Ungewöhnliches Hobby Postcrossing: Tausende Postkarten pro Jahr

Ungewöhnliches Hobby Postcrossing : Tausende Postkarten pro Jahr

Was bringt einen dazu, 7000 Postkarten an meist wildfremde Menschen zu verschicken? Norbert Venzke kann es erklären, denn er hat ein außergewöhnliches Hobby: Er ist Postcrosser.

Eine in Teddybärform, eine mit kleinen Landschaftsmotiven aus Ohio, eine in Schwarz-weiß mit einem Pferd — all die Postkarten, die Norbert Venzke je erhalten hat, wird er wohl nicht mehr aufzählen können. Denn es sind bis heute rund 7000 Stück. Der 56-Jährige ist einer von weltweit mehr als 300 000 Postcrossern.

Postcrossing ist eine Internetplattform und basiert auf einer einfachen Idee: Die registrierten Mitglieder schicken sich gegenseitig Postkarten. Die Adresse, an die eine Karte verschickt werden soll, wird von einem Zufallsgenerator ausgewählt. Die Leute hinter den Adressen kennt Venzke nicht, und von ihnen erhält er meistens auch keine Antwort. Dafür aber bekommt er täglich bis zu 20 Postkarten von wildfremden Menschen aus aller Welt. "Mich interessiert weniger das Bild auf der Postkarte, als die Nachrichten hinten drauf", sagt Venzke. Oft seien das Fakten zu der Stadt, in der die Sender wohnen, oder zu historischen Ereignissen, die auf der Postkarte zu sehen sind. "Einige schreiben aber auch von ihrem Alltag." Das gefällt Venzke, der als Software-Entwickler in Düsseldorf arbeitet, am besten. Postcrossing ist für ihn ein Spiegel des Alltags.

"Montags kommt kaum Post"

"Diese Postkarte fand ich witzig. Sie ist eine meiner Lieblingskarten", sagt Venzke und hält eine Postkarte mit weißem Hintergrund hoch, auf der ein Windowsbalken zu sehen ist. "Postcard is loading...Please wait..." steht unter dem Balken. Ein Satz, der die Motivation von Venzke, jedes Jahr Tausende von Postkarten zu schicken, gut beschreibt. Denn es wäre ja viel einfacher, schnell mal eben eine E-Mail zu schicken oder eine SMS zu schreiben. Aber Venzke will eben gerade das Postkartenschreiben, eine "antiquierte Form der Kommunikation" wie er es nennt, erhalten. "Eine Postkarte lässt sich anfassen. Sie erzählt eine Geschichte. Die Briefmarken und Stempel zeugen von einer Reise."

Eine weite Reise hat auch die Karte aus Tuvalu bis nach Düsseldorf hinter sich. Sie stammt aus dem wohl interessantesten Land, aus dem Venzke jemals eine Karte bekommen hat: einem Inselstaat in der Südsee, der langsam im Meer versinkt. Seine erste Postkarte erhielt er aus Finnland. Und die bewegendste Geschichte einer Postkarte kommt aus Deutschland. "Die Mutter eines verstorbenen Mädchens hat einen Postcrossing-Account für ihre Tochter angelegt, um so ihr Leben und ihre Geschichte zu erhalten und allen Leuten von ihr zu erzählen", sagt Venzke.

Bis zu 20 Karten schreibt und erhält Venzke täglich. Mal mehr, mal weniger. "Mittlerweile kann ich schon einiges über die Postwege sagen. Montags kommt beispielsweise kaum Post. Mittwochs kommt viel aus den Niederlanden und Donnerstags aus Polen", sagt Venzke. Die Gründe, Postkarten zu verschicken, sind wohl für jeden andere.

"Ich habe jedes meiner Hobbys exzessiv betrieben", sagt Venzke, der schon als Stempelsammler und Rollenspieler aktiv war. So sind bei ihm immer 100 Postkarten gleichzeitig auf dem Weg. Andere Postcrosser sammeln die Briefmarken und wiederum andere haben es auf die Postkarten abgesehen, und wünschen sich auf ihren Accountbeschreibungen bestimmte Motive wie etwa schwarz/weiß oder Landschaften. "Das Portal ist kostenlos, aber das Porto und die Postkarten gehen ins Geld", sagt Venzke und verzieht das Gesicht.

Mittlerweile hat Venzke mit seinem Hobby auch seine Umgebung angesteckt. Seine Frau und seine zwei Katzen haben auch einen Postcrossing-Account. Und auch Freunde und Bekannte sind infiziert. Unter dem Pseudonym "Nordbaer" betreibt er sein Profil und führt mit seiner Frau die Spitze der Liste aller deutschen Postcrosser an. Doch die Postkarten bleiben nicht nur Postkarten. Es sind schon Freundschaften entstanden. Viel mehr noch: "Zwei Paare haben sich über Postcrossing kennengelernt und geheiratet. Ein Australier und eine Finnin, und ein Weißrusse hat letztens erst einer Ukrainerin das Ja-Wort gegeben." Ein Forum auf dem Postcrossing-Portal regt zum Austausch an. Zudem organisiert Venzke ein Postcrosser-Treffen in Bielefeld. 2010 waren rund 40 Leute aus 17 Ländern da. Gemeinsam haben sie mehr als 1200 Karten verschickt. Und immer wieder kommen Venzke Leute aus der ganzen Welt in Düsseldorf besuchen.

Freut man sich nach mehr als 7000 Postkarten noch eine zu bekommen? "Natürlich stellt sich eine Routine ein. Aber es kommt immer darauf an, was hinten draufsteht", sagt Venzke. Wenn er zum 28. Mal nur ein "Happy Postcrossing" auf der Rückseite liest, sei das nicht so prickelnd. Aber wenn jemand, wie er selbst, die Postkarte bis in die letzte Ecke ausfüllt, dann freut er sich. Insgesamt wurden mehr als 12 Millionen Postkarten bisher verschickt und legten dabei eine Gesamtstrecke von über 1,5 Millionen Erdumrundungen zurück. Zurzeit sind mehr als 360 000 Postkarten aus 207 Ländern weltweit unterwegs. Ganz sicher werden darunter auch einige für Norbert Venzke sein.

(kaf)
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