Analyse: Wer wirklich hinter "Dügida" steckt

Analyse : Wer wirklich hinter "Dügida" steckt

Sie behaupten, sich nur um besorgte Bürger und deren Ängste zu kümmern. Dabei marschieren in der Düsseldorfer Abspaltung der Pegida-Bewegung überwiegend überzeugte Rechtsradikale, die angesichts wachsender Unzufriedenheit Morgenluft wittern.

Als sie ihren Gegnern entgegenbrüllten "Wir kriegen euch alle", war am späten Montagabend schon klar, dass hier nicht besorgte Wutbürger den Ton angaben. Und auch das dumpf-bedrohliche Gegrunze des Fußball-Schläger-Schlachtrufs "A-Hu" hört man eher selten aus der Mitte der Bevölkerung.

Tatsächlich marschierte in Düsseldorf - und will es am Montag wieder tun - der politisch äußerste rechte Rand einer Frau hinterher, die nach eigenem Bekunden "seit 20 Jahren Politik" macht, für die unerheblich ist "ob es einen Holocaust gegeben hat".

Breites Bündnis gegen Dügida

Melanie Dittmer, Jahrgang 1978, kann auf eine beachtliche Vergangenheit im rechtsextremen Lager zurückblicken: Als Teenager in einer so genannten "Freien Kameradschaft" aktiv, einer jener Neonazi-Gruppen, die in den 1990er Jahren bundesweit aus dem Boden schossen, nachdem andere Anlaufstellen der Rechtsextremen wie die "Freiheitliche Arbeiterpartei FAP" und die neonazistische Wikíng-Jugend verboten worden waren.

Mit Anfang 20 war Dittmer schon Ex-Vorstandsmitglied der nordrhein-westfälischen "Jungen Nationalen", der Jugendorganisation der NPD. Die hatte sie nach internen Querelen verlassen, gründete in Heerdt einen Versandhandel für rechtsextreme Produkte. Im Programm insbesondere Skinhead-Musik und Neonazi-Publikationen aus der damaligen Firma von Torsten Lemmer, der mit Produktionen wie der der Neonazi-Band Störkraft nach eigenen Angaben Millionär geworden ist. Durch die Kontakte des Rechtspopulisten Lemmer kam Dittmer zu einem Theaterprojekt von Christoph Schlingensief, der mit "Naziline.com" den Ausstieg aus der Szene fördern wollte. Allerdings nicht den von Dittmer, die ihren Auftritt dort vorzeitig beendete und betonte, sie habe nie einen Ausstieg gewollt.

Danach war es einige Jahre ruhig um sie geworden, bis sie im vergangenen Jahr wieder aktiv in der Szene auftauchte, inzwischen im Vorstand von Pro NRW und an der Spitze der Bewegung "die Identitären" steht. Selbst das Antifa-Magazin "Lotta" attestiert Dittmer "eine erstaunliche Power sowie ein großes Organisationstalent und Selbstbewusstsein". Und sie verfügt noch immer über exzellente, bundesweite Kontakte in der Szene. Die NRW-NPD, der sie einst den Rücken gekehrt hatte, marschierte auch in ihrer Demo mit.

Im Vorfeld der zweiten "Dügida"- Demonstration hatte sich die NRW-Pegida-Bewegung nicht zuletzt wegen Dittmers Auftreten gespalten. In Düsseldorf distanzierte sie sich am Montag von den "Weichgespülten", die nicht mit ihr gehen wollten. Geblieben ist ihr unter anderem die Unterstützung von Pro NRW-Mitglied Dominik Roeseler, Der sitzt in Mönchengladbach im Stadtrat und war im Herbst Anmelder der in Köln eskalierten Hooligan-Demonstration gegen Salafismus. Aus der "HogeSa"-Verantwortung hat er sich inzwischen zurückgezogen, bleibt der Hooligan-Gruppierung aber laut einer Erklärung der Gruppe "als Sympathisant" erhalten. Hooligans aus verschiedenen Städten marschierten denn auch bei "Dügida" mit, darunter Angehörige der Fortuna-Fangruppe "Bushwhackers", die sich offiziell von Rechtsextremismus distanzieren.

Klare Bekenntnisse dagegen macht die Partei "Die Rechte", 2012 gegründet von Christian Worch, der seit den 1970er Jahren einer der führenden Köpfe der militanten Neonazi-Szene ist. Zu "Dügida" erschien nicht er selbst, aber etwa 30 Parteianhänger aus Dortmund. Dort hat es die Partei bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr in den Stadtrat geschafft. Gewählt wurde Ratsherr Siegfried Borchhardt, der nach eigenem Bekunden die Bezeichnung "SA-Siggi" seinem Spitznamen "SS-Siggi" vorziehen würde. Der 61-Jährige war in den 1980er Jahren Funktionär der inzwischen verbotenen FAP, verbüßte mehrere Haftstrafen unter anderem wegen schweren Landfriedensbruchs und Körperverletzung.

Borchhardts Nachfolger im Stadtrat (er gab das Mandat nach zwei Monaten ab) war früher bei der inzwischen verbotenen Kameradschaft "Nationaler Widerstand Dortmund". Als Ratsherr verlangte er im November von der Stadtverwaltung eine Auflistung aller Juden in Dortmund.

Hier geht es zur Bilderstrecke: 5500 Menschen protestieren gegen "Dügida" in Düsseldorf

(RP)
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