Unterbilk : „Der schönste Stadtteil von Düsseldorf“

Viel los, viel Verkehr und unter dem Strich eine tolle Lebensqualität: Die Menschen rund um die Lorettostraße sind zufrieden.

Kristina Tewes und Matthias Goergens haben drei Kinder. Diese sind heute fünf, sieben und elf Jahre alt. Irgendwann hat sich das Paar hingesetzt und eine Pro-und-Contra-Liste aufgestellt. „Wir haben uns gefragt, ob wir mit den Kindern in Unterbilk wohnen bleiben wollen oder lieber aufs Land ziehen.“ Die Familie wohnt in der Wilhelm-Tell-Straße, die von der Lorettostraße abzweigt. „Am Ende kam heraus, dass fast nichts für den Wegzug sprach.“ Gründe: Die Kinder kommen mit dem Verkehr klar, haben die Schulen in der Nähe, zum Sport geht es nur über eine Ampel, die Innenstadt ist nah, der Rhein auch. „Außerdem haben wir Lokale und Geschäfte“, ergänzt Peter Müller. Der Markt auf dem Friedensplätzchen hat viele Fans, dort trifft Ingeborg Wolff ihre Bekannten und bekommt frisches Obst und gutes Fleisch. „Nur ein Fischhändler fehlt.“ Gelobt wird, dass im Stadtteil alle gesellschaftlichen Schichten und Generationen zusammenleben. „Für mich ist es das schönste Viertel von Düsseldorf“, sagt Beate Glaser. Übersichtlich sortiert dank eines Schachbrett-Straßensystems, fast alles gut fußläufig erreichbar, genug Ärzte und ein Krankenhaus. Das sind aktuell die wichtigen Themen im Stadtteil:

Autoverkehr Die Lorettostraße war früher eine Durchgangsstraße. Daran können sich viele Unterbilker wie Franz-Josef Cüppers bestens erinnern. Der Apotheker hatte sich mit dem damaligen Oberbürgermeister Joachim Erwin für den Umbau der Straße eingesetzt. Acht Bäume, 32 Laternen und eine neue Asphaltdecke hat die Straße bekommen, dazu Schrägparkplätze. Cüppers ist zufrieden, „nur die Idee, einen richtigen Radweg umzusetzen, hat nicht funktioniert“. Die ÖPNV-Anbindung ist aber so gut, dass viele Anwohner das Auto immer öfter stehen lassen oder aufs Carsharing umsteigen.

Aktuell gibt es eine Initiative für Tempo 30 auf der Bilker Allee.

Schulleiter von Grund- und Realschule, Anwohner, Händler und der Bezirksbeamte der Polizei setzen sich für die Reduzierung der Geschwindigkeit auf der Hauptverkehrsader ein. Sie wollen nicht warten, bis ein schlimmes Unglück passiert. Unfälle hat es schon einige gegeben. Es gibt aber auch andere Auffassungen. Ein Mann Mitte 30, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hält die Reduzierung für unnötig. Er sei eifriger Radfahrer und habe noch keine brenzlige Situation erlebt.

Parken Oft sehen Anwohner und Händler Autos auf der Lorettostraße und Bilker Allee, die über Tage dort abgestellt sind. Die Anlieger fänden es gut, Kurzzeitparken einzuführen, die Langzeitparker könnten dann in Richtung Rheinkniebrücke ausweichen, schlägt Fabian Pramel vor. Parkplätze sind im eng bebauten Jahrhundertwende-Stadtteil Mangelware. Ein ganz typisches Bild im Viertel: Gleich neben der Mobilen Redaktion an der Ecke Loretto-/Düsselstraße stellt ein junger Mann sein Auto auf dem rot markierten Radbereich ab, bringt seine Hemden in die Reinigung und schaut noch beim Friseur vorbei. „Das würde er sich auf der normalen Fahrbahn nicht trauen“, sagt Dirk Jehle vom Heimat- und Bürgerverein. Volker Wirths hat 20 Jahre auf seinen Garagenplatz gewartet. Er hat das Glück, eine Eigentumswohnung zu besitzen – in einem der ersten Häuser, in denen Arbeitskräfte von Mannesmann nach dem Krieg gemeinsam Eigentum schaffen konnten. Wirths findet die Idee von Oberbürgermeister Thomas Geisel nicht schlecht, in Stadtteilen, in denen Parkplätze rar sind, bis Mitternacht oder länger Parkgebühren einzuführen und gleichzeitig Anwohner-Parkausweise. „Vielleicht bringt es etwas, nach Unterbilk kommen viele Besucher, die abends Parkplätze blockieren.“

