Düsseldorf-Pempelfort: Der Letzte macht das Licht aus

Einzelhandel in Düsseldorf : Der Letzte macht das Licht aus

Nach 46 Jahren schließt Richard Luijer sein Lampengeschäft am Wehrhahn. Ein Ende, das dem 69-Jährigen nicht leicht fällt.

Die kleinen Glöckchen, die an der Tür hängen, läuten wie am ersten Tag. Für Richard Luijer waren sie immer das Zeichen, dass er Kunden hat, dass er aus seinem Büro kommen muss oder aus dem Keller, wo er seine Werkstatt hat. Bis zur Tür konnte der 69-Jährige nämlich nie gucken, so voll ist es immer gewesen in seinem Geschäft. Und das ist es auch heute noch. Auf Regalen stehen grüne Bibilothekslampen, Kronleuchter und große Schirme aus Leder hängen von der Decke, im Gang reihen sich Stehlampen aneinander. Ein bisschen ist die Zeit stehengeblieben im Lampenschirmatelier von Richard Luijer. Ein bisschen mehr Zeit – das ist es, was Luijer gerne noch hätte. Doch die Glöckchen haben in letzter Zeit nicht mehr oft geläutet, es gab Tage, da sind sie still geblieben. Diese Tage wurden häufiger. Nicht erst seit ein paar Monaten, eigentlich sind es schon Jahre, in denen Richard Luijer zu kämpfen hat – erst das Internet, dann die Großbaustelle vor der Tür. Seit es die Wehrhahnlinie gibt, sind die Menschen kaum noch zu Fuß unterwegs auf dem Wehrhahn Richtung Innenstadt. Irgendwie hat es aber immer noch funktioniert. Und Richard Luijer dachte, er würde die 50 Jahre voll machen. „Doch es werden nur 46 sein“, sagt der gebürtige Niederländer, der Anfang der 70er das Lampenschirmatelier am Wehrhahn eröffnet hat.

Wie viele Lampen Richard Luijer noch im Laden hat, das weiß er gar nicht. Er schaut sich um, überschlägt im Kopf und sagt irgendwann: „Unheimlich viele.“ So richtig hat der 69-Jährige selbst noch nicht begriffen, dass es sein Geschäft bald nicht mehr geben wird, seine Existenz, sein Leben, „mein Herz hängt an diesem Laden“, sagt Luijer, der ruhig dabei bleibt und freundlich, dem man aber ansieht, dass es ihm schwerfällt. „Ich hatte immer die Hoffnung, dass genug Arbeit reinkommt.“ Aber die Arbeit ist ausgeblieben, „und wenn man anfängt, sich zu langweilen, dann braucht man auch kein Geschäft mehr“.

Der Laden allein brachte schon lange nicht mehr das Geld, um zu leben, zu überleben. „Aber wir hatten Aufträge“, erzählt Luijer, der im Keller am Wehrhahn selbst Lampenschirme angefertigt hat mit einer Stanzmaschine. Dutzende Schablonen und Stanzmesser besitzt der 69-Jährige, mit denen er so gut wie jeden Lampenschirm produzieren kann. Die Stoffe rollt er auf Ringe, die Nähte verklebt er. Oft hat er ganz individuelle Wünsche umgesetzt, Silberkanten oder goldene eingearbeitet, dann die Fassung eingebaut. Für diese Handarbeit will aber kaum noch jemand Geld bezahlen, „außer vielleicht meine Generation. Und die stirbt aus.“

Mit Möbelhäusern und Discountern kann er nicht mithalten, und lange wollte er das auch gar nicht. 20 Jahre hat er es ohne Internet geschafft, 20 Jahre „gute Produkte gemacht, keine Wegwerfsachen“. Weil er immer wieder Ideen hatte, wie er seine Lampenschirme verkaufen kann. Erst kooperierte er mit Hotelprojektentwicklern, dann direkt mit Hotels, er suchte sich Geschäfte, für die er Lampenschirme gemacht hat. Doch auch von dort kamen immer weniger Bestellungen. „Und wieder geht ein Alteingesessener“, sagt Richard Luijer. Diesmal sagt er es nicht mehr ganz so ruhig, ein bisschen wehmütiger. Selbst wenn es einen Nachfolger gäbe, würde er ihm abraten, „das lohnt sich hier nicht mehr“.

Vor drei, vier Monaten hat Richard Luijer die Entscheidung getroffen, dass Schluss sein soll. Vielleicht wird es Februar, vielleicht März werden. Luijer will versuchen, noch so viele Lampen wie möglich zu verkaufen, „es wird harte Stunden geben“, sagt der 69-Jährige, der nicht daran denken mag, auch nur eine Lampe in den Müll werfen zu müssen. Irgendwann aber wird er das Licht ausmachen, „ich werde jetzt 70“, sagt Luijer. Sein Vater ist 74 geworden. Was danach kommt, das weiß Richard Luijer nicht, das macht ihm Angst. Sein Leben lang hat er im Lampenschirmatelier gearbeitet, 75 Stunden die Woche. „Irgendwas werde ich machen, mich vielleicht als Fahrer für die Behindertenwerkstatt bewerben“, sagt Luijer. Weil er eine Beschäftigung braucht und ein bisschen auch das Geld.

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