Seilartist mit 98 Jahren gestorben: Tschüss, Konrad Thurano

Seilartist mit 98 Jahren gestorben : Tschüss, Konrad Thurano

Bis fast zuletzt hat er auf dem Drahtseil gestanden und Klimmzüge gemacht. Nun ist der einzigartige Artist Konrad Thurano im Alter von 98 Jahren gestorben. Geboren wurde er 1909 in Düsseldorf an der Kasernenstraße.

Eine Autotür öffnet sich. Ein gut aussehender älterer Herr hüpft hinaus, eilt flinken Fußes Richtung Apollo Variete unter der Rheinkniebrücke. Sein Sohn John folgt ihm. Fürs Foto strahlt und posiert Konrad Thurano wie ein Fotomodell - mit einer Natürlichkeit und Souveränität, die jeden auf Anhieb gefangen nimmt. Dann geht es weiter ins Apollo. Geburtstag feiern im Mai 2006 auf der Bühne, lieb gewordenes Ritual seit 1998.

1924 startete Konrad Thurano in Düsseldorf seine einzigartige Karriere. Auftritte in der ganzen Welt folgten. Die letzten Jahre lebte er zusammen mit seiner Tochter Sabine und deren Familie in ihrem Haus in Dänemark. Ruhestand? Von wegen. Nichts für ihn. Noch 2007 brachte er mit John (61) den legendären "Verrückten Drahtseilakt" auf die Bühne - und den Saal zum Toben. Klimmzüge "an einem Finger" waren sein Markenzeichen. Vor allem aber sein Witz, sein Charme und die herrlichen Wortscharmützel, mit denen die beiden so humorvoll ihr enges Vater-Sohn-Verhältnis auf die Schippe nahmen, sind legendär.

Konrad Thurano nahm mich damals mit in seine Garderobe, die für die Dauer des Engagements so liebevoll mit persönlichen Dingen ausgestattet war, dass ich mich nicht satt sehen konnte an dem bunten Bild. Ausschnitte seines Lebens an der Wand, viele Fotos von der Familie, den Enkelinnen, von Weggefährten und Freunden wie Jerry Lewis und Siegfried und Roy. Das kleine Käppi, ohne das er nie auftrat, lag auf dem Tisch, in einer Ecke die gelben Clogs von John und das Springseilchen für den Auftritt. Dann zog er sein persönliches Fotobuch heraus. Lange blickte er auf ein Foto seiner Frau Henriette, liebevoll "Jette" genannt, die 2004 in Düsseldorf-Bilk im Artistenhaus des Apollo starb. Ruhig eingeschlafen sei sie, erzählte er, ohne Schmerzen. Ihren Tod hatte er akzeptiert. Sie sei sowieso immer bei ihm, "im Herzen." Im nächsten Moment lachte er wieder verschmitzt. "Ich habe immer jelächelt, ich glaub, dat war auch meine Stärke."

Verbreitete sich die Nachricht "Die Thuranos kommen", reisten Fans aus ganz Deutschland an, sogar aus der Schweiz. 2006 auch der 10-jährige Paul aus Frankfurt zusammen mit seinen Eltern. Nach der Vorstellung holte er sich sein Autogramm ab. Herzlich sprach der Alte mit dem Jungen, minutenlang noch stand der Kleine da, guckte den 97-Jährigen voller Faszination an. Konrad Thurano liebte seine Fans. Ihn zu beobachten, wie er mit ihnen sprach, ging ans Herz. Da war kein Unterschied zwischen dem öffentlichen und dem privaten Menschen: authentisch, liebenswert, herzlich, gütig.

2006 durfte ich ihn zwei Tage lang begleiten. In dem von John gesteuerten Renault Trafic ging es kreuz und quer durch Düsseldorf. Zum Artistenhaus in Bilk, Reibekuchen essen bei der Cousine auf dem Carlsplatz, Kuchen bei Heinemann. Spurensuche. Zum Elternhaus am Fürstenwall Nr. 26. Und zur Kasernenstraße Nr. 11, wo er 1909 geboren wurde. Vorbei an der Bilker Kirche, in der er zur Kommunion gegangen war, wie er im Vorbeifahren spontan erzählte. Hellwach und präsent in jeder Sekunde, zeigte er immer wieder seine tiefe Verbundenheit mit Düsseldorf.

Vor dem Tod hatte er keine Angst, sagte er stets, nahm bis zum Schluss aktiv am Leben teil. Am Dienstagabend starb Konrad Thurano im Kreis seiner Familie in Dänemark. Noch kurz vor seinem Tod fühlte er sich völlig wohl, hatte nur eine kleine Magenverstimmung und meinte, man solle sich keine Sorgen machen, erzählt sein Sohn John. "Alles ist okay", sagte er seinen Kindern. Eine halbe Stunde später ist er friedlich eingeschlafen. Er wird am kommenden Mittwoch in Langeskov in Dänemark beigesetzt.

Tschüss, Konrad Thurano!

Hier geht es zur Bilderstrecke: Konrad Thurano und seine Seiltanz-Nummer

(RP)