Benrath: Seiltänzer – Lesung zur Sinnsuche zweier Brüder

Benrath : Seiltänzer – Lesung zur Sinnsuche zweier Brüder

80. Montagsprosa in der Bücherei Benrath – zu diesem runden Geburtstag kann man schon etwas Besonderes erwarten. Und das bekamen die Besucher auch geboten. Karin Füllner vom Benrather Kulturkreis hatte diesmal Michael Göring eingeladen. Und die Zuhörer hingen bis zuletzt an seinen Lippen, was nicht nur an dem Inhalt seines Debütromans "Der Seiltänzer" lag. Es gibt Menschen, die könnten das Kursbuch der Bundesbahn vorlesen, und ihr Publikum würde ihnen wie gebannt dabei zuhören. Michael Göring ist so ein Ausnahmetalent. Sein großartiger Vortrag machte diese Lesung zu einem echten Hörgenuss. Und die Besucher waren tief beeindruckt.

"Meine Güte, wo haben sie so Vorlesen gelernt", fragte eine Frau den Autor spontan. Göring erklärte seine Stärke mit Gesangsunterricht, durch den er gelernt habe, mit seinen Stimmbändern zu arbeiten. Dank dieser starken akustischen Präsenz wirkten einige Szenen in diesem Entwicklungsroman, der die unterschiedlichen Lebenswege der beiden Freunde Thomas und Andreas beschreibt, noch eindringlicher. So wie an der Stelle, als er davon liest, wie der zwölf Jahre alte Thomas erfährt, dass seine Mutter an Krebs erkrankt ist. Die tiefe Verzweiflung des Jungen ließ an diesem Abend in der Bücherei so manchen im Raum trocken schlucken.

Der Roman mit seinen liebevoll ausgemalten Figuren erstreckt sich über einen Zeitraum von 40 Jahren. Bei der Lesung kamen selbst da noch nostalgische Gefühle auf, wo der Autor von den grotesken Grenzkontrollen bei der Einreise in die damalige DDR schreibt. Zunächst ist die Freundschaft zwischen Thomas und Andreas das zentrale Thema. Die Kinder gingen erst zusammen in die Grundschule, besuchten dasselbe Gymnasium und studierten an den selben Orten. Doch handelt der Roman zudem auch von einer Lebens- und Sinnkrise der beiden inzwischen 50-Jährigen.

Thomas liegt mit einem Herzinfarkt auf der Intensivstation. Andreas, der Priester geworden ist, hadert auch wegen der im vergangenen Jahr verstärkt aufgedeckten Missbrauchsfälle mit der Katholischen Kirche. Zudem stellt er den Sinn des Zölibats in Frage. Dies bringt ihn schließlich selber in Gefahr. Er, der sich selbst als Seiltänzer sah, dessen Sicherheitsnetz durch seinen tiefen Glauben gespannt wurde, muss nun aufpassen, dass er nicht ganz tief fällt.

(ilb)
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