Düsseldorf Heerdt : Ein Refugium für die Kunst

In den 60er Jahren wurde das Haus am Böhlerweg für mittellose Menschen errichtet. 1985 haben es Künstler gemietet.

Der Bauboom hat auch Düsseldorfs westlichsten Stadtteil im Griff. Und doch gibt es noch verschwiegene Winkel, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Einer befindet sich dort, wo Düsseldorf an Meerbusch grenzt. Ihn zu finden ist nicht einfach, denn wer weiß schon, dass sich der Böhlerweg am Böschungsfuß der Böhlerstraße entlangschlängelt und eine Siedlung erschließt, die sich in die Senke zwischen Berzelius-, Krefelder- und Böhlerstraße duckt. Denn Bäume und Gebüsch verdecken Häuschen aus Holz und auch Stein, die eher an Schrebergärten erinnern.

Der Eindruck trügt spätestens dann, wenn man am Ende des Böhlerweges, dort, wo er abgepollert auf die Willstätter Straße trifft, einen in die Jahre gekommenen Wohnblock entdeckt, der allein wegen seiner kräftig blauen Fassaden kaum zu übersehen ist. Nichts deutet darauf hin, was in dem Gebäude geschieht, und kaum jemand weiß, dass er sich in Heerdts kreativer Zelle befindet. National und international bekannte Künstler leben dort ohne viel Öffentlichkeit in 14 Ateliers ihren schöpferischen Alltag.

  • Die einzige Skulptur von Marga Groove-Markovic
    Aus der städtischen Sammlung : Kunst aus Neuss im Atelierhaus
  • Der Künstler Werner Benkhoff (vorn) stellt
    Kunst und Gastronomie : Oberkasseler Künstler stellt im Lokal Zille aus
  • Das Meerschweinchen
Jan Philip Keller und
    Kultur in Düsseldorf : Ein Meerschweinchen stürmt die Bühne
  • Jenny Hülsmann und der Vater ihres
    Nachwuchs Düsseldorfs Hülsmann-Familie : Jenny Hülsmanns „kleiner Koch“ ist da
  • Der Umzug der Jecken in Düsseldorf
    Karneval in der Corona-Pandemie : Düsseldorfer „Rosensonntagszug“ wird noch mal verschoben
  • Karl Lauterbach – bald Minister? ⇥Foto:
    Minister oder nicht? : Karl Lauterbach – der Unvollendete

Bekannt in Heerdt ist der Fotograf und Maler Wolfgang Spanier, der gerade von einem Auftrag in der Schweiz zurückgekehrt ist, und in sein Atelier im Erdgeschoss einlädt. Dort arbeitet er und betreibt neben der Malerei auch eine Fotoschule. Er kennt sie alle, seine Nachbarn, die überwiegend in ihren Ateliers auch wohnen. Maria Rosario von Metternich zum Beispiel, eine Malerin, lebt seit 1998 im Atelierhaus.Von Anfang an dabei ist Horst Keining, der als postmoderner Pop-Art-Künstler gilt. Von Anfang an heißt, seit 1985, als das Gebäude, das die Stadt in den 1960er Jahren für Alleinerziehende und Menschen mit Mietschulden errichtet hatte, vom sozialen Brennpunkt zu einem Hort für die Kunst wurde.

„Die Bewohner waren zuvor in eine menschenwürdigere Unterkunft in Benrath umgezogen“, weiß Spanier. „Jetzt ist das Kulturamt unser Vermieter.“ Noch gut könne er sich bei der Übernahme durch die Künstler an die katastrophalen Zustände des Hauses erinnern. „Wir haben alles in Eigenleistung entrümpelt, umgebaut, Wände entfernt und neu gezogen.“ Eine „Alteingesessene“ ist auch die Japanerin Takako Saito, die mit ihren 90 Jahren die älteste im Künstlerkreis ist. Sie ist eine sogenannte Fluxuskünstlerin (die schöpferische Idee steht im Mittelpunkt). Ihre Werke werden derzeit in Bordeaux ausgestellt. Kann sie auch im Moment keine Arbeiten vorweisen, so sprechen ihre Räume Bände. Überall gebrauchte Alltagsgegenstände, die sie auch mittels Kreissäge in Objekte und Installationen verwandelt. „Die Menschen in die Kunst hineinziehen“, lautet ihr Credo. Auch die Räume von Eckhard Kaiser gleichen einem Panoptikum. Er ist Maler und Bildhauer und arbeitet mit Schwemmgut vom Rhein. Säulen mit Schnitzereien, ähnlich Totems, bevölkern neben Malereien sein Domizil.

Die 14 Ateliers im Gebäudeblock werden durch die „gelbe Villa“, ein bungalowähnliches Haus ergänzt. Es flankiert die Einfahrt zum großen Parkplatz. Einst hatte die Malerin Marie Ruffert dort gearbeitet. 2009 haben die chinesischen Künstler  Chen Ruo Bing und Jiang Shu das Atelier übernommen und arbeiten an der „Stille des Lichts“.

Die bunte Gesellschaft hat zwar schon mal zu den offenen Ateliers in ihr verschwiegenes Refugium geladen. „Der Parkplatz war voll mit Autos von Besuchern“, so Spanier. Doch arbeite jeder für sich, einen Austausch gebe es nicht. So wird auch kaum Kontakt zu anderen Gruppen im Stadtbezirk gepflegt. Ausgenommen Eckhard Kaiser, der einmal wöchentlich beim Tanztee in der Löricker Philippuskirche mitmacht.