Düsseldorf: Von der anderen Seite

Düsseldorf : Von der anderen Seite

Unsere Autorin hat während der Show "Karneval in Venedig" im Apollo hinter die Kulissen geblickt.

Durch den großen roten Vorhang ist gedämpft das Gemurmel der Zuschauer zu hören, die in den Saal des Apollo-Varietés strömen. Davon gänzlich unbeeindruckt zeigen sich die Darsteller der aktuellen Show "Karneval in Venedig". Obwohl das Spektakel schon in zehn Minuten starten soll, wird die geschlossene Bühne noch auf vielfältige Weise genutzt. Tänzerinnen helfen sich gegenseitig in ihre ausladenden Reifröcke, Artist Michael Togni liegt auf einer Turnmatte und entspannt sich mit Musik, die Künstlerin Yasmin Dell'Acqua beobachtet ihren Vater bei einer Jonglier-Übung und der Strapatenkünstler Mikhail Stepanov turnt sich ausgiebig warm.

Moderator und Sänger Ricardo Mancini, der zu Beginn der Show die Begrüßung des Publikums übernehmen wird, sitzt noch völlig gelassen in seiner Garderobe und scherzt mit Komiker Fabien Kachev. Von Anspannung ist hier nichts zu spüren und auch ein Einsingen ist nicht zu hören. "Das habe ich noch nie gemacht, Lampenfieber habe ich auch schon lange nicht mehr", sagt Mancini. Er tauscht die Lederjacke mit dem Jackett und schreitet zum Bühneneingang. An diesen stehen schon die Tänzerinnen bereit, die sich in dem engen Gang neben der Bühne für ihren Auftritt positionieren.

Ein Artist wärmt sich unmittelbar vor der Show mit einem Spagat auf, auch an der Technik wird noch gearbeitet. Foto: Endermann Andreas

In dem nur spärlich beleuchteten Raum ist nur sehr wenig Platz, denn es warten nicht nur die Darsteller hinter dem Seitenvorhang auf ihren Einsatz, sondern sie parken dort auch ihre Requisiten und Turngeräte. Während die Zuschauer die magischen Momente genießen, sich verzaubern lassen, läuft deshalb hinter den Kulissen eine ganz eigene Choreographie ab, und die ist streng getaktet. Bühnenchef Oscar Cáceres koordiniert gekonnt die Abläufe. Er dirigiert die Künstler an die richtigen Stellen, hält für sie die Wege frei und weiß genau, wann er den Seitenvorhang für den Auf- oder Abtritt aufhalten, rückwärts schreitende Darsteller anhalten muss. Was sich auf der Bühne tut, kann er auf einem Monitor oder durch ein Guckfenster im Vorhang verfolgen.

"Los geht's", sagt Mancini pünktlich, lacht und betritt die Bühne. Und während er voller Inbrunst mit dem Publikum "O Sole Mio" schmettert, was auch Oscar zum Mitsingen verleitet, bereitet sich Christoph Müller auf seinen Auftritt als Kristalleon vor, feuchtete und raut seine Fingerspitzen an, mit denen er wenig später mit Wasser gefüllte Gläser zum Klingen bringen wird. Dann ist es nicht nur im Zuschauerraum, sondern auch hinter der Bühne mucksmäuschenstill. Das letzte Mal allerdings an diesem Abend, danach wird dort ein ständiges Kommen und Gehen herrschen. Besonders die vier Tänzerinnen, die auch aus nächster Nähe bezaubernd aussehen, sind pausenlos im Einsatz und wechseln immer wieder ihre opulenten Kostüme.

Da hat es Mancini leichter. Er steht zwar fast zwischen jeder Nummer auf der Bühne, sagt diese an oder singt ein Lied, aber er muss sich nur in der Pause umziehen und kann immer wieder in seiner Garderobe kurze Pausen einlegen. Wer den kleinen Raum betritt, versteht, warum sich die Artisten im Bühnenraum oder im Gang aufwärmen müssen. An einem Schwarzen Brett hängen passenderweise Adressen von Physiotherapeuten, die Darsteller der anderen Shows haben sich an den Wänden mit aufwendigen Collagen verewigt.

Mancini ist in ein angeregtes Gespräch mit Komiker Fabien Kachev vertieft. "Manchmal lese ich auch zwischendurch, aber diesmal haben sie zwei Plaudertaschen zusammen in einen Raum gesteckt", sagt der Sänger. Über einen Lautsprecher wird die Show übertragen und Mancini erkennt an der Melodie, an welchem Punkt sich die Darbietungen befinden. "Jetzt lässt Alena die Reifen um ihre Füße kreisen, da wird es Zeit für mich, zur Bühne zu gehen."

Zuerst ist aber noch Kachev an der Reihe, der seine ganz eigene skurrile Welt erschafft. Nur mit Geräuschen, Gestik und Mimik erzählt der Comedy-Künstler ganze Geschichten. Da müssen sich seine Kollegen manches Mal das Lachen verkneifen. "Total irre. Ich habe mir noch keinen Auftritt von Fabien entgehen lassen", sagt Mancini. Da er seinen nächsten Auftritt von der anderen Bühnenseite startet, verschwindet er in einem Durchgang hinter den Kulissen, der so schmal ist, dass die Tänzerinnen opulente Kostümteile erst auf der anderen Seite anlegen können.

Am Ende der Show wird es noch einmal richtig eng hinter der Bühne, alle Artisten stellen sich zum großen Finale unter einem Ballon- und Konfettiregen auf. "Das war's", sagt Mancini, bevor er in seine Garderobe verschwindet. Wie nach jeder Show wird er noch an der Apollo-Bar mit den Kollegen etwas trinken, den Abend Revue passieren lassen.

(brab)
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