Unbegleitete Flüchtlinge: Die lange Reise von Mali nach Düsseldorf

Unbegleitete Flüchtlinge in Düsseldorf : Yourzarsif will Lkw-Fahrer werden

Yourzarsif ist vor Armut und Gewalt aus Mali geflohen. Sein Weg war weit und gefährlich, aber er hat es bis nach Düsseldorf geschafft. Hier will er sich eine Zukunft aufbauen.

So weit ist sie gar nicht, die Strecke von Mali nach Deutschland. Zumindest nicht auf der Karte, die Yourzarsif im Gemeinschaftsraum der Wohngruppe der Arbeiterwohlfahrt in Derendorf betrachtet, in der er jetzt lebt.

Yourzarsif stammt aus Mali, der 18-Jährige ist schlank und sportlich, mit einem offenen Gesicht und kurzem, dünnem Bart. Seit einem Jahr lebt er in Deutschland. Er spricht fließend deutsch, ab und zu baut er englische Begriffe in seine Sätze ein.

Auch seine Mitbewohner sind Flüchtlinge, Josef kommt aus Syrien, Ayan ist Somalierin und Mojib ist aus Afghanistan geflohen. Gemeinsam wohnen sie in einer Wohngruppe der AWO. Sie haben sich hier gut eingelebt: „Düsseldorf ist eine super schöne Stadt“, sagt Josef. Er und seine Mitbewohner gehen zur Schule, machen Sport und schauen die Weltmeisterschaft gemeinsam. Yourzarsif plant seine Zukunft: Im Moment spart er Geld für den Führerschein, denn er will LKW-Fahrer werden, wie sein Bruder es war.

Der Bruder war die treibende Kraft

Sein Bruder war es, mit dem Yourzarsif vor langer Zeit seine Heimat in Mali verlassen hat. Umgeben von Armut und Unterdrückung und immer wieder bedroht von Angriffen radikaler Fanatiker beschloss die Familie, Geld zusammen zu kratzen, um den beiden ältesten Söhnen den langen Weg nach Europa zu ermöglichen. Yourzarsif erinnert sich an ihren Aufbruch. „Mein Bruder hat versprochen: Wir gehen nach Deutschland. Dort wird es uns gut gehen. Wir schaffen das. Immer wieder hat er mir das versprochen.“

Zunächst verlassen die beiden Jungen das Land in Richtung Süden, Richtung Burkina Faso; dann weiter nach Norden, 4000 Kilometer durch die Wüsten des Niger, durch Algerien, bis nach Libyen und an die Küste des Mittelmeers. Die Aussicht auf ein besseres Leben in Deutschland trieb sie voran.

In Libyen stehen die Brüder vor einer weiteren großen Herausforderung: Irgendwie müssen sie das Mittelmeer überqueren, und sie haben kein Geld mehr. Sie beginnen zu arbeiten, auf der Baustelle, auf dem Feld, überall, wo man ihnen etwas anbietet. „Wir hatten keinen Vertrag, wir mussten uns auf die Arbeitgeber verlassen“, sagt Yourzarsif. Zwei Jahre verbringen sie so in Libyen, bis sie schließlich von der Polizei aufgegriffen und wegen illegaler Einreise verhaftet werden.

Das Drama auf dem Meer

Nach sechs Monaten werden sie ausgelöst. Ein Mann, den sie nicht kannten, bezahlt die Kaution und verspricht ihnen, er werde für sie einen Weg nach Europa finden, wenn sie für ihn arbeiten. Yourzarsif erinnert sich an die Tomaten, die er gezogen hat. Eine Saison lang arbeiten sie für den Mann, und als die Ernte eingefahren ist, schickt er sie fort, ohne sein Versprechen einzulösen. Die Brüder aus Mali stehen erneut vor dem Nichts. „Wir wussten, dass wir niemandem vertrauen konnten, und trotzdem mussten wir wieder Arbeit annehmen“, erzählt Yourzarsif. Diesmal jedoch funktionierte es.

Sie konnten genug Geld verdienen, um zwei Plätze auf einem Boot über das Mittelmeer zu kaufen. Die Schiffe, mit denen Schleuser Flüchtlinge über das Meer bringen, sind in katastrophalem Zustand, überfüllt und baufällig. Die Zeit in Libyen hatte Yourzarsif ausgezehrt, er war krank und schwach. Vor der italienischen Küste schlug ihr Boot leck. „Überall war Wasser, und überall sprangen Menschen ins Meer“, erzählt der junge Flüchtling von diesem schrecklichen Moment. „Ich konnte nicht schwimmen, also hat mich mein Bruder gepackt und ist gesprungen.“

Ein Schiff der Küstenwache entdeckte das kleine Boot, Menschen wurden an Bord gezogen. Ein Helfer rettete Yourzarsif, sein Bruder hob ihn aus dem Wasser. Danach war er verschwunden. Ertrunken, während er seinen kleinen Bruder in Sicherheit brachte.

In Italien betrat Yourzarsif, völlig entkräftet und halb wahnsinnig vor Trauer, endlich europäischen Boden. Dort wurde er in einer Notunterkunft untergebracht. „Sie haben mir gesagt, ich solle hier bleiben. Aber ich konnte nicht. Mein Bruder hatte mir versprochen, dass wir es nach Deutschland schaffen. Ich wusste, dass ich hier hin musste.“

Mehrmals kaufte Yourzarsif von dem wenigen Taschengeld, dass er bekam, Bahntickets nach Norden, und immer wieder wurde er zurückgewiesen. Irgendwann schaffte er es, über Österreich einen Zug nach München zu bekommen. Dort sprach er einen arabischen Passanten an. „Ich habe gefragt: Bin ich in Deutschland? Er hat mir gesagt: Bruder, bleib nicht hier, hier wirst du zurück geschickt. Geh nach Düsseldorf. Da kannst du bleiben.“

Glücklich: Endlich angekommen in Düsseldorf

Yourzarsif erinnert sich genau an das erste, was er am Hauptbahnhof von Düsseldorf sah: „Ein Mann war betrunken, und die Polizei hat ihn angesprochen. Er hat sie angepöbelt, aber die Polizisten haben ihm nichts getan. Da wusste ich: Hier kann man den Menschen vertrauen.“

So endete Yourzarsifs Reise schließlich in der AWO-Wohngruppe, Mit der Hilfe von Freiwilligen Helfern lernte er die Sprache. Hier wohnt er seither mit anderen unbegleiteten Flüchtlingen, die ähnliche Geschichten wie er zu erzählen haben. Sie alle fühlen sich in Deutschland heimisch und wollen ein Teil dieser Gesellschaft sein. Doch dazu brauchen sie Hilfe.

Yourzarsifs Asylantrag ist noch nicht bearbeitet, er hat Angst vor der Ausweisung. „Ich weiß jetzt, wie das Leben hier ist, und wie es in Afrika ist. Ich will hier bleiben. Und ich will Deutscher sein“, sagt er. Und LKW-Fahrer will er werden, so wie sein Bruder, dem Yourzarsif sein Leben zu verdanken hat.

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