Radverkehr „Die Fußgänger haben keine Chance“, sagt Ingeborg Wolff, „die Autos fahren zu schnell, viele Radfahrer sind rücksichtslos.“ Beate Glaser sieht es genauso, „die Radler verhalten sich oft gemeingefährlich.“ Für die Radler selbst ist die Verkehrsführung aber auch ein Problem, Wolfgang Fiegen nennt die Situation „lebensgefährlich“. Gerade rund die Bilker Kirche traut er sich nur im Schritttempo zu fahren. „Zum Glück ist dort noch nichts Schlimmeres passiert.“ Erich Pliszka, der seit mehr als 50 Jahren im Viertel lebt, weist darauf hin, dass die Verkehrsführung schon vor 25 Jahren ein großes Thema war. „Als der Rheinufertunnel gebaut wurde, hat man uns gesagt, der Verkehr soll um die Kirche herum geführt werden.“ Das sei aber nie passiert.

Handel Die vielen Geschäfte sind eine schöne Sache, aber einiges ist weggefallen und fehlt den Bürgern. „Wir hatten hier zwei Strauß-Filialen“, sagt Margret Huth. Heute müsse man für ein Unterhemd in die Stadt fahren. Die RP-Leser vermissen auch einen größeren Supermarkt, den Metzger an der Ecke und ein Haushaltswarengeschäft. „Es gibt nichts Normales hier“, sagt Ingeborg Wolff, die sich einen größeren Supermarkt wünscht, „eine Handtasche muss ich nicht einmal in der Woche kaufen“. Für viele sei es auch zu teuer geworden in Unterbilk, „gerade die Älteren, die nicht so viel Geld haben, finden das“, sagt Erich Pliszka. Beate Glaser fehlt zudem ein Bankautomat. Das sagt auch Christian Holthausen von der Werbegemeinschaft Lorettoviertel, der versucht, sich noch stärker mit der Bilker Allee zu vernetzen, wo es einen großen Supermarkt gibt. „Manchmal sind Lorettostraße und Bilker Allee immer noch zu sehr für sich“, so Holthausen.

Landtag Auf die Pläne zur Erweiterung des Landtags blicken die Unterbilker mit Sorge: „Es stehen so viele Gebäude leer, warum muss der Landtag dort am Rhein vergrößert werden?“, fragt Peter Müller, der fürchtet, Frischluftschneisen könnten blockiert werden. Sonst hat er aber kein Problem damit, dass die NRW-Regierung ihren Sitz in Unterbilk hat. Und viele andere stimmen ihm zu. „Von den Demos sind wir nicht betroffen“, sagt Bezirksbürgermeister Marko Siegesmund, „die ziehen eher über die Graf-Adolf-Straße“.

Friedensplätzchen Ein zentraler Ort im Stadtteil ist das Friedensplätzchen, das die Unterbilker schätzen – nicht nur wegen des Markts. „Die Kinder toben dort, Erwachsene spielen Boule“, erzählt Fabian Pramel, der vor allem das Verhältnis zwischen Gastronomie und Fläche, für die kein Geld bezahlt werden muss, lobt. Alles in allem sind die Menschen zufrieden mit ihrem Stadtteil, und wenn in Unterbilk gejammert wird, „jammern wir auf hohem Niveau“, sagen Besucher der Mobilen Redaktion.

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