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Wehrhahn-Anschlag vor 20 Jahren in Düsseldorf - das ungesühnte Attentat

20 Jahre nach Sprengstoffanschlag in Düsseldorf : Das ungesühnte Attentat

20 Jahre danach ist der Sprengstoffanschlag am Wehrhahn noch immer ein offener Fall. Das späte Strafverfahren und der umstrittene Freispruch haben das Verbrechen zumindest neu ins Bewusstsein der Düsseldorfer Stadtgesellschaft gerückt.

Am Montag wird sich eine Handvoll Düsseldorfer, vornehmlich gewählte Ratsmitglieder und Bezirksvertreter, an der Ackerstraße treffen, um derer zu gedenken, die exakt 20 Jahre zuvor an dieser Stelle zu Opfern wurden.

Dass das Erinnern unter Corona-Bedingungen stattfinden muss, wirkt symbolisch für den Umgang der Stadt mit dem schwersten Verbrechen ihrer Nachkriegsgeschichte. Zwei Jahrzehnte lang sind die Düsseldorfer auf Abstand geblieben, zur Tat, den Opfern und zum Tatort, an dem erst im Mai eine Erinnerungstafel angebracht wurde. Öffentliches Gedenken hat es bislang nicht gegeben, abgesehen von ein paar Demonstrationen, die sich meist vordergründig an Polizei und Justiz abarbeiteten. Die Stadtgesellschaft aber schien schon bald das Interesse an dem verloren zu haben, was am 27. Juli 2000 mitten in Düsseldorf geschehen ist.

An jenem Donnerstag verließen die Schüler der Sprachschule Welling die Räume der ASG, in denen sie Deutschunterricht gehabt hatten. Alle zwölf waren sogenannte Kontingentflüchtlinge aus den früheren GUS-Staaten, einige Juden, andere mit jüdischen Vorfahren. Menschen, die von einem besseren Leben in Deutschland träumten.

Ihre Träume zerplatzten um 15.03 Uhr. Als die Gruppe den Durchgang zum S-Bahnhof durchquert hatte, detonierte ein Sprengsatz in einer Plastiktüte, die am Geländer befestigt gewesen war. Zehn Menschen wurden teils schwer verletzt, ein ungeborenes Baby starb im Mutterleib.

Nicht nur bundesweit machte das feige Attentat Schlagzeilen. In der Folge bemühte sich die Bundesrepublik um ein Verbot der rechtsextremen NPD, verbot Nazi-Organisationen wie „Blood and Honour“ , und nachdem an der Zietenstraße auch noch ein Brandsatz gegen die Synagoge geworfen wurde, formierte sich im Herbst, was der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, der Düsseldorfer Paul Spiegel, gefordert hatte: der Aufstand der Anständigen. Tausende gingen auf die Straße, um ein Zeichen zu setzen gegen Ausländerhass und Antisemitismus. Zur gleichen Zeit marschierten am Rheinufer deutsche Neonazis unter dem Motto „Bombenstimmung in Düsseldorf“ auf, um gegen die angebliche Vorverurteilung ihrer Szene zu protestieren.

Tatsächlich war die Ermittlungskommission Acker keineswegs davon überzeugt, nach einem rechtsextremen Bombenleger zu suchen. Der verwendete Sprengstoff stammte offenbar aus Osteuropa, man betrachtete nicht nur die jüdische, sondern auch die sowjetische Herkunft der Opfergruppe – und letztlich war man nicht einmal sicher, dass diese Opfer überhaupt Ziel des Attentats waren. Die Ermittlungen gingen in alle Richtungen, doch keine der vielen hundert Spuren führte zum Erfolg.

 Der Düsseldorfer Stadtrat zankte sich unterdessen um die Formulierung einer Resolution gegen Rechtsextremismus. Um die Opfer, von denen einige Monate lang im Krankenhaus waren, kümmerte sich die Jüdische Gemeinde. Der Aufstand der Anständigen war folgenlos geblieben. Die Jahrestage des Verbrechens vergingen weitgehend unbemerkt.

Bis ein Anruf aus der JVA Castrop-Rauxel Bewegung in den Fall brachte. Nachdem ein Gefangener der Polizei berichtet hatte, dass sein Mithäftling mit dem Anschlag am Wehrhahn geprahlt habe, nahm eine neue Sonderkommission sich sämtliche Akten noch einmal vor. Vor allem die zur Spur 81 von mehr als 300. Die war wenige Tage nach der Tat zu jenem Mann angelegt worden, von dem der verurteilte Betrüger im Gefängnis ein Geständnis gehört haben wollte: einem selbst ernannten Privatdetektiv, der im Sommer 2000 in unmittelbarer Nähe des Tatorts einen Militariahandel betrieb, Kontakte zur rechtsextremen Szene pflegte und aus seinem Hass auf Ausländer keinen Hehl machte.

