Pinnwand am Belsenplatz : Eine Collage auf Zeit

Was immer Menschen suchen oder loswerden wollen: Die öffentliche Pinnwand in Oberkassel ist eine Kommunikationsfläche fürs Viertel – mit einer Prise Poesie.

Sie ist etwa so groß wie ein Doppelbett. Sie sieht arg zerzaust aus, ein einziges Durcheinander. Auf ihr treffen sich Wichtiges, Witziges, Banales, Botschaften aller Art. Sie ist eine Börse von Angebot und Nachfrage, was immer Menschen suchen oder loswerden wollen – von der Cellostunde bis zum Kinderbett – findet auf ihr Platz. Die große Pinnwand am Belsenplatz in Oberkassel ist eine Kommunikationsfläche fürs Viertel – mit einer Prise Poesie.

 Wie alt sie ist? Niemand weiß das so genau, irgendwie war sie immer da an der Außenfläche der Buchhandlung Gossens an der Luegallee. Wem sie gehört? Das Haus ist in Eigentumswohnungen unterteilt, so gehört die Pinnwand allen oder keinem – ein Stückchen Niemandsland, das sich der herrschenden Ordnung entzieht. Manchen ist sie deshalb ein Ärgernis, eine Buchhändlerin, nach der Pinnwand befragt, wettert: „Ich finde das fürchterlich, irgendwann reiß’ ich alles runter!“ Unter ästhetischen Gesichtspunkten mag das stimmen, aber ihr Informationswert ist nicht zu unterschätzen. Außerdem steht vielleicht so ein chaotisches Fleckchen dem Stadtteil ganz gut. Ein junger Mann mit Hut bleibt gerade stehen und studiert die vielseitige Zettelwirtschaft. Kommentar: „Toll, was es da alles gibt.“

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 Also, schauen wir mal genauer hin: Da möchte sich eine 62-jährige Nichtraucherin 30 Stunden pro Woche um ein älteres Ehepaar kümmern, sie kann kochen, putzen, die Wäsche pflegen und den Garten gleich mit dazu. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Zuhören könne sie auch. Ein junger Pianist aus Südkorea, der in Berlin Musik studiert hat, bietet Klavierstunden an, eine Saxofonistin will vermutlich ebenfalls Stunden geben, aber der Regen hat ihre Botschaft längst hinweg gespült. Eine Familie möchte ein Kinderbett aus Massivholz mit Schubladen abgeben, Verkaufsbasis 450 Euro. Verhandelbar ist auch der Preis für drei getigerte Kätzchen, gerademal acht Wochen alt.

 „Sie singen gern, treffen aber die hohen Töne nicht so gut?“ Bei wem diese Frage etwas zum Klingen bringt, kann ein Papierschnipselchen mit Telefonnummer abreißen (ist bisher allerdings noch nicht passiert), auch das Interesse an einem Goldschmiedekurs „Trauringe oder kreativer Schmuck“ scheint noch kein großes Interesse geweckt zu haben. Manches hängt schon länger da, ist bereits Vergangenheit wie das Konzert der Düsseldorfer Sopranistin Alexandra von der Weth „Die großen Frauen der Oper“ am 10. Oktober. Auch die Geschichten vom Schach „64 Felder, die die Welt bedeuten“, wurden schon in einer Matinee am letzten Sonntag gelesen. Nachrichten mit Verfallsdatum.

 Zukunft haben andere Ankündigungen im Plakatformat: eine Autorenlesung mit Heike Wolf am 18. November in St. Antonius oder ein klassisches Konzert für Eltern und ihre Kleinkinder am 3. November im Stilwerk. Ob wohl die „individuelle“ Maisonette-Altbau-Wohnung in Lörick (81 Quadratmeter für 855 Euro) inzwischen einen Mieter gefunden hat? Und die junge Familie die gewünschte „Ersatz-Oma“ ab sofort oder spätestens im Januar? Darüber gibt die Wand leider keine Auskunft. Dafür ist sie immer bereit, sich den nächsten Zettel anheften zu lassen, die übereinander geklebt, verdeckt und abgerissen werden, den Rest erledigt das Wetter. So wandelt sich die Wand, eine Collage auf Zeit. Schon ziemlich lange und zurzeit verborgen hängt da auch ein Zitat von Richard Wagner: „Ich will nicht an Allerlei denken, sondern nur Weniges.“ Manche Sätze bleiben immer haften.