Stefan Schulze-Hausmann: "Umweltschutz verständlich machen"

Stefan Schulze-Hausmann : "Umweltschutz verständlich machen"

Am 6. und 7. Dezember ist Düsseldorf Schauplatz für die Verleihung des Nachhaltigkeitspreises. Stefan Schulze-Hausmann ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis und spricht im Interview darüber, wie der Preis das Thema in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken soll.

Herr Schulze-Hausmann, es gibt viele Unternehmenspreise. Ist der Deutsche Nachhaltigkeitspreis überhaupt nötig?

Schulze-Hausmann Ja, weil er eine Lücke füllt und eine wichtige Entwicklung begleitet. Es gibt zwar eine Reihe von Preisen für Unternehmen, aber sie sind auf weniger oder andere Aspekte ausgerichtet. Innovationspreise fokussieren Fortschritt und ökonomischen Erfolg, Kommunikationspreise prämieren gute Werbung oder PR, der Deutsche Umweltpreis der Bundesstiftung Umwelt ist traditionell ökologisch "grün". Ich hatte vor fünf Jahren die Idee, das Umsteuern der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt eines Preises zu stellen. Es siegen die Unternehmen, die die Balance der bekannten drei Dimensionen der Nachhaltigkeit am besten hinbekommen.

Welche Dimensionen sind das?

Schulze-Hausmann Einmal die Ökologie, die Natur und Umwelt erhalten will, zweitens die ökonomische Nachhaltigkeit für tragfähiges Wirtschaften der Unternehmen und drittens die soziale Dimension, die ein lebenswertes, faires und gerechtes Miteinander fördert.

Wie trägt der Preis dazu bei, den Blick auf Nachhaltigkeit zu lenken?

Schulze-Hausmann Bei der Bewerbung für den Preis müssen die Unternehmen in einem Fragebogen nachweisen, inwieweit sie nachhaltig arbeiten. Sie müssen sich selbst einschätzen, ob sie durchschnittlich arbeiten, etwas besser als andere sind, weit vorne liegen oder — als höchste Stufe — Vorbildcharakter haben.

Unternehmen können da Vieles schönreden.

Schulze-Hausmann Sie müssen natürlich ihre Angaben belegen. Wenn sie beispielsweise auf fairen Einkauf von der Mehrzahl der Rohstoffe hinweisen, müssen sie Angaben über die Bezugsquellen und die Vergütungssysteme machen. Unsere fachkundigen Partner für die Auswahl der Unternehmen als Kandidat für einen Preis überprüfen die Angaben und machen Stichproben. Dann entscheidet eine Jury.

Wie ist sie besetzt?

Schulze-Hausmann Es sind markante Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Nichtregierungs-Organisationen und Umweltverbänden, beispielsweise Nachhaltigkeits-"Ikone" Klaus Töpfer, Universitätspräsidentin Gesine Schwan, Henkel-Vorstand Kathrin Menges oder Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts. Es sind Querdenker, Persönlichkeiten, die sich nicht vor einen Karren spannen lassen. Sie sind Garanten für die Unabhängigkeit der Entscheidung, die einen Preis wie diesen ausmachen. Keine Kungelei, keine Einseitigkeit.

Was bringt Unternehmen die Teilnahme am Wettbewerb?

Schulze-Hausmann Unternehmen bekommen eine öffentliche Bestätigung, dass ihr Einsatz für Nachhaltigkeit geschätzt wird. Einzelne Mitarbeiter erfahren Wertschätzung — das kann beflügeln und weiter motivieren.

Es gibt in diesem Jahr zum ersten Mal auch einen Nachhaltigkeitspreis für Städte und Gemeinden. Warum?

Schulze-Hausmann In Städten und Gemeinden entscheidet sich Nachhaltigkeit. Kommunen sind die größten Arbeitgeber, Grundeigentümer und Bildungsträger, sie planen Bebauung und Verkehrsverbindungen. So haben sie große Lenkungsmöglichkeiten für eine nachhaltige Entwicklung. Wichtig ist auch die Zusammenarbeit von Unternehmen und Städten. Sie können an einem Strang ziehen und sich in ihren Bemühungen ergänzen.

Im Rahmen der Feier für die Auszeichnungen verleiht Forschungsministerin Annette Schavan auch den Bundesforschungspreis. Welcher Zusammenhang besteht?

Schulze-Hausmann Der Preis wurde für wissenschaftliche Beiträge ausgelobt, die "Nachhaltigkeit made in Germany" voranbringen. Deutschland ist Forschungsland Nr. 1 der Nachhaltigkeit. Hier liegt eine wichtige Zukunftschance, daher lenken wir mit dem Preis die Aufmerksamkeit auf diese innovative Szene. Aus gleichem Grund werden wir auch ab kommendem Jahr einen Sonderpreis für nachhaltiges Bauen vergeben. Denn gerade beim Bau kann durch Energiesparen viel für Ökologie und Ökonomie unter Beachtung von komfortablem Wohnen getan werden.

Sie suchen die Nähe zur Politik. Sie birgt die Gefahr der Bevormundung.

Schulze-Hausmann Nachhaltigkeit ist ohne Politik nicht möglich. Sie muss die Rahmenbedingungen schaffen, damit Unternehmen und Bürger aktiv sein können. Nähe zur Politik ist wichtig, aber sie darf nicht vereinnahmen. Eine nachhaltige Politik ist ja auch nicht möglich ohne die Bereitschaft der Unternehmen, die politischen Ziele umzusetzen. Politik und Wirtschaft brauchen wiederum die Zustimmung der Bürger, denn der ist sowohl Wähler als auch Konsument.

Zur Verleihung des Preises gehören ein Fachkongress und eine Gala. Wie passt das zusammen?

Schulze-Hausmann Die Idee der Nachhaltigkeit gehört in die Mitte der Gesellschaft und nicht nur in Zirkel der bereits Überzeugten. Also muss sie einprägsam und öffentlichkeitswirksam vermittelt werden: schnell, unterhaltsam, seriös — mit einem farbigen, bildstarken Programm, das Aufmerksamkeit erregt. Wir haben deshalb das populäre Format von Medienpreisen auf ein Thema übertragen, das komplex ist, aber durch gute Beispiele verständlich wird.

Müssen erfolgreiche Unternehmen sich selbst feiern?

Schulze-Hausmann An diesem Abend feiern diejenigen, die sich angestrengt haben, um erfolgreich zu sein. Das ist angebracht. Aber die Prämierten bleiben nicht unter sich. Sie kommen mit Vertretern der Politik, mit Medien, mit Mitbewerbern und Aktivisten der Zivilgesellschaft zusammen. Diese ungewöhnliche Mischung macht es. In diesem Jahr haben zum Beispiel fünf Bundesminister und die Ministerpräsidentin zugesagt, fast 50 Organisationen wie B.U.N.D. und Amnesty, aber auch Sportler und Künstler. Es entstehen Dialog, Vergleich, Diskussion — jedenfalls Dynamik. Nur Feiern genügt nicht.

Michael Brockerhoff führte das Gespräch

(RP/jco)
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