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Streetworker: "Es gibt immer mehr Alleinerziehende auf der Straße"

Ein Streetworker im Gespräch : Immer mehr Alleinerziehende verlieren ihre Wohnung

In Deutschland sind immer mehr Menschen ohne festen Wohnsitz. Darunter sind auch 29.000 Kinder. In Düsseldorf arbeitet ein Streetworker der Obdachlosen-Zeitschrift "Fifty Fifty" mit den Menschen, die aus dem sozialen Netz des Staates fallen. Ein Gespräch.

Oliver Ongaro arbeitet seit 14 Jahren als Streetworker für die "Fifty Fifty". Das Straßenmagazin engagiert sich in der Obdachlosenhilfe und setzt sich für Wohnungslose ein. In Düsseldorf kommt es immer wieder vor, dass Kinder auf der Straße leben. Oft gehören sie zu rumänischen oder slowakischen Familien, die zum Arbeiten nach Deutschland kommen. Ongaro sagt, dass sich die Obdachlosenhilfe seit der EU-Osterweiterung verändert hat. Auch immer mehr alleinerziehende Mütter mit Kindern sind von Wohnungslosigkeit betroffen.

Herr Ongaro, besonders die hohe Zahl von obdachlosen Kindern und Jugendlichen ist erschreckend. Warum landen Kinder auf der Straße?

Ongaro Man muss zwischen obdachlos und wohnungslos unterscheiden. Es gibt in Düsseldorf nicht viele Kinder, die dauerhaft "Platte machen", das heißt auf der Straße leben. Wenn wir so etwas feststellen, dann handeln wir sofort und dann greifen die sozialen Sicherungssysteme in der Regel auch sehr schnell. Meistens sind Kinder aus Familien betoffen, die als Armutsmigranten nach Düsseldorf kommen. Und wir haben Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben. Manche gehen nicht mehr nach Hause, aber noch in die Schule, manche haben alles hingeschmissen.

Und bei Wohnungslosen?

Ongaro Wir stellen fest, dass es immer mehr alleinerziehende Mütter gibt, die mit ihren Kindern in Notschlafstellen auflaufen. Die haben dann keine eigene Wohnung mehr, das heißt aber nicht, dass die auf der Straße schlafen. Dass Kinder wirklich auf der Straße landen, habe ich nur ein paar Mal erlebt und dann direkt eingegriffen.

Wie reagieren Sie denn?

Ongaro Das hängt ganz stark von den Eltern ab. Aber meistens klappt es, dass wir Wohnungen vermitteln können. Eigentlich wird sofort das Jugendamt eingeschaltet, wenn die Eltern ihre Wohnung verlieren.

Wie erklären Sie sich, dass so viele Menschen in Deutschland keinen festen Wohnsitz haben oder auf der Straße leben?

Ongaro Das liegt an der Wohnungspolitik der Stadt, des Bundeslandes und des Bundes. Es gibt einfach nicht genügend bezahlbaren Wohnraum für Menschen mit niedrigen Einkommen oder Sozialhilfeempfänger. In Düsseldorf wurden unter der Elbers-Regierung viele städtische Wohnungen an private Investoren verkauft.

Aber das Sozialamt oder das Jobcenter bezahlen doch die Miete für Sozialhilfeempfänger?

Ongaro Das stimmt. Aber diejenigen müssen trotzdem erstmal eine Wohnung finden, die den Kriterien bei Größe und Preis entspricht. Es gibt viele, die nicht damit zurechtkommen. Wenn zum Beispiel die Mieten nach einer Sanierung steigen. Das können sich die Mieter nicht leisten, häufen Mietschulden an. Irgendwann landen sie durch die Zwangsräumung auf der Straße.

Das heißt, Sie sehen eindeutig den Fehler bei der Politik?

Ongaro Ich bin der Meinung, man sollte die Regelung der menschlichen Grundbedürfnisse — und Wohnen gehört dazu — nicht dem freien Markt überlassen.

Wie kommt es, dass hauptsächlich Männer auf der Straße leben?

Ongaro Frauen haben noch eine andere Sozialkompetenz. Und ich kenne nur wenige Frauen, die alleine draußen schlafen. Das finden viele zu gefährlich. In Düsseldorf gibt es zum Beispiel auch viele Polen, die hier jahrelang schwarz gearbeitet haben, auf dem Bau zum Beispiel. Die haben dann in Containern gelebt, die der Arbeitgeber zur Verfügung gestellt hat. Ist der Job weg, ist auch das Dach über dem Kopf weg. Die haben hier keinen Anspruch auf soziale Leistungen. Am Flughafen schlafen bestimmt 30 bis 50 solcher Leute.

Welche Rolle spielt die Sucht?

Ongaro Wer längerfristig auf der Straße lebt, hat oder bekommt meistens ein Alkoholproblem. Manche sagen, ohne Alkohol sei die Straße nicht auszuhalten. Illegale Drogen wie Heroin kommen oft in der Altergruppe zwischen 16 bis 45 Jahren vor.

Die, die "Platte machen", haben also einen Migrationshintergrund?

Ongaro Die Obdachlosenhilfe hat sich stark verändert seit der EU-Osterweiterung. Von den großen Gruppen, die hier "Platte machen", sind es oft Migranten, die hierherkommen und auf der Straße landen, weil sie eben keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben.

(heif)