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Premiere im Schauspielhaus: Terrortrip um die Welt

Premiere im Schauspielhaus : Terrortrip um die Welt

Düsseldorf (RP). Der vor allem für seine Opernarbeiten gerühmte Berliner Regisseur Sebastian Baumgarten inszenierte Sartres Stück "Die schmutzigen Hände" am Schauspielhaus Düsseldorf und zeigt episches Theater im Videoclip-Format.

Großbürgersöhnchen Hugo will sich die Hände schmutzig machen. Aus theoretischer Überzeugung ist er einer linksradikalen Partei beigetreten, nun soll auch Praxis folgen. Hugo bietet sich an, einen hohen Funktionär der Gruppe zu ermorden, weil der mit rechten Kräften paktiert. Um zu beweisen, wie ernst es ihm mit dem Parteigehorsam ist, soll ein politischer Mord die erste Arbeit seiner feinen Hände sein.

Doch Hugo ist nun mal kein Mann der Tat, und so gerät er in den Bann des Mannes, den er morden soll. Erst als Hugo seine Frau mit ihm erwischt, setzt sein Denken aus, und er kann schießen - doch ist aus dem politischen Mord damit ein privater geworden.

Jean-Paul Sartres "Die schmutzigen Hände" ist ein Stück über den Gegensatz zwischen revolutionärer Ideologie und realer Politik, zwischen individueller Verantwortung und Parteiräson. Nach der Uraufführung 1948 in Paris kam es zum Eklat, weil die Linke das Drama für antikommunistisch hielt und Verrat eines der Ihren witterte.

Das ist lange her. Längst haben die kommunistischen Ideen sich selbst verraten, die Brisanz des Stückes ist einer gewissen Gestrigkeit gewichen. Genau der richtige Stoff also für einen Regisseur wie Sebastian Baumgarten, der in seinen Opernarbeiten schon ganz andere Distanzen überwunden hat und als einer gilt, der Stoffe wiederzubeleben versteht.

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Das gelingt ihm auch in seiner Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus, die am Wochenende Premiere hatte. In einem düsteren Einstieg stimmt Baumgarten das Publikum auf seine Sicht des Stückes ein - durch chorisches Gebrüll einiger Guerilleros, die verkünden, dass der globale Kapitalismus den globalen Bürgerkrieg heraufbeschwört.

Folglich löst Baumgarten Sartres Szenen aus dem linken Millieu, betrachtet das Beispiel als Phänomen und zeigt das Leben in einer beliebigen Terrorzelle, deren Ideologie keine Rolle spielt. Auch der Ort des Geschehens ist eigentlich egal, also schickt Baumgarten das Stück auf globalen Terrortrip, lässt es in den Pariser Vorort-Slums spielen, später in Russland und dem Nahen Osten. Diese Orte markiert er nebenbei, lässt die Darsteller etwa zwischen Pappkarton-Wohnblocks spielen, Banlieues en miniature, oder Leibwächter in der Pause genüsslich in Zwiebeln beißen, als man in Russland gelandet ist.

Baumgarten hat großes Gespür für Details, die eine ganze Welt bedeuten. Seine Theatersprache ist knapp, direkt, voll bitteren Humors, dabei bild- und kontrastreich wie ein Video-Clip. Der 37-Jährige ist ein suggestiver Theatermittel-Collageur. So installiert er Videoprojektionen, in die die Schauspieler ein- und aussteigen, streut schnell und präzise Musik- und Geräuschschnipsel in den Text, lässt chorisch sprechen oder einfach mal Fremdtexte vorlesen, Bröckchen aus dem Überbau der Inszenierung. Und für ein bisschen Provokation zwischendurch sorgt ein pornografischer Comicstreifen.

So beamt Baumgarten den Sartre-Stoff inhaltlich wie ästhetisch in die Jetztzeit, spult den Zuschauer fast-forward durch ein altes Stück, passt die Erzählweise der aggressiv erhöhten Bildfrequenz heutiger Sehgewohnheiten an. Dazu folgt er einer komplexen Inszenierungspartitur, die Schauspielern und Technik (Kompliment!) Höchstleistung abverlangt. Und das Düsseldorfer Ensemble kann mithalten, obwohl die Darsteller im Premierenfieber dieser Wochen allesamt überlastet sind. Am vielgestaltigsten spielt Cathleen Baumann die lädierte Revolutionärin Olga. Götz Schulte gibt mehr den Kumpel als den Übervater Hoederer, Hans-Jochen Wagner ist ein fast zu souveräner Grübel-Hugo und Nadine Geyersbach eine verspielte Girly-Jessica.

Die Rasanz, Einfallsdichte und Bilderfülle der Inszenierung hat jedoch ihren Preis. Auf der Strecke bleibt der psychologische Gehalt des Dramas. Denn darin geht es nicht nur um Partisanenkampf, sondern auch um ein junges Paar, das sich nicht ernsthaft lieben kann und eine Vaterfigur, die sich nur durch Mord bezwingen lässt. Doch das interessiert Baumgarten nicht, er macht episches Theater im Videoclip-Format, erkennt in der guten alten Verfremdung ein zeitgemäßes Mittel für coole Distanzierung. Brecht reloaded.

Dafür nimmt er in Kauf, dass zwischen den Darstellern vor allem gegen Ende des Stücks wenig mehr passiert als Thesenaustausch. Und so fallen die Figuren schließlich wie auf einem Schachbrett. Lektion gelernt.

Hoher Aufwand für einen beeindruckenden, keinen ergreifenden Abend. Viel Applaus.