Dialektforscher im Interview: "Wer Platt sprach, wurde verlacht"

Dialektforscher im Interview: "Wer Platt sprach, wurde verlacht"

Dialektforscher Georg Cornelissen kennt die Düsseldorfer Mundart genau. Auch er gibt ihr keine Zukunft - weil sie von Kindern, Jugendlichen und den Neu-Düsseldorfern nicht mehr erlernt wird.

Düsseldorfer Platt und andere rheinischen Dialekte - wie sind da die Verbindungen?

Cornelissen Zwischen allen Orten gibt es feine und kleine Unterschiede. Aber grundsätzlich gilt: Es gibt zwischen den einzelnen rheinischen Dialekten, sofern sie benachbart sind, keinerlei Verständigungsprobleme.

Wie kann man die Dialekte zuordnen?

Cornelissen Die Menschen, die die Sprachen gelernt haben, merken sofort, wo der andere herkommt. Die hören das heraus. Aber, wie gesagt: Es gibt keine Verständigungsprobleme.

Aber es gibt doch Grenzen, wie z.B. die Benrather Linie.

Cornelissen Ja, das stimmt. Diese Linie verläuft an der nördlichen Grenze der früheren Stadt Benrath, heute also durch Düsseldorf.

Und - sind die Unterschiede diesseits und jenseits dieser Grenze sehr groß?

Cornelissen Nein. Eigentlich ist die Benrather Linie auch keine Sprachgrenze, sondern eine Einteilungslinie auf einer Sprachkarte. Georg Wenker hat sie 1877 erstmals erwähnt.

Aber es muss doch Unterschiede geben?

Cornelissen Natürlich, die gibt es auch. Einfach ausgedrückt könnte man sagen, die Linie trennt in zahlreichen Wörtern zwischen ch und k, und zwischen p und f sowie zwischen s und t.

Das müssen Sie bitte erläutern.

Cornelissen Gern. In Düsseldorf sagt man auf Platt "make" (für machen), in Benrath sagt man "mache". Bei Buch sagt der Düsseldorfer Book, weiter südlich würde man "Booch" sagen, und wenn die Benrather "loofe" (laufen), sagte der Düsseldorfer "lope", heute auch schon "loofe". Ähnlich ist es bei Fässke und Fättke (Fässchen).

Über welchen Zeitraum haben sich diese Dialekte eigentlich entwickelt?

Cornelissen Sehr lange. Sicher rund 1500 Jahre.

Man sagt, es gebe sogar Unterschiede der Ortsteile untereinander.

Cornelissen Ja. Die heutigen Stadtteile Volmerswerth und Hamm sind dafür typische Beispiele. Menschen, die dort leben, hören diese Unterschiede. In der Entwicklung liegt das daran, dass das einmal eigenständige Kommunen waren, bevor sie Teil der Stadt Düsseldorf wurden. Früher war die Mobilität nicht so groß wie heute, wo sich das immer mehr verwischt.

Wieso gibt es immer wieder Streit um die eindeutige Schreibweise?

Cornelissen Es gibt eben diese eindeutige Schreibweise nicht. Weil der Dialekt nur gesprochen und früher nie aufgeschrieben worden ist. Über rund 1500 Jahre ging er von den Eltern direkt an die Kinder, erst im 19. Jahrhundert fing man an, ihn aufzuschreiben. Vorher war das absolut zweitrangig. Dann gab es eine große Schreibvielfalt.

Wieso das?

Cornelissen Wegen der fehlenden Orthographie-Regeln hat man versucht, die Regeln aus dem Hochdeutschen zu benutzen. Problematisch ist auch, dass es im Platt Laute gibt, die sich mit den üblichen Zeichen nicht darstellen lassen.

Also kann man nicht von falsch oder richtig sprechen?

Cornelissen Korrekt. Der beste Begriff dafür ist "irreführend". Damit meine ich, dass jemand, der den Dialekt spricht, das geschriebene Wort nicht mehr erkennen kann.

Wieso hat der Dialekt hier ein so schlechtes Image, und beispielsweise in Bayern nicht?

  • Mönchengladbach : Rettet unser Platt!
  • Ratingen : Umfrage: Wer versteht noch Platt?

Cornelissen Auch in Bayern wackelt der Dialekt, genau wie bei den Schwaben.

Aber hier ist es ja regelrecht verpönt, ihn zu sprechen!

Cornelissen Das ist über die langen Jahre so gewachsen. Wer unten stand, sprach anders. Und die anderen guckten auf ihn herab. Wer Platt sprach, wurde verlacht. Selbst Heinrich Heine hat sich abfällig über das Düsseldorfer Platt geäußert.

Sprache also als Standesmerkmal?

Cornelissen Ja. Sprache und Kleidung war schon immer die Möglichkeit, sich von den anderen abzusetzen. Sobald man den Mund aufmachte, war klar, woher man kam. Zudem muss man bedenken, dass bis in 18.Jahrhundert Schule für viele Leute nicht üblich war. Die Sprache verriet also die mangelnde Bildung und damit den Stand. Zudem gab es keine lokale Solidarität, was die Sprache anbetrifft: Der Reiche sprach also keineswegs wie der Kappesbur.

Viele Düsseldorfer sagen, die Kölner seien da besser dran.

Cornelissen Das stimmt auch. In Köln hat keiner ein Problem damit, Kölsch zu sprechen.

Also schlechte Zeiten für Düsseldorfer Platt?

Cornelissen Das sehe ich auch so. Und ich begründe es mit der SMDJ-Formel.

Das müssen Sie bitte übersetzen.

Cornelissen Das S steht für Standardsprache. Die spricht heute jeder.

Also ist der Dialekt nicht mehr notwendig.

Cornelissen So ist es. Das M steht für Mobilität und Migration. Menschenziehen hierher, Migranten lassen sich hier nieder - und keiner von denen hat irgendeinen Anlass, Platt zu lernen.

Und das D?

Cornelissen Das steht für Düsseldorf. Braucht man den Dialekt, um sich in die Stadt zu integrieren? Nein, braucht man nicht.

Jetzt noch das J?

Cornelissen Das steht für Jugend. Welche Sprache lernt die Jugend zuhause? Jedenfalls keinen Dialekt.

Wie finden Sie es, dass Platt häufig im Karneval als vor allem vermeintlich lustige Sprache genutzt wird?

Cornelissen Das ist nicht wirklich schlimm, aber natürlich falsch. Die Düsseldorfer Mundart ist eine Sprache wie jede andere auch, also nicht per se lustig. Man kann darin alles ausdrücken, auch lustige Sachen, aber es gibt auch hässliche, verletztende Worte. Wer nun meint, Platt sei einfach so lustig, könnte genau so gut Latein oder Griechisch nehmen.

Wie groß ist eigentlich der Wortschatz eines Dialekts wie dem in Düsseldorf?

Cornelissen Der liegt sicherlich bei mehr als 20000 Wörtern. Leider gibt es darüber keine Aufzeichnung - Düsseldorf braucht dringend ein großes Wörterbuch.

Wie kann man denn nun das Platt retten oder konservieren?

Cornelissen Ob es gerettet wird, also überlebt, das werden die Düsseldorfer selbst entscheiden, sie werden ihr Urteil fällen. Konserviert ist die Sprache natürlich in Tonaufzeichnungen. Wir beim Amt für rheinische Landeskunde in Bonn haben Aufzeichnungen der hiesigen Dialekte.

Hier geht es zur Infostrecke: Düsseldorfer Platt - das schreiben unsere Leser

(RP)
Mehr von RP ONLINE