Düsseldorf: Über das Warten

Düsseldorf: Über das Warten

Wer sich im Krankenhaus notfallmäßig behandeln lässt, muss Zeit mitbringen. Die Reaktionen darauf sind ganz unterschiedlich. Unsere Autorin hat jüngst Stunden in der Uniklinik verbracht. Eine Beobachtung.

Als Patient in einer Ambulanz oder Notfallpraxis oder sonst außerhalb üblicher Sprechzeiten kann man sich ja fast schuldig fühlen. Wenn man nicht mit dem Kopf unterm Arm hereinkommt. Viel ist zu lesen über stundenlange Wartezeiten und Patienten, die mit kleinsten Wehwehchen ins Krankenhaus gehen. So gibt es mir an jenem Freitag im Dezember fast ein gutes Gefühl, dass "NOTFALL" in Großbuchstaben auf der Überweisung steht, die mir meine Augenärztin in die Hand gedrückt hat.

Eigentlich hatte sie mich mit Antibiotikum-Tropfen gegen meine Hornhautentzündung heimgeschickt, mich aber kaum 24 Stunden später erneut in die Praxis bestellt. Zu schnell seien meine Symptome fortgeschritten, findet sie. Es droht ein Hornhautgeschwür, das muss in der Uniklinik unbedingt angesehen werden. "Sie fahren da am besten direkt hin", hat sie gesagt. Ich bin also ein echter Notfall.

Dieses Gefühl legt sich schnell. In den nächsten Stunden werde ich die Psychologie des Wartens in der Gruppe erleben, des gemeinsamen Leidens, aber auch des Sich-gegenseitig-Anstachelns, wenn Ärger und Ungeduld zu groß werden. Das passiert fast zwangsläufig. Denn die Dinge geschehen langsam. Nach Dienstschluss. In der Augenklinik. Wenn nur noch der Notdienst arbeitet. (Einige Tage später, am Montag, werde ich erfahren, dass sie wochentags in der zugehörigen Ambulanz aber auch langsam gehen können).

Der Warteraum für Patienten am Wochenende befindet sich jedenfalls auf dem Gang. Ein paar festgeschraubte Stühle in Treppenhaus-Ambiente und mit Blick auf zwei Aufzüge. Wenn man sich langweilt, kann man mit sich selbst Wetten abschließen, welcher der beiden als nächstes aufgeht, ob ein Mann oder eine Frau aussteigt, ein Patient oder ein Besucher. Ich nenne das Spiel "Triefauge oder nicht", und ehe Sie schimpfen: Ich als Betroffene darf diesen Scherz machen, denn vor dem ersten Antibiotikum hatte ich solche Schmerzen, dass ich mir am liebsten den Augapfel mit einem Schuhlöffel entfernt hätte. Bis zu meiner Ankunft in der Uniklinik hat der Schmerz nachgelassen, dafür ist das Auge nun so stark geschwollen, dass die Sehkraft auf etwa die Hälfte reduziert ist, und so rot, dass sich in der Bahn Leute weggesetzt haben.

Das Aufzug-Spiel habe ich sicher nicht als erste erfunden, denn viel mehr gibt es nicht zu tun. Ein Mann geht mal nachfragen, ob er vergessen worden ist. Die Schwestern reagieren freundlich, aber man sieht ihnen an: Sie hören die Frage öfter. Eine junge Frau, die konstant SMS geschrieben hat, kriecht mit ihrem Smartphone unter den Stuhl, weil sie dort die einzige Steckdose des Raumes ausgemacht hat. Ich ärgere mich, dass nicht ich dort sitze. Zwei Frauen streiten mit einer Stationsschwester, weil sie sich von dem Kaffee genommen haben, der für die stationären Patienten bereitsteht. "Dann muss man hier eben einen Automaten aufstellen", keift eine. Und als die Schwester weg ist, etwas leiser: "Und wenn das noch lange dauert, nehme ich mir gleich noch einen." Ich hatte vor dem Augenarzt-Besuch nichts gegessen, inzwischen ist es gleich halb sechs, und die Station mal eben verlassen, um zum Bäcker zu gehen: Darf ich nicht, hat man mir gesagt. Als ob ich jede Sekunde drankommen könnte. Das war vor fast drei Stunden.

