Vor der Landtagswahl: Martin Schulz zu Gast beim Ständehaus-Treff

Martin Schulz beim Ständehaus-Treff : "Ich war eine faule Socke"

SPD-Chef Martin Schulz präsentierte sich beim Ständehaus-Treff als selbstbewusster Kanzlerkandidat und überzeugter Europäer. Offenherzig sprach der 61-Jährige in dem früheren Düsseldorfer Landtag aber auch über seine missratene Schulzeit und seine Alkoholkrankheit als junger Mann.

Am Tag nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in Frankreich ist in weiten Teilen Europas ein Aufatmen zu vernehmen - trotz des Erfolgs der Rechtspopulistin Marine Le Pen. Auch beim SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten Martin Schulz überwiegt die Erleichterung. "Mit Emmanuel Macron hat ein ausgewiesener Europäer gewonnen", sagte Schulz beim traditionsreichen Ständehaus-Treff in Düsseldorf.

Zudem habe sich gezeigt, dass mit Marine Le Pen nach Norbert Hofer in Österreich und Geert Wilders in den Niederlanden ein weiterer rechter Kandidat unter den vorhergesagten Umfragewerten geblieben sei. Schulz: "Das ist ein gutes Zeichen für Europa." Zwar sei in Frankreich noch nichts sicher. Er glaube aber, dass Macron am Ende gewinne. Schulz nannte Le Pen eine Zynikerin, die Dinge verspreche, von denen sie wisse, dass sie nicht umzusetzen seien. Die Populisten hätten vor allem ein Ziel: zerstören. Auf die Frage von RP-Chefredakteur Michael Bröcker, ob Macron nicht genau die Reformen in Frankreich vorschlage, die Schulz in Deutschland gerade zurückdrehen wolle, entgegnete Schulz abwehrend: "Die wirtschaftliche Lage zwischen den Ländern ist nicht vergleichbar."

Über 500 Gäste kamen Montagabend zum Ständehaus-Treff, der Anfang 2016 von der Rheinischen Post übernommen wurde. Darunter waren NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, Landtagspräsidentin Carina Gödecke, Oberbürgermeister Thomas Geisel (alle SPD), die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Henkel-Aufsichtsratschefin Simone Bagel-Trah sowie Rolf Königs, Präsident des Fußball-Bundesligisten Borussia Mönchengladbach. Schulz ist zum ersten Mal als SPD-Chef und Kanzlerkandidat zu Gast, am 11. Mai kontert Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Martin Schulz ist so etwas wie ein Europäer qua Geburt. Er wuchs in Würselen im Dreiländereck Niederlande, Belgien, Deutschland auf, seine Vorfahren waren über mehrere europäische Länder verstreut: Die eine Urgroßmutter wurde in Kerkrade in den Niederlanden geboren, die andere in Eupen in Belgien. Als Präsident des EU-Parlaments betonte er oft, die EU sei das beste Mittel zur Abwehr von Rassismus, Berlin schien für ihn lange Jahre keine ernsthafte Option zu sein.

Dann kam der 21. Januar. Geschichten spinnen sich inzwischen um das Datum, wie Schulz nominiert wurde. In Montabaur traf sich Schulz demnach mit dem damaligen SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, der ihm dann die Kanzlerkandidatur antrug. "Was Sigmar gemacht hat, verdient größten Respekt", sagt Schulz nun. Sich selbst zurückzustellen in dem Glauben, ein anderer könne es besser, sei eine starke Entscheidung. Schulz betonte, dass die beiden weiterhin Freunde seien. Auch privat." Was die beiden genau zu besprechen hatten, will Schulz auch Montag nicht sagen, nur so viel: "Wir haben mit dem engsten Führungskreis überlegt, wer am ehesten die Chance hat, die SPD als Kanzlerkandidat anzuführen."

Wenig später wurde Schulz von der Partei ohne Gegenstimme zum neuen Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten gewählt. "Diese 100 Prozent sind auch eine Bürde", sagte Schulz rückblickend. Sobald er zwei Stimmen verliere, sei die öffentliche Wahrnehmung, dass er abstürze. "Die Rheinische Post schreibt dann bestimmt: Schulz stürzt ab", scherzte er. Im Wahlkampf werde er die Frage der sozialen Gerechtigkeit zum Thema machen. "Wir haben einen wachsenden Niedriglohnsektor", bekräftigte Schulz. Alleinerziehende hätten es besonders schwer, Frauen und Männer würden immer noch nicht gleich bezahlt, und es herrsche in Deutschland ein Pflegenotstand.

