1. NRW
  2. Städte
  3. Düsseldorf
  4. Stadtteile
  5. Wittlaer

Wittlaer: Bombentrichter als Abenteuerspielplatz

Wittlaer : Bombentrichter als Abenteuerspielplatz

Gisela Droste hat ihre Kindheit in Wittlaer verbracht. In den letzten Kriegswochen lebte sie im Keller einer Jugendstilvilla. Die Zeit danach war wild und ungezwungen; das Leben fing neu an.

Im Krieg ist der Zufall Herr über Leben und Tod. Wenn Gisela Droste, die damals noch Roeber hieß, zum Beispiel als Kind beim Versteckenspielen ein wenig langsamer gewesen wäre - sie wäre von den Kugeln eines amerikanischen Maschinengewehrs getroffen worden. Sie wäre eines von ungezählten Kindern gewesen, die den letzten Kämpfen zum Opfer gefallen sind. Eine Randnotiz nur, angesichts des Leids von Millionen.

Weil sie sich aber im richtigen Moment, ohne sich der Gefahr bewusst zu sein, duckte, die Gewehrsalve über sie und in die gegenüberliegende Wand einschlug, kann sie von der Zeit erzählen. Mit guter Laune, aufgeräumt und mit diesem den Nachgeborenen immer ein wenig seltsam anmutenden Lächeln im Gesicht. Eine Kindheit ist eben eine Kindheit, auch in Kriegszeiten. Auch wenn das eigene Leben ständig bedroht ist, wenn Granaten einschlagen und Menschen sterben, können Kinder Freude erleben, die sich in den Erinnerungen der Erwachsenen festsetzt.

Gisela Droste wurde 1936 in Kaiserswerth geboren, der Urgroßvater war Fritz Roeber, Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie, die Familie war vermögend, so verbrachte man etwa den Winter in der Stadt, den Sommer auf dem Land. Gisela Droste erinnert sich noch gut daran, wie sie mit dem Auto nach Wittlaer rausfuhren in die Jugendstilvilla des Großonkels. Es gab Gärtner, Köche, Kindermädchen, "wir lebten eigentlich ein Leben des 19. Jahrhunderts", sagt Droste. Ihr Vater war technischer Kaufmann in einem Luftmontagewerk. Vom Kriegsdienst war er zunächst freigestellt.

Gisela Droste vor dem Krieg in der Karnevalszeit auf der Kö. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Der Garten der Villa endete direkt am Rhein, in normalen Zeiten war das wunderschön, doch als Düsseldorf Frontstadt war, markierte der Fluss die Grenze zwischen Amerikanern und Deutschen. Droste sah als Neunjährige, wie flüchtende deutsche Soldaten von Granaten zerrissen wurden. Die Familie lebte nun wochenlang im Keller, zusammen mit einer Truppe Soldaten, sie bekam Läuse, die Großmutter robbte durch die Gärten, um Brot zu besorgen. Irgendwann verließ die Wehrmacht Wittlaer, Düsseldorf wurde befreit, doch der Vater von Gisela Droste war inzwischen in englische Gefangenschaft geraten. Droste selbst blieb, ging hier in die Volksschule. Es war eine unbeschwerte Zeit, und vor allem eine Zeit der Befreiung, gerade für die Kinder, die nun ohne Angst spielen konnten. "Wir hatten den größten Abenteuerspielplatz der Welt vor der Tür", sagt Gisela Droste. So spielten die Kinder von Wittlaer in den Granattrichtern, in den Einmannlöchern der Soldaten, und immer wieder ging es auf den Rhein heraus. Im Sommer schwammen sie in dem Fluss und nutzten alte Badewannen als Flöße. Im Winter sprangen sie von Eisscholle zu Eisscholle. Undenkbar aus heutiger Sicht, damals jedoch Realität. Der Familie ging es gut, der Wohlstand von damals setzte sich in der Nachkriegszeit fort, man verstand sich mit den Bauern der Umgebung, der Garten der Villa wurde wieder angelegt. Irgendwann kam auch der Vater, doch er war nicht mehr derselbe. 1947 ließen sich ihre Eltern scheiden, der Vater verließ Düsseldorf und ging nach Südamerika.

(RP)