Düsseldorf: Vernachlässigte Stolpersteine

Düsseldorf: Vernachlässigte Stolpersteine

Eine Seniorengruppe des Zentrums plus Unterbilk unternahm einen Rundgang zu den Erinnerungssteinen des Künstlers Gunter Demnig für Opfer des Nazi-Regimes. Und ärgerte sich, wie schlecht diese teils zu erkennen sind.

Eine Gruppe Senioren begab sich jetzt auf einen denkwürdigen Rundgang: Auf Einladung des Zentrums plus Unterbilk suchten sie Stolpersteine im Viertel auf. Und zwar jene aus Messing und mit individuellen Namenszügen, die der Künstler Gunter Demnig seit Jahren und inzwischen europaweit in Bürgersteige einlässt, um an Opfer der NS-Herrschaft zu erinnern. Die Gruppe wurde geleitet von einem Duo: Von Peter Böhm, der seit einiger Zeit Rundgänge vorwiegend mit Senioren zu Demnigs Stolpersteinen leitet. Und von Polizeihauptkommissar Joachim Tabath, der seit rund vier Jahren Senioren in Sachen Sicherheit im Straßenverkehr berät.

Beinahe zugeparkt

Gleich an der ersten Station gab es einen Aufreger: Unmittelbar vor dem Apollo-Varieté erinnert ein Stolperstein an die Jüdin Julie Googe, die im Haus Stromstraße 4 wohnte, bis sie 1942 von den Nazis deportiert und in Auschwitz ermordet wurde. "Das kann man ja kaum noch lesen", empörte sich eine Teilnehmerin. Außerdem empfand die Runde es despektierlich, dass ein Lieferwagen nur wenige Zentimeter neben dem Erinnerungsstein parkte. "Wir haben es hier doch schließlich mit einem Denkmal zu tun", empörte sich auch Böhm. "Der Lkw-Fahrer hat das aber vermutlich gar nicht gesehen", beschwichtigte Tabath.

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Der zweite Stolperstein des Rundgangs schloss sich in der Neusser Straße an: Vor dem Haus Nummer 37, heute Sitz der Diakonie-Fachberatungsstelle "Horizont", lebte bis 1938 Bernhard Esch. Der junge Arbeiter wurde wegen seiner Homosexualität zunächst im Polizeipräsidium direkt gegenüber inhaftiert, lebte dann unter ständiger Beobachtung der Gestapo und wurde noch kurz vor Kriegsende erschossen. Böhm: "Solche Schicksale erstaunen noch immer viele der Senioren, die ich führe. Die wissen oft gar nicht, dass neben den Juden auch Menschen etwa wegen ihrer religiösen oder politischen Überzeugung oder sexuellen Orientierung verfolgt wurden."

Neben dem Polizeipräsidium gab es noch zahlreiche weitere Stätten, wo die Nazis in Düsseldorf gefoltert haben: etwa das Stadthaus, heute Sitz der (vorübergehend geschlossenen) Mahn- und Gedenkstätte oder auch die Reuterkaserne. Seit einigen Jahren ist im Keller des Polizeipräsidiums nun eine historische Ausstellung zu sehen — inklusive NS-Zeit. "Da werden auch die Gräueltaten von Düsseldorfer Polizisten aufgearbeitet", berichtete Tabath und lud zum Besuch der Ausstellung ein. In der Konkordiastraße 19 schließlich wurde der Wohnsitz des Malers Peter Ludwigs aufgesucht. Ludwigs war Mitglied des Jungen Rheinlands und mit seinen kriegskritischen Bildern den Nazis ein Dorn im Auge. "Der Mann wurde von den Nazis regelrecht in den Tod getrieben", so Böhm.

"Von diesen Schicksalen müssen auch junge Leute erfahren, nicht nur wir Älteren", meinte die Teilnehmerin Marlies Röding. Und so endete der Rundgang mit zwei festen Absichten: Inge Wehrmeister, Leiterin des Zentrums plus, will nun die Jugendgruppen im Haus und die Schulen im Viertel ansprechen. Und eine Gruppe von Senioren plant, demnächst als Putzkolonne aufzubrechen. Sie wollen matt gewordene Stolpersteine wie den vor dem Apollo aufpolieren, damit sie wieder lesbar werden.

(RP)
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