Analyse zur Kriminalität in Düsseldorf: Taschendiebe machen Altstadt unsicher

Analyse zur Kriminalität in Düsseldorf : Taschendiebe machen Altstadt unsicher

Mehr als 8000 Taschendiebstähle hat die Polizei voriges Jahr in Düsseldorf registriert, die meisten davon in der Altstadt. Um ihrer Herr zu werden, muss die Kripo neue Wege gehen. Verhaftungen allein nützen wenig, denn die Täter finden problemlos Ersatz.

Kripochef Jürgen Schneider weiß eine ganze Menge über die Männer, Frauen und Kinder, die im vergangenen Jahr die mindestens 8299 Taschendiebstähle (so viele wurden angezeigt) begangen haben. "Sie gehören zu gut organisierten Banden, werden von außerhalb gesteuert." Die Drahtzieher im Hintergrund besorgen ihnen Wohnungen, nicht selten bei unbescholten in der Stadt lebenden Landsleuten, statten sie mit Nahverkehrstickers und Stadtplänen aus. "Manche dieser Diebe können unsere Schrift nicht lesen", sagt Schneider, "die folgen dann zu Fuß den Bahnschienen, weil sie sich anders nicht orientieren können."

In 80 Prozent der Fälle im vergangenen Jahr führten ihre Wege die Diebe in die Altstadt und zu Großveranstaltungen. Da werden sie auf unterschiedliche Weise tätig. Bei Messen etwa funktioniert in den Restaurants der Griff in die über der Stuhllehne hängende Jacke noch immer gut, im Flughafen und in Bahnen nehmen die Täter auch Akten- und Laptoptaschen mit. Wer beim Wort Taschendieb an zerlumpte Kinder á la Oliver Twist denkt, liegt fern der Wahrheit: Die auf Messen und Reisende spezialisierten Täter tragen Anzug und polierte Schuhe, wirken selbst wie seriöse Geschäftsleute.

Taschendiebe nutzen die ausgelassene Stimmung

Am erfolgreichsten aber sind sie in der Altstadt: Da rempelt man mit der Currywurst in der Hand "versehentlich" einen womöglich angetrunkenen Passanten an, entschuldigt sich wortreich und rubbelt mit der einen Hand geschwind den Fleck weg, während die andere Smartphone und Geldbörse entfernt. Beides landet beim Komplizen, der es wiederum schneller weitergibt, als das Opfer den Verlust bemerken kann. Zu zweit oder zu dritt sind auch die "Antänzer" unterwegs, die seit einigen Monaten schon die Altstadt unsicher machen. Sie nutzen die ausgelassene Stimmung in den Partynächten, tänzeln auf Feiernde zu, lachen sie an, fordern zum Mittanzen auf — und ziehen dabei aus den Taschen, was sie kriegen können. Selbst wenn die Täter selbst, die sogenannten "Zieher", erwischt werden, kann die Polizei ihnen ohne Beute kaum etwas nachweisen.

Kein Wunder also, dass bei wachsenden Fallzahlen (2012 wurden noch zweieinhalbtausend Fälle weniger registriert) die Aufklärungsquote mäßig ist — nur jede 20. Tat wird geklärt. Nicht immer kommen dann die Täter aber auch hinter Gitter. Deshalb will die Kripo den Druck auf die Szene nicht nur weiter erhöhen, sondern auch andere Ermittlungswege gewinnen. Zum Beispiel dort, wo die Diebe ihre Beute zu Geld machen. Das geschieht beispielsweise über private Anbieter im Internet und auch über kriminelle Büdchenbesitzer. Den Hehlern wollen die Fahnder ebenso dicht auf den Fersen bleiben wie den Dieben selbst, auch um die Bandenstrukturen nachweisen zu können. Bei schwerwiegenden Delikten erlaubt das Gesetz nämlich auch andere Fahndungsmittel als gegen vermeintliche Einzeltäter — etwa die Telefonüberwachung, die die Kripo schon wieder weiterbringen würde.

Taschendiebe dürfen sich nicht mehr sicher fühlen

Auch mit der Justiz will man enger und strenger zusammen arbeiten. Im vorigen Jahr ist die Hälfte der festgenommen Taschendiebe auf freien Fuß gesetzt worden. Das lässt sich nur ändern, wenn die Polizei bessere Beweisketten und damit auch eindeutige Haftgründe liefern kann. Über Letztere freilich ließe sich auch diskutieren. Das hat der neue Polizeipräsident Norbert Wesseler schon bei seinem Amtsantritt erklärt: "Wieso ein fester Wohnsitz irgendwo in Bulgarien zur Entlassung aus der Haft führen kann, ist mir schleierhaft."

Vor allem muss die Polizei, ähnlich wie im Einbrechermilieu, dafür sorgen, dass sich die Taschendiebe in Düsseldorf nicht mehr sicher fühlen. Denn nur das wird auf Dauer Abhilfe schaffen. Verhaftungen allein nützen nichts, selbst wenn sich lange Strafen anschlössen, sagt Schneider: "Im Gegensatz zur Polizei haben die Täter keine Personalprobleme. Wenn welche fehlen, ordern sie einfach neue nach."

(cwo)
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