Vortrag an Uni Düsseldorf: Warum Öffentlichkeit grausam sein kann

Vortrag an der Düsseldorfer Heine-Uni : Warum Öffentlichkeit grausam sein kann

Beim Mini-Symposium „Intime Öffentlichkeiten: Klatsch und Skandal in Celebrity Cultures“ an der Heinrich-Heine-Universität sprachen Forscher über die Folgen eines Lebens in der Öffentlichkeit. Denn das hat auch viele Schattenseiten.

In Zeitlupe sprintet Kevin Costner über die Bühne, wirft sich mit einem Hechtsprung vor Whitney Houston und fängt in letzter Sekunde eine Pistolenkugel ab, die eigentlich für die junge Sängerin gedacht war: Bei dieser berühmten Szene aus dem Hollywoodfilm „Bodyguard“ stockte wohl so manchem Zuschauer der Atem. Doch um Nervenkitzel ging es Chris Tedjasukmana gar nicht: „Wie man sehen kann, wird die Kamera hier sprichwörtlich als Waffe verwendet“, erklärte der Film- und Medienwissenschaftler und zeigte ein Standbild vom Bösewicht des Films, der seine Tatwaffe in einer Fernsehkamera versteckt hatte. „Das ist ein durchaus passendes Sinnbild für die Gefahr, die davon ausgeht, wenn man als Person ständig und unmittelbar in der Öffentlichkeit steht.“

Sein Vortrag „Grausame Öffentlichkeit. Von Whitney Houston zu Black Lives Matter“ war Teil des Symposiums „Intime Öffentlichkeiten: Klatsch und Skandal in Celebrity Cultures“ an der Heinrich-Heine-Universität. Bei der von Professorin Brigitte Weingart organisierten Veranstaltung standen vor allem die Folgen für Prominente durch ihr Leben in der Öffentlichkeit im Fokus.

Tedjasukmana konzentrierte sich bei seiner Analyse zu Beginn auf das Leben von Whitney Houston, der unter anderem eine Affäre mit ihrer besten Freundin Robyn Crawford nachgesagt wurde. Wie der Titel von Tedjasukmanas Präsentation schon andeutete, hatte das Leben im Rampenlicht für die Sängerin und Schauspielerin allerdings noch weitaus tragischere Folgen, als die Entstehung von Gerüchten und Klatsch: „Bodyguard markierte den Höhepunkt von Whitney Houstons Karriere. Danach folgte eine lange und öffentlich beobachtbare Phase der Selbstzerstörung, welche schlussendlich in ihrem Tod im Jahre 2012 gipfelte“, berichtete der Wissenschaftler, der extra aus Berlin angereist war um seinen Vortrag in Düsseldorf zu halten.

Wie man das Offenlegen von Intimität auch zu seinen Gunsten einsetzten kann, zeigte Tedjasukmana am Beispiel der Black-Lives-Matters-Bewegung, die mit Hilfe von Videos immer wieder Ungerechtigkeiten im Alltag der Menschen aufzeigt und verbreitet. Den Abschluss seines Vortrags markierte ein Blick auf digitale Plattformen wie Facebook, YouTube und Tinder, die ihrerseits eine Form intimerer Öffentlichkeit und eine neue Art von Prominenten hervorbrachten. Diese sogenannten Micro-Celebritys, also Menschen, die nur in einer bestimmten Szene bekannt werden und dort ihre Fans haben, sind in Form von Bloggern und YouTubern vor allem im Internet zu finden. Doch auch Plätze wie die Düsseldorfer Königsallee funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip: „Es geht darum, innerhalb eines bestimmten Kreises sichtbar zu sein und dazuzugehören“, sagte Weingart, die an der Heine-Uni zurzeit einen Kurs über das Verhältnis von Klatsch und Berühmtheit gibt. „Dabei geht es jedoch weniger um eine Fanbase als mehr um ein Publikum, dem man sich präsentiert, indem man zum Beispiel über die Kö flaniert oder sich bei Veranstaltungen zeigt.“ Ihr Kollege Peter Rehberg ergänzte: „Der öffentliche Stadtraum ist durchaus ein ebenso spezifischer Ort, wie etwa YouTube. Entsprechend geht es im Hinblick auf Gerüchte und intime Details auch hier darum, wer einen bestimmten Grad an Bekanntheit erreicht hat und dementsprechend klatschwürdig ist.“

Rehberg, der ebenfalls in Berlin arbeitet, konzentrierte sich bei seinem Vortrag auf den Eurovision- Song-Contest (ESC) und dessen letztjährige Gewinnerin Netta. Die Sängerin aus Israel sprach mit der Veröffentlichung des Songs „Toy“ in Verbindung mit ihrer bunten Performance unterschiedliche Gruppen an. „Sie wurde schon vor dem eigentlichen ESC-Finale von der schwulen Community gefeiert und begeisterte mit ihrem elektronischen Sound gleichzeitig das jüngere Publikum“, berichtete der Kultur- und Medienwissenschaftler. Auch die politische Perspektive von Nettas öffentlichem Auftreten zeigte er auf: „Der israelische Präsident Netanjahu nutzte die Popularität von Netta, um sich selbst positiv zu positionieren“, erklärte Rehberg, während im Hintergrund eine Aufnahme von Netanjahu zu sehen war, wie er den Chicken-Dance der Sängerin nachahmte.

Den Vorträgen schloss sich eine rege Diskussion an.

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