends zu klatschen, Beifall zu spenden für jene, die sich für andere ein Stück weit aufopferten.

Auch hierzulande wurde das Ritual teilweise übernommen. An der Venloer Straße in Pempelfort zum Beispiel. Zur Straße hin wirken die Häuser eher unspektakulär, alle haben aber jeweils einen schnuckeligen Balkon zur Rückseite. Dort schauen die Bewohner auf einen stattlichen Baum, der im Zentrum eines Innenhofes steht.

Genau genommen sprechen wir an dieser Stelle erst einmal vom Haus an der Venloer Straße 18. Hier wohnt Katrin Hegemann mit ihrem Mann Harald und der Tochter Emma. „Wir leben hier seit nunmehr 17 Jahren, und wie sehr häufig in der Großstadt waren mir meine Nachbarn, erst recht die in den Nebenhäusern, leider eher fremd und anonym“, erzählt sie. Das wurde am 19. März anders.

„Ich bekam von einem Bekannten eine Whatsapp und wurde eingeladen, abends um 19 Uhr auf den Balkon zu treten und zu klatschen – genauso, wie es auch die Italiener und Spanier während Corona machen“, berichtet Katrin Hegemann. Das hat sie dann auch getan, zusammen mit ihrem Mann Harald und Tochter Emma. Eine Nachbarin schaute aus dem Fenster und fragte nach, was das denn soll. „Wir haben sie eingeladen, doch am nächsten Tag einfach mitzumachen. Das tat sie – viele andere folgten.

So nahm die Geschichte ihren Lauf. Jeden Tag stehen die Menschen seitdem um 19 Uhr auf dem Balkon und klatschen. Es kamen immer mehr dazu, inzwischen sind es drei Häuser mit den meisten ihrer Bewohner, die nach draußen kommen und Beifall bekunden. Und selbstverständlich ist es mit dem Klatschen nicht getan, man kommt ja dann auch ins Gespräch, lernt sich tatsächlich näher kennen, was all die Jahre zuvor irgendwie nie geklappt hat. Ganz unterschiedliche Nationalitäten sind darunter, Syrer, Türken, Italiener. Aber das spielt eigentlich keine Rolle, denn prinzipiell verbindet dieser Grundgedanke, anderen, die viel leisten, Anerkennung zu zollen.

Jedenfalls: „Wir wissen jetzt, wie wir heißen, kennen die Kinder und sind uns alle sympathisch“, sagt Katrin Hegemann, die in den vergangenen Wochen viel erfahren hat über ihre Nachbarn, die längst zu Freunden geworden sind. Die Zwillinge aus Haus Nummer zwei im dritten Stock, Plinio und Matteo, sind gerade vier Jahre alt geworden, „und wir haben natürlich alle Happy Birthday gesungen“. Auch Inge Bock aus Haus Nummer eins im ersten Stock hatte Geburtstag, sie wurde 79, und alle haben wieder gesungen. Für Inge ist dieser abendliche Klatsch-Termin, der eigentlich wie ein Relikt an schon fast vergessene Corona-Anfänge anmutet, ein Höhepunkt des Tages, sie hat noch kein Mal verpasst. Dass andere womöglich darüber lächeln, wenn immer noch Menschen abends klatschen, interessiert die Bewohner der Häuser an der Vernloer Straße nicht die Bohne. Und wie gesagt: Es geht ja eben nicht nur ums Klatschen, sondern auch  ums Quatschen.

Im Haus Nummer drei im dritten Stock ist der kleine Can geboren worden, und im Haus Nummer zwei in der vierten Etage hat die kleine Nova das Licht der Welt erblickt. Christian aus Haus zwei, zweiter Stock, hat einen neuen Job in Berlin ergattert, er wird die Hausgemeinschaft also bald verlassen. Harald Hegemann arbeitet eigentlich in Wien, er darf aber wegen Corona erst seit drei Wochen wieder einreisen. „Dabei ist er dort vom Zoll in Quarantäne geschickt worden – das wissen hier alle“, erzählt Katrin Hegemann. Klaus und Ingrid einen Balkon weiter oben sind ganz entzückt vom kleinen David aus dem fünften Stock, schon allein deswegen lassen sie keine der 19-Uhr-Verabredungen aus.

„Wir klatschen also weiter jeden Abend – eigentlich gar nicht mehr richtig wegen Corona. Wir klatschen, damit wir uns sehen und uns Hallo sagen und einen schönen Abend wünschen können“, sagt Katrin Hegemann. Und natürlich insgeheim auch, um etwas Neues zu erfahren, denn jetzt, wo alle Freunde sind, will man ja wissen, was sich so getan hat im Leben der anderen, das ist legitime Neugier.

 Drei Häuser in der Stadt und ihre Bewohner sind sich nicht mehr fremd und anonym. Denn Corona hat sie zusammengebracht.