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Tom Koster hütet das Archiv von Fortuna Düsseldorf

Fußball in Düsseldorf : Das Gedächtnis der Fortuna

Tom Koster hütet das Archiv des Bundesligisten. Dazu zählt auch der Original-Fußball vom Endspiel um den Meistertitel 1933.

Es ist gut möglich, dass sich die Fortunen im Sommer von einem Mythos verabschieden müssen. Angeblich wurde die Namensgebung nach der römischen Glücksgöttin von dem Pferdefuhrwerk einer Brotfabrik namens „Fortuna“, das zufällig an den Vereinsgründern vorbeifuhr, inspiriert. „Wir haben bisher keinen Beleg dafür gefunden, dass es in Düsseldorf eine Fortuna-Brotfabrik gegeben hat“, erklärt Fortuna-Archivar Tom Koster. „So wie es zurzeit aussieht, müssen wir die Überlieferung ins Reich der Legenden verbannen.“ Wenn man sich intensiv mit der eigenen Historie beschäftigt, ist eben das die Gefahr: Dass nicht alles wahr ist, was in vielen Köpfen herumschwirrt.

So gehörte Fußball auch gar nicht zu den Sportarten in der Fortuna-Gründerzeit. „Fußball kam aus England und wurde schon allein deshalb von den deutschen Turnern als ‚Fußlümmelei‘ abgetan. Vor dem Ersten Weltkrieg war es nicht so einfach, in Deutschland Fußball zu spielen“, erklärt Koster. Und die Fortuna hieß 1895 auch „Turnverein Flingern“. Erst 1912 kam die Fortuna ins Spiel. Und erst seit 1919 heißt der Verein offiziell „Düsseldorfer Turn- und Sportverein Fortuna 1895 e.V.“ – auch da ist von Fußball keine Rede.

Seit 2014 ist Koster Fortunas „Jäger der verlorenen Schätze“. Oder der „verlierbaren Schätze“. „Archive kümmern sich ums Bewahren und damit auch um die Wahrheit“, so Koster. „Informationen sind heute flüchtige Dinge. Es zählt die News, oft die Fake News, und nicht die Recherche. In Archiven findet man Belege.“ Und für die oft kolportierte Namensfindungsgeschichte findet sich kein Beleg im Fortuna-Archiv. Und das, obwohl das „Vereinsgedächtnis“ seit 1989 langsam wächst.

Damals begann Marco Lange Fortuna-Devotionalien zu sammeln, das war aber nur ein Nebenschauplatz. Seit knapp sechs Jahren wird alles, was Archivwert hat, systematisch erfasst und professionell gelagert. Aufbewahrt wird das in säurefreien Hängeregistraturen, jedes einzelne Foto ist in Fotoarchivpapier eingeschlagen, die Metallschränke sind spritzwassergeschützt, feuergefährliche Gegenstände wurden ausgelagert. „Die knapp 90-Sekunden-Filmaufnahme vom Meisterschaftsendspiel 1933 lagert im Westerwald in einem Munitionsdepot“, erläutert Koster. „Das war damals ein Nitrozellulosefilm, und der ist leicht entflammbar.“

In einem staubfreien Raum sind bisher mehr als 250 Festmeter Fortuna-bezogene Erinnerungsstücke zusammengekommen. Gesammelt wird vieles, von der sogenannten „Flachware“ (Zeitungen, Zeitschriften) über Pokale, Trikots, Bälle oder auch die Kasse aus dem Flinger Broich. „Wie in fast jedem Archiv platzen wir aus allen Nähten“, gesteht der Archivar. Wenn Koster und die Mitarbeiter etwas im Fortuna-Archiv anfassen, werden zuerst weiße Baumwollhandschuhe übergezogen. Damit wird verhindert, dass Hautfette und anderes mit den mehr oder weniger wertvollen Schätzen in Berührung kommen und möglicherweise Zersetzungsprozesse beschleunigen. „Unser ältestes Stück ist eine Originalsatzung aus dem Jahr 1908. Das wertvollste ist der Original-Fußball aus dem Endspiel von 1933. Den Ball haben wir mit 50.000 Euro versichert“, so Koster. „Das größte Stück dürfte das riesige Lumpi-Lambertz-Trikot sein, das auf den Zuschauerrängen lag. Das originellste Teil ist ein Stück aus einer Sitzreihe des alten Chemnitzer Stadions. Da hat ein Fan wohl im Überschwang, als unser Aufstieg 1995 feststand, seinen Gefühlen freien Lauf gelassen.“

Das Fortuna-Archiv ist nicht öffentlich. Aber im Zuge der 125-Jahr-Feier wird es im September eine Ausstellung geben, in der so einiges aus der „Schatzkammer“ öffentlich präsentiert wird. Und auch in der Fortuna-Chronik in Buchform, die im Sommer vorgelegt werden soll, wird es einige historische Belege, viel Geschichte und viele Geschichten inklusive einiger Anekdoten aus dem historischen Fundus zu bestaunen geben. Zum Beispiel: Dass eine Familie Bakkers (Hans, Peter, Enricus) aus dem niederländischen Roermond Fußball bei der Fortuna etablierte. Oder dass Fortunen 1928 eine wochenlange Reise zu einem Freundschaftsspiel nach Algier gemacht haben. Alles nur aus Liebe zum Fußball.

Klar ist aber, dass das Fortuna-Archiv zweifelsfrei nachweisen kann, dass der Club in Rot und Weiß zu den deutschen Traditionsvereinen zählt. „Es ist spannend, zu sehen, wie einzelne Leute aufgestiegen sind – und auch wieder ganz tief fielen“, so Koster.