Düsseldorf: Verbrannte Klassiker haben die Jahrzehnte überlebt

Düsseldorf: Verbrannte Klassiker haben die Jahrzehnte überlebt

Bekannte Düsseldorfer lesen auf Einladung der Bezirksvertretung 1 aus Büchern, die vor 85 Jahren auf dem Scheiterhaufen landeten.

Trotz des Rheinbahn-Streiks blieb in der Rotunde der Tonhalle gestern kein Sitz frei, als - man höre und staune - aus Büchern vorgelesen wurde. Nicht aus irgendwelchen natürlich, aus Klassikern der deutschen Literatur. Die wurden vor 85 Jahren größtenteils auf den Scheiterhaufen geworfen, nicht alle, einige wurden erst später, oft im Exil geschrieben. Die Bücherverbrennung geschah am Abend des 11. Aprils 1933 vor dem damaligen Planetarium, wo heute die Tonhalle steht. Durchgeführt von 1000 Jugendlichen, vorwiegend der Hitlerjugend zughörig. Joseph Roth und Heinrich Heine waren die Autoren, Bertha von Suttner und Anna Seghers, Kurt Tucholsky und Erich Kästner, um nur einige zu nennen. Weil sie aus Sicht der Nazis undeutsch und entartet waren, wie Bastian Fleermann in seiner Einleitung in Erinnerung rief. "Doch während die deutschen Heimat- und Heidedichter zurecht völlig in Vergessenheit gerieten, sind diese Klassiker der Literatur bis heute in aller Munde."

Und es waren auch nicht irgendwelche Lesepaten, die gestern selbst wählen durften, aus welchem Werk sie rezitieren wollten. Kulturdezernent Hans-Georg Lohe entschied sich für Heine, die parlamentarische Staatssekretärin Kerstin Griese für Irmgard Keun, während Oberkirchenrätin Henrike Tetz aus Anna Seghers las. Künstler Jacques Tilly zeigte am Beispiel von Carl von Ossietzky, dass auch helle Geister mit ihrer Einschätzung daneben liegen können: In der Gegenwart mögen sie geräuschvoll sein, "aber ohne Idee, ohne Prinzip" hatte er den Nationalsozialisten keine Zukunft vorhergesagt. "Er hat sie nicht ernst genommen, das war ein Irrtum", so Tilly. 15 Düsseldorfer konnte Bezirksbürgermeisterin Marina Spillner für die Aktion gewinnen. Rheinbahn-Vorstand Klaus Klar staunte nicht schlecht, wie gut besucht die Veranstaltung fast ohne ÖPNV war. Der gelernte Betriebsschlosser knüpfte sich Karl Marx vor. Reporterlegende Manni Breuckmann zog mit Erich Kästner den Schlussstrich. Dem Vergessen entgegenzuwirken, das sei die Idee hinter dieser Lesung, bilanzierte Spillner.

(arc)