Laura Gehlhaar aus Düsseldorf: Was sich Rollstuhlfahrer anhören müssen

Laura Gehlhaar aus Düsseldorf: Was sich Rollstuhlfahrer anhören müssen

Laura Gehlhaar lebt mit einer Behinderung. Seit Anfang des Jahres berichtet sie im Internet über ihre Erlebnisse. Auch viele dumme Sprüche musste sie sich schon anhören. Daraus hat sie jetzt ein "Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingo" entwickelt.

"Oh, Unfall gehabt? Selbst verschuldet?", hat mal jemand Laura Gehlhaar gefragt. Ein anderer sagte zu ihr: "Sie müssen das positiv sehen: Sie haben immer Ihren Sitzplatz dabei!" Solche Sprüche hat die 31-Jährige schon oft gehört. Laura Gehlhaar sitzt im Rollstuhl, erlebt in ihrem Alltag immer wieder ähnlich blöde Kommentare.

Seit Anfang des Jahres berichtet die Düsseldorferin im Internet in einem Blog über ihr Leben im Rollstuhl, beschreibt Erfahrungen und Erlebnisse. "Ich möchte die Menschen für das Thema ,Leben mit Behinderung' sensibilisieren - das geht alle etwas an. Irgendwann waren oder sind wir alle mal auf Hilfe angewiesen", sagt sie. Oft möchte sie nur den Kopf schütteln über die Ignoranz, die ihr manche Menschen entgegen bringen. "Da hilft nur Humor, zum Glück bin ich von Natur aus eine Frohnatur", sagt Gehlhaar.

In einem ihrer jüngsten Online-Artikel veröffentlichte sie eine Liste der Sätze, die Rollstuhlfahrer immer wieder zu hören bekommen. "Das Mitteilungsbedürfnis scheint oft sehr angeregt zu sein, wenn ich als Rollstuhlfahrerin irgendwo auftauche", schreibt die Bloggerin, die mittlerweile in Berlin lebt. Aus den Sprüchen hat Laura Gehlhaar nun ein "Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingo" entwickelt - dort führt sie die Kommentare auf, die ihr Leute an den Kopf werfen. "Soll ich schieben? Ich hab mal Zivi gemacht", steht dort, oder: "So hübsch und dann im Rollstuhl."

Das Bingo kursiert derzeit auf verschiedenen Seiten und Foren im Internet. Mit Witz und Humor möchte sie Menschen ohne Behinderung auf das Thema aufmerksam machen. "Es gibt auch behinderte Menschen, die lieber den ganzen Tag meckern. Aber damit erreicht man doch nichts", findet Gehlhaar. Die Resonanz auf das Bingo sei bislang meist positiv. "Einige habe ich damit aber auch verunsichert. Sie fragen sich, was sie überhaupt noch zu Rollstuhlfahrern sagen dürfen", sagt Gehlhaar. Dabei wolle sie niemanden abschrecken: "Natürlich nerven solche Sprüche, aber ich fände es schlimmer, wenn die Leute mich ignorieren würden." Einen Satz habe sie leider vergessen im Bingo aufzulisten, ärgert sich Gehlhaar heute. Eine Freundin wies sie später darauf hin: "Im Winter werde ich gerne gefragt, ob ich denn auch Schneeketten für meinen Rollstuhl habe. Das meinen sie leider nicht als Witz."

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Doch nicht nur dumme Sprüche muss sich Gehlhaar immer wieder anhören, auch Fragen von wildfremden Menschen soll sie beantworten - gerne zu ihrer Privatsphäre: "Ich wurde schon von Leuten auf der Straße nach meinem Sexualleben gefragt. Das finde ich erschreckend, denn es geht niemanden etwas an." Auch ihr Ex-Freund, der nicht im Rollstuhl sitzt, musste sich schon einige Fragen gefallen lassen: "Er wurde öfter mal gefragt, ob er mein Betreuer sei."

Aber warum reagieren manche Leute so, wenn sie auf Menschen mit Behinderung treffen? "Sie sind unsicher, haben wenig Erfahrung im Umgang mit behinderten Menschen gemacht", vermutet Gehlhaar. Sie sei damals auf dem Gymnasium die einzige Schülerin mit einer Behinderung gewesen, auch an der Universität habe es nicht viele Menschen in ihrer Situation gegeben: "Wenn Kinder schon im frühen Alter gemeinsam mit behinderten Menschen lernen und aufwachsen, wird der Umgang für sie eine Selbstverständlichkeit."

Die aktuelle Diskussion zum Thema Inklusion sei deshalb wichtig und müsse in Zukunft noch weiter geführt werden, so die Wahl-Berlinerin. So offen und selbstbewusst ist Laura Gehlhaar mit ihrer Behinderung aber nicht immer umgegangen. Sie sitzt erst seit einigen Jahren im Rollstuhl: "Ich habe verschiedene Phasen durchlebt."

Am Anfang, als sie zum ersten Mal mit dem Rollstuhl das Haus verlassen habe, habe sie sehr sensibel auf Blicke und Kommentare reagiert. "Dann kam die Phase, wo Leute mir anerkennend auf die Schulter klopften und mich als ihre Inspiration bezeichneten. Das fand ich erst ganz cool." Später habe sie es aber nur als nervig empfunden. Da habe sie dann auch mal pampig reagiert. "Ich möchte für niemanden eine Inspiration sein, nur weil ich im Rollstuhl sitze. Mir geht es vor allem darum, so behandelt zu werden wie jeder andere auch - das sollte doch längst selbstverständlich sein", sagt Gehlhaar.

(RP)
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