Zwei Jahre Krieg in der Ukraine Wie ukrainische Jugendliche auf der Flucht erwachsen werden

Düsseldorf · Sie haben ihre Schulen und Zukunftspläne, Väter und Freunde zurückgelassen und sind vor dem Krieg aus der Ukraine nach Düsseldorf geflohen. Vier Jugendliche zwischen Ankommen und Heimweh.

Oleksandr hält viel Kontakt zu seinen Freunden in der Ukraine, Maria hat neue Freunde in Düsseldorf gefunden.

Oleksandr hält viel Kontakt zu seinen Freunden in der Ukraine, Maria hat neue Freunde in Düsseldorf gefunden.

Foto: Anne Orthen (orth)

Yana kann auf Deutsch eigentlich alles sagen, nur bei Wörtern wie „Schildkröte“ und „Naturwissenschaften“ hapert es manchmal. Yeva mag es nicht, Deutsch zu sprechen, sie antwortet auf Englisch. Yana liest gerne. Yeva spielt lieber am Computer und dreht Tiktok-Videos. Yana überlegt kurz, bevor sie etwas sagt. Yeva plappert einfach drauf los. Yana möchte in Deutschland bleiben und studieren. Yeva möchte zurück, nach Hause, ins Kriegsgebiet.

Die beiden Schwestern hängen tief versunken in Sitzsäcken, in einem Jugendraum, eine Etage darüber arbeitet ihre Mutter in einem Co-Working-Space. Sie tuscheln und kichern, Yeva, 13, kneift Yana, 15, ins Knie, die sagt: „Halt die Klappe“. Seit zwei Jahren leben die Schwestern, die eine Geschichte teilen und doch unterschiedlicher nicht sein könnten, in Düsseldorf. Sie haben Wurzeln geschlagen, obwohl sie das nie wollten.

Yana hat die Geschichte ihrer Flucht so oft erzählt, dass sie manchmal nicht mehr weiß, wie sie eigentlich geht. Sie beginnt am 24. Februar 2022, als Russland ihre Heimat angriff, als ihre Familie entschied, dass es keinen anderen Weg gibt, als das Land zu verlassen. Sie kann sich an vieles nicht erinnern, sagt die 15-Jährige, die Tage sind an ihr vorbeigeflogen. Aber an eins erinnert sie sich genau: Wie sie ihren Freunden erzählen musste, dass sie geht und nicht weiß, ob sie zurückkommt. Ihre beste Freundin sagte: „Du fährst nach Deutschland? Ich fahre nach Serbien.“ Sie haben sich seitdem nicht mehr gesehen. Ihr bester Freund sagte: „Oh, okay. Ist das gut oder schlecht?“

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Zwei Jahre Krieg in der Ukraine

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Foto: dpa/Emilio Morenatti

Damals war Vova ein guter Freund, sagt Yana, heute ist er ihr „bester, bester Freund“. Sie haben zusammen in einem Fechtclub trainiert und in einem Viertel gelebt, in Odessa, einer Hafenstadt im Süden der Ukraine. Bis der Vater die Schwestern und ihre Mutter zur Grenze fuhr, sie von Zug zu Zug, von Bus zu Bus stiegen, drei Tage lang über Moldawien, Rumänien und Österreich bis nach Düsseldorf. Vova ist in Odessa geblieben.

Die Schwestern Yana (l.) und Yeva leben seit zwei Jahren in Düsseldorf. Die eine kann sich vorstellen zu bleiben, die andere will zurück in die Ukraine.

Die Schwestern Yana (l.) und Yeva leben seit zwei Jahren in Düsseldorf. Die eine kann sich vorstellen zu bleiben, die andere will zurück in die Ukraine.

Foto: Bretz, Andreas (abr)

Yana und Yeva sind zwei von mehr als 350.000 Kindern und Jugendlichen, die vor dem Krieg aus der Ukraine nach Deutschland geflohen sind. Sie haben ihre Schulen und Zukunftspläne, Väter, Freunde und vielleicht die erste Liebe hinter sich gelassen. Sie sind zerrissen zwischen einem alten und neuen Leben, zwischen alten und neuen Freundschaften, zwischen Ankommen und Heimweh.

Vier große Kisten voller Lego-Steine und fast all seine Freunde hat Oleksandr, 16, zurückgelassen. Vom Krieg habe er nur wenig mitbekommen in Iwano-Frankiwsk, im Westen der Ukraine. Nur einmal sah er Rauchwolken über dem Flughafen aufsteigen. Russische Raketen sollen ihn getroffen haben, ein strategisches Ziel. Seine Mutter sagte: Pack deine Sachen, hier ist es nicht mehr sicher.

