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Uniklinik: Tumor-OP gegen Patientenwillen?

Uniklinik : Tumor-OP gegen Patientenwillen?

Einer 55-jährigen Frau wurde in der Uniklinik die Schädeldecke entfernt. "Gegen unseren Willen", sagt der langjährige Lebensgefährte. Das Problem: Durch einen Schlaganfall konnte sich die Patientin nicht mehr artikulieren. Laut Klinik war die Lage nicht eindeutig – und die Ärzte operierten.

Einer 55-jährigen Frau wurde in der Uniklinik die Schädeldecke entfernt. "Gegen unseren Willen", sagt der langjährige Lebensgefährte. Das Problem: Durch einen Schlaganfall konnte sich die Patientin nicht mehr artikulieren. Laut Klinik war die Lage nicht eindeutig — und die Ärzte operierten.

Peter Fischer (70) ist mit den Nerven am Ende. Seit einigen Monaten pflegt er seine schwer kranke Frau zu Hause und rund um die Uhr. "Sie kann alleine gar nichts mehr machen, und wir warten eigentlich auf ihre Erlösung. Doch in ein Hospiz wollte sie nicht", sagt Fischer. Zu groß sei die Angst vor weißen Kitteln. "Sie ist von einer schweren OP in der Uniklinik regelrecht traumatisiert", erklärt Fischer, der bereits 35 Jahre mit seiner Lebensgefährtin Ute Wiesner zusammenlebt.

OP als lebensrettende Maßnahme

Denn das, was das Paar am 1. Februar dieses Jahres in der Uniklinik Düsseldorf erlebt hat, ist ihm bis heute Rätsel und Alptraum zugleich. Für Peter Fischer steht fest: "Meiner Frau wurde dort gegen ihren Willen für eine Tumor-Operation die Schädeldecke entfernt." Das Dilemma: Seine 55-jährige Lebensgefährtin erlitt kurz vor dem Gang in die Klinik einen Schlaganfall, der ihr Sprachzentrum im Gehirn stark in Mitleidenschaft gezogen hatte. Sie war bei der Entscheidung, OP — ja oder nein, nicht richtig in der Lage, ihren Willen zu artikulieren.

In diesem Punkt steht nun allerdings Aussage gegen Aussage. Peter Fischer gibt an, dass er damals den Ärzten versicherte, dass seine Frau solch einem schweren Eingriff nie zustimmen würde und betont bis heute: "Wer meine Frau hätte verstehen wollen, der hätte das durch ein Kopfnicken auch erkennen können." Für die Ärzte hingegen sei das nicht eindeutig erkennbar gewesen. Laut Uniklinik war die Patientin zu diesem Zeitpunkt nicht mehr voll orientiert, habe aber durch einfache Worte ihren Lebenswillen bekundet. Zudem konnte Peter Fischer nur eine "Generalvollmacht für seine Freundin aus dem Jahre 1994 vorlegen, die rechtlich keine ausreichende Grundlage bildete, um eine medizinisch indizierte lebensrettende Maßnahme zu unterlassen", so die schriftliche Antwort der Neurochirurgischen Klinik der Universitätsklinik Düsseldorf.

Und als lebensrettende Maßnahme bezeichnen die Ärzte die Entfernung der Schädeldecke. Es sei eine Notfallmaßnahme gewesen, die allein zur Druckentlastung des Gehirns geführt habe. "Es ist die einzige Möglichkeit, eine unwiederbringliche Schädigung des Hirngewebes zu verhindern und schwere neurologische Schäden und schließlich den Tod eines Patienten zu vermeiden", so die Begründung für die OP. Peter Fischer und seiner Lebensgefährtin Ute Wiesner hatte dieser Eingriff letztlich nichts geholfen. "Sie liegt jetzt trotzdem im Sterben und musste und muss so viel leiden", sagt Fischer.

Dieter Birnbacher, Lehrstuhlinhaber für Praktische Philosophie der Heinrich-Heine-Universität und Mitglied der Zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer, ordnet den Fall wie folgt ein: "Es zählt immer der mutmaßliche Wille des Patienten — selbst wenn keine Patientenverfügung vorliegt." Doch die Frage sei natürlich, wie verlässlich und eindeutig die Zeichen der Verweigerung einer Person sind, die nicht als voll orientiert eingestuft werden kann. Auch müssten sämtliche Äußerungen berücksichtigt werden, die der Patient im Vorfeld gemacht hat. "Kann der ausdrückliche Wunsch dann nicht gänzlich ermittelt werden, sind die Ärzte dem Gebot ,in dubio pro vita' — im Zweifel für das Leben — verpflichtet", erklärt Birnbacher.

Um solchen unklaren Situationen und Grenzfällen vorzubeugen, rät der Ethik-Experte allen Bürgern dazu, eine möglichst detaillierte Patientenverfügung zu verfassen und einer Vertrauensperson die Vorsorgevollmacht zu übertragen.

Vielleicht hätten damit auch Peter Fischer und seine Partnerin einen anderen Verlauf herbeiführen können. Aktuell geht Fischer andere Schritte: Er erstattet jetzt Strafanzeige gegen die Uniklinik.

(RP)