Warum in Düsseldorf mehr über Aids gesprochen werden sollte

Projekte auch für Migranten : Warum in Düsseldorf mehr über Aids gesprochen werden sollte

Überdurchschnittlich viele Menschen mit HIV und AIDS leben in der Landeshauptstadt. Für sie hat die Aidshilfe spezielle Beratungs- und Betreuungsangebote. Um Neuinfektionen zu vermeiden, setzt man jetzt auch auf andere Ansätze in der Aufklärung.

Wenn der „Checkpoint“ dienstags um 19 Uhr für zwei Stunden öffnet, dauert es meist nicht lange, bis die ersten Männer kommen. „Im Durchschnitt sind es 15 bis 20“, sagt Marco Grober. Er ist der Projektleiter der Anlaufstelle, die die Aidshilfe Düsseldorf 2017 für schwule und bisexuelle Männer geschaffen hat. Viele Männer kommen, weil sie befürchten, sich infiziert zu haben, weil sie ungeschützten Sex hatten, weil das Kondom riss. Einige suchen die Anlaufstelle „routinemäßig“ ein- bis zweimal im Jahr auf. „Bei uns können sie anonym und kostenlos einen HIV-Schnelltest machen lassen, wenn wir es nach der Beratung für sinnvoll halten“, sagt Grober. Denn wenn man zu früh nach einem „Infektionsrisiko“ teste, könne man sich bei einem negativen Ergebnis in falscher Sicherheit wiegen. Im Checkpoint mit jemandem über seine Sexualität und seine Sorgen zu sprechen, falle vielen Männern deutlich leichter, als zum eigenen Arzt zu gehen.

Über HIV und AIDS sollte mehr und auch öffentlich gesprochen werden. „Denn die Landeshauptstadt gehört in Deutschland zu den besonders stark durch HIV und AIDS betroffenen Großstädten“, sagt die Sprecherin der Aidshilfe Düsseldorf, Yvonne Hochtritt. „Die Häufigkeit von HIV pro 100.000 Einwohnern liegt in Düsseldorf mehr als doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt.“ Das liege an den vielen und vielfältigen Angeboten für „Menschen mit alternativen Lebensentwürfen, die auch anonym zugänglich sind“. Aber eben auch daran, dass „Menschen in Düsseldorf eine bessere Versorgung durch Ärzte und Gesundheitszentren, aber natürlich auch im Bereich schwule Szene, Drogen, Prostitution finden“.

Aids habe zwar sein „dramatisches Image aus den 1980er und 1990er Jahren verloren“, sagt Hochtritt. Die Diagnose bedeutet heute nicht mehr ein Todesurteil. Medikamente müssen aber ein Leben lang genommen werden, haben im Zweifel Nebenwirkungen und kosten viel Geld: „Je früher getestet, diagnostiziert und je besser medizinisch therapiert wird, desto größer sind die Chancen auf ein langes Leben.“

Bei der Aufklärung setzt die Aidshife auch auf neue Ansätze. Sie spricht gezielt einzelne Gruppen in ihrer spezifischen Lebenswelt und ihrem Wissensstand entsprechend an, zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund, Schüler, Menschen aus dem Drogen- oder Prostitutionsumfeld. So wurde das preisgekrönte Projekt „You’re welcome Mashallah“, ein Beratungsangebot für schwule und bisexuelle Migranten und geflüchtete Männer, geschaffen. Sie werden beraten zu Themen wie sexuelle Identität und Gesundheit sowie Schwulsein im Migrationsumfeld. Zudem gibt es Beratungsangebote für Menschen mit und ohne HIV-Erkrankung, die Drogen konsumieren und substituieren. Auch bei Ärzten und in der Allgemeinbevölkerung gebe es noch viel Aufklärung zu leisten.

Die meisten Männer, die in den Checkpoint an der Johannes-Weyer-Straße 1 kommen, sind zwischen 30 und 40 Jahre alt, einige ­wiederum Senioren, sagt Projektleiter Marco Grober. Vor Ort kümmern sich ein Arzt und Berater um die Besucher. Darunter sind manchmal Frauen, die ungern mit ihrem Frauenarzt über die Umstände sprechen wollen, wie es möglicherweise zu einer Syphilis- oder Chlamydienerkrankung kam. Oder für die Tests weniger als bei ihrem Arzt bezahlen möchten. Grober: „Wir schicken niemanden weg!“

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