Jetzt besucht er das Luisengymnasium in der Altstadt, bald stehen die zentralen Abschlussprüfungen an. Oleksandr will sie schaffen, dann das Abi, dann ein Studium. Er möchte Politik oder Wirtschaft studieren, in Deutschland, vielleicht in Berlin. Er hat sich Bücher aus der Ukraine mitgebracht, sie sollen ihm helfen, die Geschichte seiner Heimat zu verstehen. Zuletzt hat er eins über den Beginn des Kriegs gelesen, 2014, als Russland die Krim annektierte.

Seine Freunde sind dortgeblieben, in Iwano-Frankiwsk, nur wenige haben die Stadt verlassen. Jeden Tag schreibt er mit seinen alten Freunden. Sie schicken sich Sprachnachrichten, telefonieren ab und an, aber für Videoanrufe reicht das Internet in der Ukraine meist nicht. Er hat auch Freunde in Düsseldorf gefunden, sagt Oleksandr, deutsche Freunde. Sie unterhalten sich aber eigentlich nur über die Schule. „Ich will nicht so viel über den Krieg reden“, sagt der große Junge mit der tiefen Stimme. Das bedeute für ihn Stress und Angst. Doch als sie im Politikunterricht den Ukraine-Krieg behandelt haben, habe er viel erzählt, sagt er.

Er ist viel in seinem neuen Zuhause, in der Wohnung in Friedrichstadt, in der er mit seiner Mutter und seiner Cousine lebt. Er hat kaum Freizeit, sagt Oleksandr, er lernt Deutsch und Englisch, für die Abschlussprüfung und er hat Unterricht in der Ukraine, digital. Er hilft im Haushalt und geht gerne spazieren. „Düsseldorf ist eigentlich zu groß für mich“, sagt Oleksandr. Am liebsten ist er in Oberkassel, da ist es ruhig, findet er. Manchmal fragt er sich, was er hier macht, warum er nicht zu Hause sei. Aber dann sagt er sich: „Ich muss jetzt hierbleiben und etwas machen“.

Er vermisst seinen Vater, der die Ukraine nicht verlassen durfte. Seine Freunde. Und ihm fehlen die Lego-Steine. Er will damit nicht spielen, sondern konstruieren. Ein paar Teile hat er sich hier gekauft. Die vier großen Kisten kann das nicht ersetzen.

Wo Maria im elften Stock eines Hochhauses lebte, mit Schwester, Mutter und Vater, verläuft jetzt die Front. In Charkiw, einer Millionenstadt im Osten der Ukraine. Sie hat Kriegsflugzeuge am Himmel gesehen und Raketen, die im Boden einschlugen, bevor sich die Familie auf den Weg nach Deutschland machte.

Eine Woche später saß sie im Klassenraum einer Grundschule in Gerresheim. Sie verstand kein Wort. „Das war schwer“, sagt sie heute, in makellosem Deutsch. Mittlerweile besucht Maria, 11, das Gymnasium. Alle waren neugierig und wollten wissen, wer sie ist. Sie habe schnell Freundinnen gefunden, in einem Feriencamp und drei in der Schule.

Sie mag das Akrobatik-Training, auch wenn es manchmal anstrengend ist. Sie mag es, dass die Deutschen so offen sind und das Land so sicher. Sie findet es blöd, dass die Supermärkte sonntags geschlossen haben. Sie vermisst ihre Großeltern, die in Charkiw geblieben sind. Zu den Kindern in ihrer Heimat hat sie kaum noch Kontakt. Viele sind gegangen, nach Kanada, Polen, mit einer Freundin hat sie sich zerstritten. Anfangs habe sie ihre Freunde vermisst, sagt sie, jetzt geht es.

Im ersten Jahr an ihrer neuen Schule in Düsseldorf, am Cecilien-Gymnasium, hat Yana mit niemandem gesprochen. Sie hat dort noch keine Freunde, nur Mitschüler, sagt sie. Alle sind jünger, mit 15 besucht sie die achte Klasse. Yeva hat eine gute Freundin gefunden, Alicia, sie haben sich in einem Feriencamp kennengelernt.

In den Weihnachtsferien waren die Schwestern zu Hause, in Odessa. Yeva hat ihre liebsten Süßigkeiten gekauft, Eier mit drei Schokoladensorten. Es gab Piroschki von der Uroma, Gebäck gefüllt mit Apfel, Kartoffel und Ei. Yana war mit ihrem besten Freund Vova spazieren, den ganzen Tag. Sie sind auch zu ihrer alten Schule gelaufen, Yana wollte ihren Sportlehrer sehen, der sie zum Fechten gebracht hat. Er war an dem Tag nicht da.

Yeva will zurück, ganz dringend, sagt sie. Yana kann sich vorstellen, in Deutschland zu bleiben, zu studieren. Sie weiß aber nicht was, vielleicht Medizin. Wenn sie hierbleiben, können sie die Ukraine besuchen, sagt sie. Aber wenn sie in die Ukraine zurückkehren, gibt es keinen Grund mehr, nach Deutschland zu kommen. Das wäre auch schade.

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