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Düsseldorf: Eine Passionsgeschichte in Unterbilk

Düsseldorf : Eine Passionsgeschichte in Unterbilk

Der Theaterkritiker und Autor Martin Krumbholz legt mit "Eine kleine Passionsgeschichte" seinen ersten Roman vor. Er erzählt vom Leben eines melancholischen Mittvierzigers – und spielt an einem einzigen Tag in Düsseldorf.

Der Theaterkritiker und Autor Martin Krumbholz legt mit "Eine kleine Passionsgeschichte" seinen ersten Roman vor. Er erzählt vom Leben eines melancholischen Mittvierzigers — und spielt an einem einzigen Tag in Düsseldorf.

Es ist wieder so ein sanfter Sommertag, als der Theaterkritiker und Autor Martin Krumbholz an der Bilker Kirche um die Ecke biegt. Weißes Leinensakko, Sonnenbrille — wie ein Bohèmien aus dem Süden sieht er aus. Noch aber ist es schattig in Unterbilk. "Weiße, wattige Wolken am Himmel, dazwischen einiges Blau."

Vor zwei Jahren hat Martin Krumbholz an einem solchen Tag die Recherche für seinen ersten Roman begonnen, in Düsseldorf, in der Stadt, in der er seit zehn Jahren lebt. Er ist durch sein Viertel gestreift, die Martinstraße entlang geschlendert, von der hübschen Kirche St. Martin, die wie eine Dorfkapelle im Grünen liegt, vorbei am holländischen Frittengeschäft hinunter bis zur geschäftigen Neusserstraße. Er beschreibt das alles in seinem Roman "Eine kleine Passion". Die dokumentierte Stadt ist die realistische Kulisse für seine fiktive Geschichte über einen Tag im Leben des Mittvierzigers Christof Rubart. Der ist Kustode im Museum, gebildet, ein wenig melancholisch, ein wenig frivol. Er lebt getrennt von Frau und Kind, hat Liebschaften, beste Freunde und wird an diesem 7. Juli einige gewöhnliche Dinge tun: zum Friseur gehen, eine Malerin besuchen, sich mit der Freundin versöhnen. Doch das alles wird sich für den wachen Leser zu einer Passionsgeschichte fügen, in der biblische Figuren und Motive aufscheinen, sehr dezent, nur als Lasur.

Innerhalb eines halben Jahres hat Krumbholz seinen Debütroman zu Papier gebracht. Diszipliniert begann er schon vor dem Frühstück zu schreiben. "Nach dem Lust-und- Laune-Prinzip funktioniert es, glaub' ich, nicht", sagt Krumbholz. Seit Jahrzehnten arbeitet er als Theaterkritiker für Zeitungen wie die "Süddeutsche" oder die "Zeit". Konzentriert zu formulieren und mit Texten Geld zu verdienen, das kennt er. Doch bekanntlich beginnt das wahre Schreiben erst mit der Fiktion. Erste Versuche hat Krumbholz schon vor vielen Jahren unternommen, auch schon ein Monologstück für die Bühne verfasst, das in Schwäbisch Hall zu sehen war. Doch lange Zeit nahm seine Kritikertätigkeit den größten Raum ein. Irgendwann merkte Krumbholz aber, dass da etwas fehlte. "Ich schreibe gern über Theater und habe auch das analytische Besteck dafür, aber da war noch Raum für etwas Anderes", sagt er. 2010 schrieb er ein Theaterstück, "Hotel Bogota", das am Staatstheater Darmstadt uraufgeführt wurde. Zwei weitere Stücke sind seither entstanden. Und 2011 machte er sich an seine Passionsgeschichte.

Damals wohnte er noch in Unterbilk an der Germaniastraße, kannte seinen Kiez. Und doch machte er sich eines Tages auf zur Recherche, um das Bekannte zu erkunden, seine Geschichte an einem konkreten Tag in die Wirklichkeit einzuhaken — an seinem persönlichen Bloomsday. Dass James Joyce mit seiner berühmten Beschreibung eines einzigen Tages im "Ulysses" die Methode meisterlich vorgegeben hat, streitet Krumbholz gar nicht ab. "Mich hat die Idee gereizt, das Dokumentarische der Stadt mit der biblischen Passionsgeschichte zu verknüpfen", sagt Krumbholz, "das Profane und das Erhabene treffen aufeinander."

Für Düsseldorf entschied sich Krumbholz, weil er die Stadt kennt, auch mit der Region vertraut ist — geboren wurde er 1954 in Wuppertal. Nach dem Studium der Literatur- und Theaterwissenschaft in Bochum und München und einer Promotion hat er als Regieassistent im Theater gearbeitet, dann ging er ein paar Jahre nach Berlin. "Ich wollte ein Bohème-Leben ausprobieren", sagt er und lächelt. Damals fing er an, für Zeitungen zu schreiben.

Obwohl er Berlin also gut kennt, hat er sich bewusst dagegen entschieden, seine kleine Passionsgeschichte dorthin zu verlegen und eine weitere Leidensfigur zu schaffen, die durch die Hauptstadt streift. "Es gibt schon so viele Berlin-Romane", sagt Krumbholz, "Deutschland ist aber kein zentralistisches Land, Berlin ist nicht Paris. Ich finde, dass die großen Städte in der deutschen Provinz viel zu wenig beachtet werden, obwohl sie doch so unterschiedliche Charaktere besitzen und für Autoren reizvoll sind."

Tatsächlich gelingt es Krumbholz in seinem Roman, Düsseldorf nicht festzulegen. Die Stadt erscheint mal rustikal-rheinisch, dann wieder als intellektuelle Museumsstadt. So schafft er eine anregende Kulisse für die lakonische Leidensgeschichte eines Mannes, der mit Mitte 40 im Zwielicht des Lebens steht, nicht mehr jung ist, noch nicht alt, nicht mehr zuversichtlich, aber noch lebenshungrig. Man treibt einen genau beschriebenen Tag lang mit diesem Christof Rubart durch dessen Leben, entdeckt, worin seine Passion besteht: Sein Leiden ist nicht hochdramatisch, hat eher mit Enttäuschungen zu tun, mit Leerstellen, Nichtgelebtem. Und man streift mit ihm durch eine Stadt, die man wiedererkennt, wenn er in Bilk an der Kirche Käse kauft oder in der ältesten Eisdiele "da Forno" Cassata bestellt. Zugleich erscheint Düsseldorf im Roman fremd; man bekommt Lust, es neu zu erkunden — an einem sanften Sommertag vielleicht mit wattigen Wolken.

(RP)