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Made In Düsseldorf: Vossloh Kiepe elektrisiert den Nahverkehr

Made In Düsseldorf : Vossloh Kiepe elektrisiert den Nahverkehr

Ob Straßenbahnen, Busse, Züge oder die berühmte Wuppertaler Schwebebahn: ohne Technik aus Düsseldorf läuft nichts. Der Zulieferer Kiepe entwickelte sich von der Lampenreparaturwerkstatt zum führenden Ausrüster im Nahverkehr.

Mit einer Reparaturwerkstatt für Bogenlampen fängt die Geschichte des Düsseldorfer Traditionsunternehmens Kiepe an — in bescheidenen Verhältnissen. Der Gründer heißt Theodor Kiepe. Seine kleine Firma hat ihren Sitz an der Steinstraße, unweit des heutigen Zentrums der Stadt.

In den ersten Jahren wird viel herumexperimentiert. Ausgerechnet die Kegelbrüder des Firmengründers, der Club heißt "Kurzschluss", halten Kiepes Geschäft mit Aufträgen zur Reparatur von Schaltgeräten und Ähnlichem anfangs über Wasser.

Schon 1910 hat Kiepe die ersten Berührungspunkte mit dem Geschäft, das bis heute die Kernkompetenz der Firma ausmacht: Batteriegetriebene Elektrofahrzeuge werden ausgerüstet. Trotz ständiger Um- und Ausbauten wird der Standort Steinstraße zu klein. Kiepe zieht 1912 an die Ellerstraße in Oberbilk. Im selben Jahr steigt die Mitarbeiterzahl auf 50. Zehn Jahre später reicht auch dieses Werk nicht mehr aus. Weil die Nachfrage nach Elektrik in einer technikgläubigen Zeit wächst und wächst, baut Kiepe einen neuen Standort in Hassels, dort ist die Firma noch heute.

Noch viermal ändert sich die Adresse von Kiepe. "Am Köhnen" heißt die erste Postanschrift. Weil das Gelände verschiedene Zufahrten in dem schnell wachsenden Hasselser Industriegebiet hat, lautet die Anschrift nach einigen Jahren "Thorner Straße". Schließlich wird Benrath zu Düsseldorf eingemeindet und damit auch Hassels zu einem Stadtteil. Die neue Kiepe-Adresse: Bublitzer Straße. 2005 schließlich bekommt Kiepe ein neues Empfangsgebäude, einen neuen Wendehammer und auch wieder eine neue Anschrift. Diesmal gibt es keinen Zweifel: Kiepe-Platz 1.

Der Zweite Weltkrieg bringt Aufträge nach Düsseldorf, doch es wird schwerer, diese abzuarbeiten. Viele Männer in der Produktion werden zum Kriegsdienst rekrutiert. Ersetzt werden sie teilweise durch Zwangsarbeiter — die im Jahr 2000 von Kiepe eine Entschädigung erhalten. Mit dem Kriegsende und den massiven Zerstörungen Düsseldorfs kommt die Produktion zum Erliegen.

Doch nichts ist wichtiger in den ersten Wochen nach der "Stunde Null" als Mobilität. So nimmt Kiepe bereits vier Wochen nach Kriegsende wieder die Fertigung auf. Und die Düsseldorfer Firma baut Fahrzeuge, die vom Grundsatz her heute noch Zukunftsmusik sind. 69 Vorkriegs-Lkw der Post werden auf Batteriebetrieb umgerüstet. Und zwischen 1950 und 1955 werden von der neu gegründeten Bundespost knapp 400 elektrische Transporter gekauft — mit Technik von Kiepe. Ansonsten sind die ersten Nachkriegsjahre von Reparaturarbeiten an Straßenbahnen geprägt. Bis zum Jahr 1951.