Es könne nicht sein, dass Reiche mit großen Vermögen den gleichen Steuersatz zahlten wie ein Facharbeiter. Wie ein Steuerkonzept der SPD aussehen könnte, umschrieb er so: Wer 45.000 bis 52.000 Euro brutto im Jahr verdiene, solle keinen Spitzensteuersatz zahlen. Das ist allerdings auch heute schon nicht der Fall. Besonders sattelfest zeigte sich der SPD-Politiker bei dem Thema nicht. Grundvoraussetzung der Steuervorschläge sei, dass diese finanzierbar seien. "Wir arbeiten an einem in sich geschlossenen Konzept." Abgeltungs- und Kapitalertragsteuer sollten einbezogen werden. "Die Steuerpolitik ist in Deutschland eine Kampfbegriff-Debatte", so Schulz. Erst im Juni wolle die Partei Näheres vorstellen. Durchblicken ließ Schulz allerdings, dass er die Vermögensteuer nicht als das adäquate Mittel ansieht, um größere Vermögen zu besteuern.

Zuhause gab es eine große Koalition

Schon früh kam Martin Schulz mit der Politik in Kontakt. Schulz' Vater war Polizeibeamter, ein Sozialdemokrat. Die Mutter stammte aus einer katholisch-konservativen Familie und war in der CDU aktiv. "Sie war eine großartige Frau, aber nicht frei von Irrtümern", sagte er mit Blick auf ihr Parteibuch. Im Elternhaus wurde häufig und angeregt über Politik diskutiert, wie sich Schulfreunde erinnern. "Ich stamme aus sehr, sehr liebevollen Verhältnissen", sagte er.

Für Politik begeisterte ihn Willy Brandt, der bei den Eltern auf geteiltes Echo stieß: Für seine Mutter sei er ein Übel gewesen, für den Vater bedeutete er das Ende der Bevormundung durch seine Frau.

Für Martin drehte sich in den ersten 20 Jahren seines Lebens fast alles um Fußball, er wollte Profi werden. In der Schule war er lausig, musste die elfte Klasse wiederholen, fiel durch die Nachprüfung. "Ich war eine faule Socke", sagt Schulz rückblickend. Auf dem Fußballplatz blühte er auf, ein Kämpfer, kein Techniker, wie er einräumt. Doch dann kam es anders. Bei einem Spiel zog sich Schulz Mitte der 70er Jahre eine Knieverletzung zu. Das Fußballspielen musste er aufgeben.

Den 19-Jährigen stürzte dies in eine tiefe Krise. Die Gaststätte Houben, eine kleine Kneipe im Zentrum von Würselen, wurde zu Schulz' zweitem Zuhause. Es folgte der Absturz, Schulz wurde zum Alkoholiker. Er selbst machte daraus nie einen Hehl: Er habe damals irgendwie den Faden verloren, sagte er. "Alkohol bricht einem das Rückgrat langsam." Zu einem der wohl entscheidendsten Tage seines Lebens wurde der 26. Juni 1980. Nach einer durchzechten Nacht sei er zur Besinnung gekommen — und habe sofort aufgehört zu trinken. Bis heute. "Heute ist das einfach. Ich trinke einfach nicht mehr." Auch das Rauchen habe er von heute auf morgen aufgehört.

Halt gaben ihm damals die Familie, Freunde, ein eigener Buchladen — und zunehmend auch die politische Arbeit. Mit 31 wurde er Bürgermeister von Würselen, bei der Europawahl 1994 wurde er ins Europäische Parlament gewählt. Und am 17. Januar 2012 zu dessen Präsident. Dass er sich für den besseren Bundeskanzler als Angela Merkel hält, ließ Schulz erneut durchblicken: "Ich bin der ambitioniertere in der Europapolitik und habe die weitreichenderen Visionen." Zu einer möglichen Rot-Rot-Grünen Koalition sagte er nur: "Wer nach der Bundestagswahl mit mir koalieren will, ist herzlich eingeladen, auf mich zuzukommen."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ständehaus-Treff mit Martin Schulz in Düsseldorf

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