Düsseldorf: Warum die Großstadt nervt und trotzdem glücklich macht

Düsseldorf : Warum die Großstadt nervt und trotzdem glücklich macht

Düsseldorf ist laut, schmuddelig, schick und verträumt. Das Leben in der Stadt kann manchmal sehr nerven, doch eigentlich kann man auch nur hier glücklich werden. Über ein wunderbares Dilemma.

Die wohl aufregendste Stunde, die man in Düsseldorf verbringen kann, besteht darin, vom Hauptbahnhof bis an den Rhein kreuz und quer durch die Stadt zu laufen. Hier offenbart sich auf dem Weg die ganze Bandbreite der modernen Metropole, das Leben in all seinen Facetten, schmutzig, schick, verrückt und bieder.

Es gehört zu den Eigenheiten Düsseldorfs, dass auf kleinstem Raum nahezu alles geboten wird, kaum ein Ort in Deutschland kann das leisten; man biegt um die Ecke und befindet sich in einer anderen Welt, und an der nächsten Ecke sieht es schon wieder komplett anders aus, die Stimmungen wechseln im Minutentakt, die Bilder, das Angebot. Das Bahnhofsviertel wirkt noch schmuddelig, aber dann auch ein wenig verrucht und aufregend, die Immermannstraße ist ein Schmelztiegel der Kulturen, der Fürstenplatz beherbergt das neue, urbane Bürgertum, das Kaffeespezialitäten trinkt, während auf der Breite Straße sich der Verkehr staut wie in Manhattan zur Rush Hour. Die Verträumtheit der Carlstadt versetzt den Spaziergänger ins 18. Jahrhundert, in Unterbilk wechselt man von der jungen, kreativen Underground-Szene in die schicke Gesellschaft der Etablierten, einfach indem man über die Straße in den Medienhafen geht. Hier wird das Land regiert, dort feiern Menschen am Rheinstrand, und, was eben noch Industriebrache war, wird demnächst schon bewohnbarer Luxus.

Man kann sich verlieren in all dem. Die "Anonymität der Großstadt" ist seit dem Beginn der Industrialisierung zum geflügelten Wort geworden, vor noch gar nicht so langer Zeit floh man aus der Stadt in die Peripherie, weil es dort weniger laut, weniger schmutzig, weniger an den Nerven zerrte.

Inzwischen hat sich das wieder geändert, die Stadt boomt und Düsseldorf besonders. Der Soziologe Georg Simmel hat in seinem Aufsatz "Die Großstädte und das Geistesleben" bereits 1903 beschrieben, wie sich der Mensch in der modernen Metropole seine Individualität bewahrt, wie vielmehr der Charakter der Metropole den Menschen individualisiert, weil er anders als auf dem Land gezwungen ist, sich von dem Moloch aus Glas, Beton und Masse abzusetzen, um nicht unterzugehen.

Er beschreibt den "intellektualistischen Charakter des großstädtischen Seelenlebens", in der das Gefühlige ersetzt wird vom Messbaren, Präzisen. Düsseldorf ist in vielen Teilen der Welt der Inbegriff dieser Intellektualisierung, dieser Effizienz - spätestens seit Ralf Hütter und Florian Schneider hier "Kraftwerk" entwickelten, seit Joseph Beuys den "erweiterten Kunstbegriff" erfand. Simmel schreibt auch von der "Blasiertheit", die jenem Großstädter zu eigen ist. Dies sei an dieser Stelle mal unkommentiert, ist ja auch schon ein alter Text. Doch natürlich gibt es neben dieser Außensicht noch den Karneval, Kirche und die Kneipe an der Ecke. Kurzum: Gibt es etwas Schöneres, als darüber zu berichten? Über das Kleine wie das Große? Eine neue Stadtteilseite in der "Rheinischen Post" soll das urbane Leben in Düsseldorf abbilden, kommentieren und, wenn sich die Gelegenheit ergibt, auch ein wenig mitgestalten. Im besten Fall ist sie dabei wie die Stadt selbst. Anregungen der Leser sind übrigens sehr erwünscht: stadtpost@rheinische-post.de.

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(RP)