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Was in Düsseldorf die Industrie für die Zukunft braucht

Strukturwandel in Düsseldorf : Was die Industrie für die Zukunft braucht

Der zweitgrößte Industriestandort des Landes NRW hat mit zahlreichen Herausforderungen zu kämpfen. Wie zum Beispiel sollten die knappen Flächen aufgeteilt werden – eher für Wohnungen oder wieder stärker für Fabriken?

Ein kurzes Gedankenexperiment: Stellen Sie sich eine typische Szene aus dem Düsseldorfer Wirtschaftsleben vor. Mal ehrlich – wer hat jetzt gerade wirklich an ein Fabrikgelände gedacht? Dennoch ist es nach wie vor wahr: Düsseldorf ist der zweitgrößte Industriestandort in Nordrhein-Westfalen. Knapp 100.000 Jobs hängen laut Industrie- und Handelskammer direkt oder indirekt von diesem Wirtschaftszweig ab.

Seine Bedeutung ist also enorm. Doch die Herausforderungen der Zukunft sind mindestens ebenso groß. Denn Düsseldorf ist die deutsche Großstadt mit besonders knapper Fläche im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Und die wächst stark. Plötzlich muss man sich entscheiden: Wie soll der Platz genutzt werden? Für die Industrie? Oder doch für Wohnungen?

„Nutzungskonflikt“ nannte das Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) am Freitag beim Deutschen Gewerkschaftsbund in Düsseldorf, der zu drei Diskussionsrunden zum Thema „Zukunft der Industrie“ geladen hatte. Ein Beispiel aus der Praxis lieferte Harry Hansen, Betriebsratsvorsitzender von Konecranes (früher Gottwald, dann Mannesmann oder später Demag Cranes). In der Nachbarschaft des Unternehmens in Benrath sind auf dem ehemaligen Thyssen-Krupp-Gelände das Albrecht-Dürer-Berufskolleg und viele Wohnungen entstanden.

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Weniger Sorgen machten ihm mögliche Konflikte wegen Lärms oder Verkehr, auch für Belange des Unternehmens sei man mit der Stadt im guten Austausch: „Aber der Industriestandort im Süden ist immer mehr weggebrochen, wir haben viele Kollegen verloren.“ Das seien gutbezahlte Jobs gewesen, das verdiente Geld sei in der Stadt ausgegeben worden. „Wir brauchen insgesamt mehr Akzeptanz für die Industrie.“

Bei diesem Punkt herrschte Einigkeit bei allen Diskussionsteilnehmern. Gregor Berghausen, Hauptgeschäftsführer der IHK, sprach von einer „Bewusstseinsfrage“. Es brauche ein Bekenntnis der Stadt, das in konkrete Projekte münden müsse. Als Beispiel nannte er den Ausbau des Reisholzer Hafens oder bei konkreten Beispielen den Erhalt von Industrieflächen, selbst wenn sie frei würden. Oberbürgermeister Keller verwies darauf, dass dies mit einem erneuerten Masterplan Industrie sowie einem Kernzonenkonzept künftig häufiger gelingen soll. Auch wenn das bedeute, dass Flächen dann auch mal längere Zeit nicht genutzt würden – es brauche schließlich Zeit, bis sich Industrie-Unternehmen ansiedeln. Keller gab aber auch zu bedenken, dass an vielen Stellen bezahlbarer Wohnraum fehle, auch für die Arbeitnehmer in der Industrie. 

Natalie Mühlenfeld, Bezirksleiterin IG BCE Düsseldorf, forderte zudem, dass die Stadt mit ihrer kommunalen Flächenpolitik Umsiedlungen und Erweiterungen von Unternehmen leichter ermöglichen müsse. Für Investitionen brauche es zudem Planbarkeit und Verlässlichkeit. Und sie verwies auf die Bedeutung guter Rahmenbedingungen wie eine leistungsstarke Infrastruktur, nicht nur für den Transport, sondern etwa auch in Form digitaler Netze. Auch Stephanie Peifer, Geschäftsführerin des Verdi-Bezirks, betonte die wichtige Rolle der Stadtverwaltung. So müsste mehr dafür getan werden, um dauerhaft ausgeschriebene Stellen für Fachkräfte besetzt zu bekommen. Es fehlten etwa Straßenbauer, beim Bauamt dauerten die Prozesse zu lang. Lob gab es allerdings für den Einsatz bei der Ausbildung.

Neben der Rolle als Dienstleister betonte Peifer auch die Notwendigkeit, den Umbau hin zu erneuerbaren Energien zu fördern, etwa bei Rheinbahn und Stadtwerken. „Klimaschutz ist ein Standortfaktor.“ Aus Müllheizkraftwerken könne etwa Wasserstoff für die Rheinbahn erzeugt werden, industrielle Abwärme könnte als Fernwärme genutzt werden. Anja Weber, Vorsitzende des DGB NRW, fragte zudem, wie in Düsseldorf Tempo für den Ausbau von Solarenergie aufgenommen werden könne. Sie forderte zudem eine aktive Industriepolitik, die Fabriken unterstützt, damit sie auf Wasserstoff zur Produktion umsteigen. Sie müssten aufgrund des noch knappen Guts bevorzugt behandelt werden, damit sie mit einer ausreichenden Menge planen könnten.

Für die Stadtwerke beschrieb der Vorstandsvorsitzende Julien Mounier, wie der städtische Versorger die Energiewende vorantreiben will. Neben dem Gaskraftwerk stehe die dezentrale Erzeugung und Einspeisung von Energie im Fokus. Pläne für eine neue Müllverbrennungsanlage gibt es zudem bereits, wobei die Erzeugung von Wasserstoff eine Option ist. Mounier betonte zudem die Möglichkeit, industrielle Abwärme zu nutzen. „Wir wollen uns breit und technologieoffen aufstellen.“ Auch Geothermie werde deshalb ein Thema sein. Insgesamt sehe man sich in Zukunft nicht mehr als bloßer Energieversorger, sondern wolle vielmehr „Infrastrukturdienstleister für industrielle und private Kunden“ sein. Bei den dafür nötigen internen Umstrukturierungen glaube er an eine Beschäftigungsgarantie.