Statt Kirmes in Düsseldorf : Es kribbelt immer noch

Die Menschen, die die Kirmes leben, sorgen für dieses Gefühl, das wir so vermissen in diesem Jahr. Es sind Schausteller wie Nicole Bauer, die schon als Kind im elterlichen Betrieb halfen und die sich nur das für ihre Zukunft vorstellen können.

Kirmes-Reporter müssen stressresistent sein, sie müssen Lärm ertragen und einen guten Magen haben, nicht nur, weil es so viele wilde Achterbahnen gibt auf dem Rummel. Der Job als Kirmes-Reporter ist aber vor allem eines: eine Ehre. Und da spreche ich sicher für meine Vorgänger und jene, die mir irgendwann folgen werden – hoffentlich noch nicht so bald. Jedenfalls ist das Leben auf der Kirmes besonders. Und schon lange, bevor am Freitag das Fass angestochen wird, kribbelt es. Wenn die ersten Lkw die Einzelteile der Fahrgeschäfte anliefern, das Riesenrad so langsam Form annimmt, die Lichter anfangen zu brennen. Dann kommt dieses Kirmes-Gefühl auf, das viele so schmerzlich vermissen in diesem Jahr. Natürlich ist es toll, dass Schausteller und Stadt eine Alternative bieten in diesen besonderen Zeiten, aber ich glaube, es geht vielen ähnlich wie mir: Für unsere Rheinkirmes gibt es keinen Ersatz. Und die Rheinwiesen sind ein Ort, an dem nicht nur Besucher zusammenkommen. Auch für die Schausteller ist es wie ein großes Klassentreffen. Und ein bisschen gehören wir Kirmes-Reporter auch dazu.

Vor einem Jahr lernte ich Nicole Bauer kennen, die fast ihr ganzes Leben auf dem Rummel verbracht hat. 41 Jahre alt, 41 Jahre Kirmes. Das Geschäft selbst ist viel älter, mit ihrer Familie betreibt sie den Backfisch-Stand Müller-Brüne, und sie lud mich ein, zu sich nach Hause, in das Vorzelt, das sie jedes Jahr hinter dem Stand neben dem Wohnwagen aufbaut. Nicole Bauer hat mich reingelassen in eine Welt, die für die meisten Kirmes-Besucher fremd ist. Sie hat mir von sich erzählt, ihrer Kindheit und der Schulzeit bei den Großeltern auf Gran Canaria, ihrer Ausbildung zur Hotelfachfrau. Sie arbeitete im Steigenberger Parkhotel, nahm sich immer für die Rheinkirmes Urlaub, um ihren Eltern am Backfisch-Stand zu helfen. „Im Hotel war es schön, aber es war nicht die Kirmes“, sagte Bauer, die zurück wollte zu ihrem Schausteller-Leben, „das so spannend ist“, einem Leben, das sie nur von Woche zu Woche planen kann, heute hier, morgen dort. Ein Leben, das für die meisten Menschen undenkbar ist. Aber es sind eben jene Menschen wie Nicole Bauer, die nicht nur auf der der Kirmes leben, sondern die Kirmes leben und damit für das Kribbeln sorgen, das wir so sehr vermissen in diesem Jahr.

Nicole Kampe