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Wirtsgeburtstag in der Alten Apotheke in Urdenbach

Wirte mit Herz : Die Kneipe für alle

Seit 20 Jahren betreiben Nadine Marowski und Andreas Schlesinger die Wirtschaft „Zur Alten Apotheke“. Ein Besuch.

Es ist das traurigste Geschenk an diesem Kneipengeburtstag mit mehr als 120 gutgelaunten Gästen. „Für dich“, sagt Michael (48), „halte es in Ehren“. Und drückt Nadine (55) eine Schachtel mit einem Metall-Feuerzeug in die Hand. Das Zippo mit Sprühpistolen-Relief hat dem Rösi gehört. „Scheiß Krebs“, sagt Nadine und erzählt: „Erst vorige Woche. Mit 50. Der Rösi war wie wir ein Teil der Theke, hat hier zehn Jahre gekellnert, sich später mit einer Autolackiererei selbständig gemacht.“

Nadine Marowski ist die Wirtin „Zur Alten Apotheke“, von Stammgästen nur die „Theke“ genannt. Die Szene mit dem Zippo erklärt alles: Warum hier, an der Bücher-, Ecke Hochstraße, inzwischen das Kneipenherz des kneipenreichen Urdenbach schlägt. Versammelten sich die Urdenbacher früher vor der „Töpferstube“ („Donnerstag ist Toni-Tag“), so sind die Abende heute etwas weiter in Richtung Altrhein länger, als der Morgen danach erlaubt. „Wir sind wie eine Familie“, sagt Nadine und Michael nickt.

Die Alte Apotheke ist nicht groß. Manche Urdenbacher dürften locker doppelt so große Wohnzimmer haben, mit Rheinblick. Und natürlich würden sie all den Nippes in ihren lichtdurchfluteten Villen niemals dulden: Nummernschilder, ein Schwein aus Pappmaché, ein verrosteter Fahrradsitz, eine Fasskühle mit Unterschriften, zahllose Aufkleber, alte Apotheker-Utensilien … Wäre es nicht so schummerig in der Theke, das Auge wäre vermutlich augenblicklich pappsatt. Doch spätestens beim Anblick der kleinen Bühne am anderen Ende der vielleicht 60 Quadratmeter wird fast jeder Neuankömmling denken: Wie super ist das denn?! Die Bühnen-Rückwand, ein Gemälde mit Größen der Rock- und Popgeschichte: Freddy Mercury, Grace Jones, James Brown …

Denen, die es gemalt haben, sei Dank: Sie haben auch dafür gesorgt, dass Nadine und der Schlesi an diesem Septemberabend ihren 20. Geburtstag als Wirte feiern. Der Schlesi, bürgerlich Andreas Schlesinger (54), war damals – nach „Rücken“ als gelernter Zimmermann und Umschulung zum Konstruktionszeichner – arbeitslos. Die beiden Bühnenbild-Schöpfer fragten ihn: „Die Theke steht seit Monaten leer. Wär‘ das nix für dich?“ Darauf setzte der Schlesi sich auf den Rheindeich, dachte nach und fragte seine Nadine, die er erst wenige Monate zuvor, natürlich in einer Kneipe, kennengelernt hatte. Gefragt, getan – im September 1998 feierten die beiden Eröffnung.

Die Zarte mit den strohblonden Haaren und der Koteletten- und Käppi-Träger wuchsen beide auf dem Dorf auf, stadtnah, aber eben Dorf (Alt-Lörick/Norf bzw. Haan-Gruiten). Eine weitere Erklärung dafür, warum die Urdenbacher und sie sich so gut verstehen. „Wenn ich heimkehre und die Südallee entlangfahre, dann weiß ich: Hier bin ich zuhaus“, schwärmt Nadine, die mit ihrem Schlesi seit 2001 über der Theke wohnt. Der ist Vollblut-Biker, wovon nicht nur zahlreiche Unfallnarben an Arm und Oberkörper zeugen (teils camoufliert hinter Tattoos). Zweimal im Jahr geht’s auf eine mehrtägige Thekentour, in den Hunsrück oder die Eifel, natürlich auf Motorrädern. „Das sind riesige Wochenenden, mehr Spaß geht kaum“, sagt Uwe (63), der eine Bikerweste mit (unverdächtigen) Clubabzeichen trägt.

Außerdem im Jahreskreis der Theke: Live-Konzerte, Bingo-Abende, Kneipen-Quiz, und, und, und. Nachzulesen in der Hauszeitschrift, in der neben einer „kleinen Whisk(e)y-Kunde“ auch News mit Emoji-Kommentaren abgebildet sind.

Entscheidend aber ist der Alltag in der Theke. Wenn „nur“ die alten Lieder aus den Boxen klingen, Abba, Falco, Marius. Und die Videos dazu laufen, aus „Beat Club“- und „Formel Eins“-Zeiten, einzelne noch in Schwarz-Weiß. Mehr als 3000 haben Nadine und Schlesi auf Lager, dazu zehnmal so viele Akustiktitel. Eingriffe in den Hormonhaushalt bleiben da nicht aus. Doch wenn einer mal fremdknutscht – in der Theke wird darüber nicht getratscht. Eher schon gibt es einen Rat von jemandem mit Lebenserfahrung, verständnisvoll und doch klug. Fragt man den Schlesi, wie einer, der vom Kellnern die Schnauze voll hatte, es zu so einem beliebten Wirt bringen konnte, sagt der, der sonst so viel sabbelt: Nichts. Stattdessen lächelt er – und legt seine Hand aufs Herz.

„Ohne die Theke wäre Urdenbach nicht Urdenbach“, sagt Biker Uwe. An diesem Wirtsgeburtstag danken die Urdenbacher der kleinen Kneipe dafür. Eines der größten Geschenke: der Auftritt von „Toeffte“. Das Duo spielt den „Bossa Nova“-Schlager aus den 60ern, und Sänger Michael singt dazu: „Schuld ist nur die Apo-the-ke …“ Später greift auch Steffi (32), die Kellnerin mit den pinken Haaren und den ausdrucksstarken Augen, zum Mikro. Es gibt Pink Floyd, die Hosen und „Tränen lügen nicht“. Zwei ältere Urdenbacherinnen wiegen sitzend hin und her. Sie gehören genauso zur Theke wie die schöne Mittvierzigerin in Aperol-Spritz-Laune oder die vielen Biertrinker à la Uwe. Und wie Dorfkünstler Julius. „Hier in der Theke …“, hebt der 85-Jährige an, ehe ihm Sänger Michael die Botschaft abnimmt. Mit der „Kleinen Kneipe“ von Peter Alexander. Julius formt die Hand zur Ohrmuschel und deutet mit der anderen zur Bühne: „… fragt dich keiner, was du hast - oder bist“.