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Autofreie Zone in Düsseldorf-Unterbilk: Ein Stück Straße wird zum Platz

Plätze in Düsseldorf : Ein Stück Straße wird zum Platz

Wo sonst Autos den Ton angeben, sonnten sich am Wochenende Anwohner in Liegestühlen. Entlang der Bilker Kirche wurde ein Teil der Straße für den motorisierten Verkehr gesperrt. Ein Test für neue Ideen.

Klaus Mader steht mitten auf der Straße und wässert den Rollrasen. Die grünen Halme zu seinen Füßen formen den Buchstaben „L“. Auf dem Stück der Bilker Allee ist an diesem Wochenende eben vieles anders. Den Schriftzug „Platz für gutes Leben“ hat Mader entlang der Martinskirche mit Hilfe von Anwohnern ausgelegt. Stichwort Rollrasen: „So wörtlich ist eine Graswurzelbewegung selten genommen worden“, sagt Mader und lacht.

Der Unterbilker war treibende Kraft für das, was sich um ihn herum abspielt. Wo ansonsten Autos den Ton angeben, sonnen sich Anwohner in Liegestühlen, angeln Kinder Plastikenten aus Planschbecken, wird geschlendert, gequatscht und gestritten. Zum Beispiel darum, ob man nicht die Parkplätze erhalten müsse.

Für Ortsunkundige: Neusser Straße und Bilker Allee laufen in einem rechten Winkel aufeinander zu und treffen hinter der Bilker Kirche zusammen. Vor der Kirche werden die Achsen durch ein kurzes Stück Straße verbunden. Doch lässt sich der Abschnitt nicht anders nutzen? „Mit der Aktion wollen wir einen Raum der Möglichkeiten schaffen“, sagt Mader. An einem Stand sind alle Besucher aufgefordert, auf Fragebögen Ideen einzubringen, die ans Planungsamt weitergeleitet werden. „Das soll ein Platz für alle werden, alle Schichten und Generationen“, sagt Mader. Das sei im gentrifizierten Unterbilk wichtig, da nicht jeder zur zahlungskräftigen Einwohnerschaft zähle.

Hinter dem Ansatz steckt eine neue Ausrichtung des Vereins Lorettoviertel, wo Mader mit Karin Hammermann und Nadine Haßlöwer das Ruder übernommen hat. Man wolle nicht mehr nur eine Werbegemeinschaft für die Händler sein, sondern das ganze Viertel, sagt Haßlöwer. Hammermann ergänzt, dass auch die Händler profitieren, wenn ein Platz Aufenthaltsqualität biete und das dicht besiedelte Viertel entlaste.

Tatsächlich entfaltet sich die Graswurzelbewegung offenbar auf stabilem Grund, denn viele unterschiedliche Gruppen und Privatleute haben Patenschaften für die 18 Buchstaben übernommen, verschönern sie und bevölkern schnell zu Hunderten den provisorischen Platz. Schulen, Kitas, Parteien, die Heimatfreunde und natürlich die Pfarrgemeinde St. Martin. Pfarrer Stephan Pörtner: „Ein Kirchplatz ist immer gut.“ Aber vor allem sei es einzigartig, dass eine Kirche so vom Verkehr eingekesselt ist. Gemeindemitglied Christine Spans erhofft sich, dass sich die Kirche mit einem Platz mehr zum Viertel öffnen könne.

Doch wie realistisch ist ein neuer Platz? 2018 hatte der Stadtrat 100.000 Euro bereitgestellt, damit die Stadt auf Grundlage einer breiten Bürgerbeteiligung ein Konzept zur Verbesserung der unbefriedigenden Verkehrssituation entwickelt kann. Doch es geschah nichts, sodass die Grünen Ende 2019 einen Ideenworkshop mit Anwohnern organisierten. Dort nahm Mader teil und brachte die Platzidee ein. Mit Norbert Czerwinski, Sprecher der Grünen-Ratsfraktion, nahm er Kontakt zu Planungsdezernentin Cornelia Zuschke auf, die grünes Licht für die Aktion am Wochenende gab. Czerwinski sagt zudem, dass sie zugesagt habe, erste Verbesserungen mit den Planungsmitteln umzusetzen. So soll die Verkehrsinsel zur Eisdiele hin mit zu verbreiternden Bürgersteigen verbunden werden. Es entstünde mehr Platz für Fußgänger, aber auch die Gastroterrasse. Gleichzeitig werde die Straßenführung übersichtlicher.

Kostenpflichtiger Inhalt Fest steht auch, dass Fahrradwege auf der Bilker Allee angelegt werden und sie auf einem Stück zur Tempo-30-Zone wird. Und die Rheinbahn muss Hochbahnsteige bauen, was eine einspurige Straßenführung für die Autos bedeutet. Die Frage ist: Kann die Kreuzung hinter der Kirche den Verkehr alleine abwickeln? Damit das geht, müsste aus Sicht von Czerwinsk, der Durchgangsverkehr aus der Neusser Straße herausgeholt und über die Hammer Straße geleitet werden.

Man sieht, die Lage ist komplex. Auch eine Lösung für den Fahrradverkehr auf der Neusser Straße ist dringend nötig. Doch das alles spricht auch für die CDU nicht grundsätzlich gegen einen Platz. Ratsherr Stefan Wiedon, der mit seiner Partei ebenfalls die Patenschaft für einen Rollrasen-Buchstaben übernommen hat, sagt: „Da bin ich nicht dagegen. Aber wir müssen uns die Situation in Gänze angucken.“ Fazit: So schlecht stehen die Chancen also nicht, wie auch OB Thomas Geisel bei seinem Besuch sagte. Und auch der Rollrasen hat übrigens eine Zukunft. Er ist einer Hundeschule als Geschenk zugesagt.