Immer wenn der Mechanismus der Automatiktür quietscht, richten sich alle Blicke dorthin. Bin ich jetzt dran? Meist ist es nur jemand, der die Station verlässt, in meiner ersten Wartestunde wird kein einziger Patient aufgerufen, auch später geht es schleppend. Hinter der verglasten Tür sieht man manchmal den Arzt entlangeilen, mal in die eine, mal in die andere Richtung. "Da ist wohl nur einer im Dienst", sagt jemand, der länger wartet als ich, und der alle fünf Minuten vernehmlich seufzt. "Und der macht auch nichts", fügt er hinzu.

Ich selbst habe eigentlich Verständnis. Na ja, sage ich also leise, es ist Freitagnachmittag, und da sind ja schließlich auch Patienten auf der Station. Mein freundlicher Nebenmann nickt, der ist auch schon eine Weile da. Eigentlich ist er auf einer anderen Station in Behandlung, war "nur kurz" für eine Untersuchung hergeschickt worden. Inzwischen sorgt er sich, weil es dort gleich Abendessen gibt. Eine Frau sagt, sie sei aus einem Kriegsgebiet geflüchtet, aber da sei alles besser organisiert gewesen. Eine andere hat ihre Begleitung im nahegelegenen Rewe Chips kaufen lassen und bietet uns anderen davon an.

Nach knapp vier Stunden werde auch ich unruhig. Inzwischen sind alle drangekommen, die vor mir hier waren, und auch ein Mann, der erst später kam. Der sah, zugegebenermaßen, ziemlich übel aus, presste sich die ganze Zeit eine Kompresse auf das tränende Auge. Allerdings schien er nicht besorgt zu sein, und als er nach ziemlich kurzer Untersuchung wieder ging, schwenkte er grinsend ein Rezept und sah zufrieden aus.

Die gefühlte Dringlichkeit des eigenen Anliegens, wird mir klar, wird bei uns Wartenden von zwei Faktoren gesteuert: Angst und Schmerzen. Ich leide gerade nur unter dem einen, der Schmerz ist ja auszuhalten, ich würde nur eben gerne das Auge behalten, und inzwischen habe ich zum Zeitvertreib dummerweise das mit dem Hornhautgeschwür gegoogelt (die brauchen echt Zeitschriften hier), und das hat mich nicht ruhiger gemacht.

Das Warten stärkt auch nicht den Charakter. Während ich anfangs entspannt jeden anlächele, der drankommt, gönne ich es nun keinem mehr. Als der Typ mit dem tränenden Auge in den Aufzug steigt, strecke ich ihm heimlich die Zunge raus. (Er sieht das ja eh nicht so gut.) Als meine Sitznachbarin irgendwann säuerlich erklärt, sie werde jetzt gehen und am Montag ihren Augenarzt aufsuchen, balle ich heimlich die Faust: Yes! Als eine Mutter mit einem etwa zehnjährigen Jungen den Warteraum betritt, ist mein erster (aber nur der erste) Gedanke: Oh nein, ein Kind, das wollen sie bestimmt nicht so lange warten lassen.

Als ich nach halb sieben drankomme, der Arzt ruft einen persönlich auf, entfährt mir ein lautes "Ach was!", eher dankbar als genervt, er guckt trotzdem irritiert. Die anderen lächeln, aber vermutlich sind sie neidisch. Mein Auge wird sorgfältig untersucht, und mit dem Versprechen, in der Nacht stündlich Augentropfen zu nehmen, kann ich mich gegen eine stationäre Aufnahme wehren. Beim Rausgehen grüße ich in die Runde, man kennt sich ja.

Am nächsten Tag bin ich zur Kontrolle bestellt. Da werde ich ein Vier-Stunden-Hörbuch auf dem Smartphone und mein Ladekabel sowie ein Käsebrötchen in der Handtasche haben. Und nach einer knappen Stunde drankommen.

(RP)