Düsseldorfer Schauspielhaus: Tumulte bei Jelinek-Aufführungen

Düsseldorfer Schauspielhaus: Tumulte bei Jelinek-Aufführungen

Im Düsseldorfer Schauspielhaus verlassen die Zuschauer scharenweise die Aufführung von Elfriede Jelineks "Rechnitz". Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer hatte mit kontroversen Reaktionen gerechnet, vor allem wegen des Kannibalen-Dialogs.

Die zweite Aufführung des Jelinek-Stückes "Rechnitz", am Sonntag im Düsseldorfer Schauspielhaus, sorgte für noch heftigere Reaktionen des Publikums als die Premiere. An die 40 Zuschauer verließen die Aufführung im ersten Teil — kurz vor Schluss, beim Dialog der Kannibalen, liefen die Menschen in Scharen heraus. Im Anschluss an die Aufführung kam es überdies zu einem Eklat, als ein älterer Herr der Abendspielleiterin sagte, es tue ihm leid, was die Beteiligten auf der Bühne machen müssten. Als die Frau antwortete, sie sei aber stolz darauf, dabei zu sein, wurde sie von dem Mann bespuckt.

Mit kontroversen Reaktionen auf den schweren Stoff der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin, der ein Massaker an 180 Juden kurz vor Kriegsende im burgenländischen Rechnitz behandelt, hatte das Schauspielhaus gerechnet, aber nicht mit derartigen Tumulten. Wir sprachen mit Hermann Schmidt-Rahmer über die Intention seiner Regie, in der er anders als bei der Münchner Uraufführung den Kannibalen-Dialog ans Ende stellt.

Haben Sie mit solchen Reaktionen in Düsseldorf gerechnet?

Schmidt-Rahmer Ja. Mir war klar, dass Jelinek heftige Reaktionen hervorrufen würde, dass das für das Publikum verstörend sein würde. Denn es ist für mich selber verstörend.

Warum verstörend?

Schmidt-Rahmer Im Grunde sind wir überfüttert mit Informationen aus dieser Zeit. Wir brauchen diese Art von Vergangenheitsaufarbeitung nicht mehr. Jelinek sagt, eigentlich ist es unmöglich, darüber zu sprechen, andererseits tut sie es mit unglaublicher Vehemenz. Das ist ein Widerspruch, der diesen Text förmlich zerreißt. Jelinek ist eine zutiefst verzweifelte Person, das fließt in den Text ein. Der Zynismus, mit dem das verhandelt wird, ist dem Text inhärent, der stammt nicht von uns. Dieser Zynismus im Umgang mit diesen Taten tut weh.

Haben Sie den Skandal angestrebt?

Schmidt-Rahmer Nein. Mein Bestreben war, möglichst viel von diesen sehr unzugänglichen Texten theatral zu machen, so dass der Zuschauer beim Zuhören bleibt. So entfalten die Texte in ihrer ganzen Gewalttätigkeit ihre Wirkung.

Was hat Sie bewogen, den Kannibalendialog mit einzubauen?

Schmidt-Rahmer Ich halte ihn für zentral. Weil das Motiv des Kannibalismus das ganze Stück durchzieht. An sehr vielen Stellen wird über das Kauen, das Essen, das Verdauen geredet — das ist als Metapher zu begreifen. Es fallen so Sätze wie ,die Schlossbewohner werden die Juden doch nicht aufgegessen haben'. Wir Nachgeborenen haben uns einen Blick auf die NS-Zeit zurechtgelegt, der mehr oder weniger sagt, der Holocaust ist ein bürokratischer und verwaltungstechnischer Akt gewesen. Und die Jelinek sagt, es ist ein dionysischer Rausch gewesen, in dessen Verlauf Menschen gegessen worden sind. Das ist nicht wörtlich zu nehmen. Insofern ist der Kannibalentext am Ende ganz bewusst gesetzt, wie ein Weckruf, der den Widerstand geradezu provozieren muss.

  • Vorlage zum Jelinek-Stück : Rechnitz — was geschah wirklich?
  • Düsseldorfer Gastronom : Schnitzel-Poldi lebt im Auto

Was leistet er inhaltlich zur Erklärung der Vorfälle?

Schmidt-Rahmer Es ist eine typische Jelinek-Behauptung, die man auf einer metaphorischen Ebene sehen muss. Sie meint: Im Kern des Holocaust steht das Nichts. Das eigentlich Wahnsinnige daran ist, dass wir von den Opfern und von dem Geschehen keinen Bericht und keinen Blick und keine Sicht darauf haben. Im Kern dieses Geschehens ist die pure Schwärze. Das fasst Jelinek in die Allegorie des Aufessens.

Wie umfangreich haben Sie recherchiert für die Inszenierung?

Schmidt-Rahmer Wir haben das ganze historische Material angeschaut, das auch die Autorin aufgearbeitet hat. Ihr zentraler dramaturgischer Kniff ist ja der, dass das Geschehen hinter den sich widersprechenden Botenberichten verschwindet.

In der Münchner Uraufführung wurde der Kannibalentext gestrichen . . .

Schmidt-Rahmer Da bin ich werktreuer als die Kollegen. Der Kannibalentext ist der Zuspitzungspunkt, den die Autorin anstrebt. In München konnte man am Ende nett klatschen. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Man kann einen literarischen Amoklauf nicht gelöst beklatschen. Dass der Zuschauer am Ende beklommen oder wütend ist, finde ich absolut nachvollziehbar.

Welche Rolle spielt die Gräfin?

Schmidt-Rahmer Diese historische Figur vereint in sich das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Als Spross der Kriegsgewinnler hat sie den Krieg unbeschadet und unbehelligt überlebt. Und dann plant sie im Angesicht des Untergangs dieses Fest, im orgiastischen Rausch das Morden. Jelinek würde sagen: Diese Figur steht allegorisch für Deutschland. Ihr habt profitiert davon und seid straffrei geblieben. Die historische Frage, ob alles so war, ob sie geschossen hat, ist nebensächlich.

Wollten Sie in Düsseldorf die Grenzen der Zumutung ausloten?

Schmidt-Rahmer Eigentlich nicht. Obwohl Elfriede Jelinek ihre Regisseure ausdrücklich dazu ermuntert, dies zu tun.

(RP)
Mehr von RP ONLINE