Südamerika war vom Krieg verschont geblieben. Die Metropolen dort erleben einen ungeahnten Fortschrittsschub. Und so will die argentinische Hauptstadt Buenos Aires ihren Nahverkehr neu auf die Beine stellen. Dabei helfen sollen sogenannte Trolley- oder O-Busse — also Omnibusse, die wie eine Straßenbahn ihren Strom aus einer elektrischen Oberleitung beziehen. 700 Fahrzeuge sollen in nur einem Jahr fertig sein. Zum Vergleich: In allen Städten der Bundesrepublik zusammen gibt es damals nicht einmal 500 O-Busse. Die Karosserie-Produktion wird auf MAN, Daimler-Benz und Henkel aufgeteilt. Die Elektrik aber kommt allein von Kiepe. Es werden Zweifel laut, ob die kleine Firma aus Düsseldorf diesen Großauftrag stemmen kann. Sie kann, wenn auch nur mit drastischen Mitteln. Die Zahl der Mitarbeiter wird kurzfristig auf 600 hochgeschraubt. Das ist nur möglich, weil viele findige Facharbeiter aus der DDR ins Rheinland geflohen sind. Erstmals wird bei Kiepe in Serie produziert. Es ist bis heute der größte Auftrag in der Firmengeschichte — mit vielen Geschichten am Rande. So besucht ein argentinischer Minister das Düsseldorfer Werk. Er ist hoch erstaunt, wie klein der Elektromotor für die Trolleybusse ist — was der Regierungsbeamte tatsächlich sieht, ist der Antrieb für das Gebläse des eigentlichen Motors. 1952 soll eine wichtige Fräsmaschine von den Alliierten beschlagnahmt werden. Tatsächlich handelt es sich nicht um Beutegut, wie die Siegermächte vermuten. Und als ein alliierter Offizier den Abtransport androht, greifen die Mitglieder des Kiepe-Betriebsrates zu einem zweifelhaften Mittel. Sie drohen, den Abtransport notfalls mit Prügel zu verhindern — die Fräsmaschine bliebt in Düsseldorf.

Der Großauftrag brachte den Durchbruch für die Trolleybusse mit Kiepe-Technik. Die Stadt Solingen bestellt 1959 mehr als 50 Fahrzeuge — der Beginn einer bis heute dauernden Geschäftsbeziehung.

Im Nachkriegsdeutschland wächst gleichzeitig die Nachfrage nach elektrischen Straßenbahnen. Ausgerüstet werden die meisten von Kiepe. Die Düsseldorfer Rheinbahn bestellt dort, die Kölner KVB, aber auch die Städte Darmstadt, Dortmund, Herford, München, Neuss, Bonn, Aachen, Karlsruhe, Mönchengladbach, Stuttgart, Ulm und Wuppertal vertrauen auf Technik "Made in Düsseldorf".

Neben dem "Brot- und Buttergeschäft" wird bei Kiepe auch experimentiert. Die Technik für die Ein-Schienenbahn "ALWEG" kommt von Kiepe. Eine Teststrecke gibt es in Köln, bei der Jahrhundertausstellung 1961 in Turin wird eine erste öffentliche Strecke gebaut. In Serie geht die futuristische "ALWEG" nie.

1962 zieht es Kiepe aufs Wasser. Das von der Rheinbahn für die Weisse Flotte beschaffte Ausflugsschiff "Düsseldorf" erhält Akkus von Kiepe. Das Boot läuft übrigens ausgerechnet in Köln vom Stapel.

In den 70er Jahren kommen neue Generationen von Straßenbahnen auf die Schienen der westdeutschen Großstädte. Wieder mit Technik von Kiepe. Mehrmals wechselt die Firma den Besitzer, bis sie schließlich von Vossloh übernommen wird, der Name wird entsprechend in "Vossloh Kiepe" geändert. Besonders begehrt bei Kiepe sind Aufträge aus der Heimatstadt.

So ist es selbstverständlich für die Kiepe-Ingenieure, dass die Elektrik für die 2006 von der Rheinbahn beschafften Silberpfeil-Straßenbahnen aus Hassels kommt — eine Krönung für das Jahr des 100. Firmengeburtstags, zu dem die Kiepe-Ingenieure Carsten Kossow und Dieter Larraß erstmals eine umfassende Firmenchronik erstellen.

Heute fahren Straßenbahnen, U-Bahnen und Busse in aller Welt mit Technik von Kiepe. Und doch lieben die Techniker vor allem die Herausforderung, das Besondere, speziell, wenn es in der Nachbarschaft liegt. So wird die Stadt Wuppertal 2016 neue Waggons für die berühmte Schwebebahn anschaffen. Die Bestellung ist längst aufgegeben. Und die Elektrik für die weltweit einzige Bahn dieser Art, sie kommt wieder von Kiepe aus Düsseldorf.

(RP/ila)