Die neue Ermittlungskommission stieß in den riesigen Aktenmengen ihrer Vorgänger auf einst Unbeachtetes: die Beschreibung eines Mannes etwa, der vor der Explosion auf einem Stromkasten gehockt und in Richtung Tatort geguckt hatte. Kaum war die Bombe detoniert, war er gegangen. Ein Schaulustiger, hatten die Ermittler damals geglaubt und die Beschreibung, die dem Mann aus der JVA Castrop-Rauxel ähnelte, ad acta gelegt. Und nicht bedacht, dass ein Schaulustiger nicht weggeht, wenn etwas passiert.

Die neuen Ermittler taten alte Zeugen auf, die ihre einst enge Verbindung zum Verdächtigen teils mit polizeilicher Unterstützung gekappt hatten. Sie wollten sich auf einmal an Bombenmodelle in der Küche und an Tatankündigungen erinnern.

Sechs Monate nach dem 17. Jahrestag wurde der Mann verhaftet, der kurz nach der Explosion vernommen und freigelassen worden war. Drei Tage nach dem 18. Jahrestag sprach ein Gericht ihn frei. Die Richter, die durchaus erkannten, dass der Angeklagte „unentwegt gelogen“ habe, räumten zwar ein, dass der Mann auf dem Stromkasten mit der Explosion zu tun haben müsse und auch, dass er dem Angeklagten durchaus ähnlich sah. Dass er es gewesen sei, hielten sie nicht für erwiesen.

Dem Gerichtssaal blieb die Öffentlichkeit weitgehend fern. Keine Proteste gegen den Auftritt eines führenden deutschen Neonazis, keine Solidaritäsbezeugungen bei der Befragung der Opfer. Der Zuschauerraum im Schwurgerichtssaal blieb meistens leer. Auch, als mitgeschnittene Telefonate des Angeklagten abgespielt wurden. Einer Freundin hatte er sozusagen vor den Ohren der Polizei erläutert, man könne „eigentlich dauernd schwangere Frauen abknallen. Hauptsache, die Mutter stirbt nicht, alles andere ist nur Abtreibung“. So gesehen sei es auch „nur Abtreibung, was ich gemacht habe.“ Dass er gleich noch ein „gemacht haben soll“ hinterherschob, ließ das Gericht später zweifeln, ob dieser Satz Geständnis war.

Dem Betrüger aus der JVA, dem der Angeklagte erzählt haben soll, er habe „Kanaken weggesprengt“, glaubten die Richter genauso wenig, auch nicht, als der auf die Belohnung – mit rund 60.000 Euro die höchste je in NRW ausgesetzte – verzichtete. Und die belastenden Aussagen der früheren Freundinnen wirkten im Gerichtssaal weniger glaubwürdig als bei den Vernehmern der Polizei. Am 31. Juli 2018 sprach das Landgericht den Mann, der seit 17 Jahren, mal mehr, mal weniger, unter Verdacht stand, frei.

Die Opfer, deren Wunden nur oberflächlich schwach verheilt gewesen und seit der ersten und einzigen Verhaftung wieder aufgerissen worden waren, blieben mit den Kosten für die Nebenklage zurück.

Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft hat die Revision des Urteils beantragt. Das Gericht habe die vorgelegten Beweise nicht ausreichend gewürdigt, rügen die Ankläger, die wegen zwölffachen Mordversuchs auf eine lebenslange Freiheitsstrafe plädiert hatten. Sie werfen der Kammer auch vor, ihrem Ermittlungsauftrag nicht hinreichend nachgekommen zu sein und wenig Anstrengungen bei der Suche nach einem Zeugen unternommen zu haben, der nachweislich mit Sprengstoff und Zündvorrichtungen, wie sie beim Anschlag benutzt wurden, in Verbindung gebracht wurde. Dieser Bekannte des Angeklagten ist bis heute unauffindbar.

In den nächsten Wochen wird die Bundesanwaltschaft nach bald zweijähriger Prüfung bekannt geben, ob sie die Rügen der Düsseldorfer Ankläger teilt. Wenn ja, wird der Bundesgerichtshof entscheiden müssen, ob das Verfahren gegen den inzwischen 54-jährigen Angeklagten neu aufgerollt wird.

Das zähe Ringen der Justiz hat Bewegung in die Stadt gebracht, die das Verbrechen nicht länger ignoriert. Vielleicht auch, weil im Prozess zumindest eine Frage geklärt werden konnte. Profiler des Landeskriminalamts, deren Wissenschaft im Sommer 2000 noch in den Anfängen steckte, haben nach gründlicher Analyse der unbestreitbaren Fakten keinen Zweifel daran gelassen, dass der Sprengstoffanschlag vom Wehrhahn ein fremdenfeindlicher Angriff war.

Vor allem die Bezirksvertretung 1 hat sich mit ihrer Bezirksbürgermeisterin Marina Spillner für eine Erinnerungstafel am S-Bahnhof Wehrhahn stark gemacht, die im Mai angebracht wurde. Ab Montag soll auch ein Kunstwerk daran erinnern, dass an diesem Ort das Leben von zwölf Menschen für immer beschädigt wurde – aus keinem anderen Grund als ihrer Nationalität.