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Oberkassel: Frau Klessa und ihr Gespür fürs Geschäft

Oberkassel : Frau Klessa und ihr Gespür fürs Geschäft

Die Oberkasselerin Agnes Klessa ragt aus der Schar der Mini-Läden heraus. Vor 60 Jahren baute sie mit ihrem Ehemann den "Tante-Emma-Laden" am Niederkasseler Kirchweg auf. Auch mit fast 90 Jahren ist sie täglich für ihre Kunden da.

Der Kunde steht ratlos im Lädchen und ist nicht sicher, was er vor Tagen zum Reinigen gebracht hat. "Sie wollen bestimmt Ihre Hose abholen", sagt Agnes Klessa. "'Ne Hose?", fragt der Kunde, und während er grübelt, holt Iris Schmitz, rechte Hand von Agnes Klessa, die Hose aus dem Hinterzimmer. Der Kunde erinnert sich und geht dankend seiner Wege. Die beiden Frauen lachen. "Ja, das kommt schon vor, aber wir wissen eben, wer bei uns, was reinigen lässt. Zettel brauchen wir nicht dazu."

Alltag im kleinen Lädchen am Niederkasseler Kirchweg, in dem Agnes Klessa seit nunmehr 60 Jahren ihre Kunden mit Hilfsbereitsschaft und Service überzeugt. Das reicht vom Bügeln über Knopf annähen, wenn junge Frauen diese Technik nicht mehr beherrschen oder ihre Männer sie nicht mit dieser schnöden Aufgabe behelligen wollen, bis hin zur Lebensberatung. Letzteres schöpft Agnes Klessa aus ihrem Schatzkästchen der Erinnerung, feiert sie doch am 21. Juni ihren 90. Geburtstag. "Mit dem 60-jährigen Bestehen meines Geschäftes sind das insgesamt 150 Jahre", sagt sie und ist selbst erstaunt über die Zahl. "Wer hätte das gedacht?" Damals, als sie zwischen Erdbeer- und Spargelfeldern auf dem elterlichen Hof am Niederkasseler Kirchweg/Ecke Schorlemerstraße aufwuchs. "Es gab dort nur vier Häuser", erinnert sie sich. Unvorstellbar, denn heute ist alles dicht besiedelt, nur der Kastanienbaum schlägt den Bogen zur alten Zeit. "Er stand in unserem Hühnerstall, den wir dort hatten."

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Mit der Reinigungsannahme für ihren Bruder fing alles an. Er hatte einen Betrieb in Holzbüttgen gegründet, der heute noch von der Familie geführt wird. Seine Schwester Agnes blieb dem Niederkasseler Kirchweg treu, baute dort mit ihrem Ehemann das Geschäft auf und belieferte den Bruder mit Kleidung zwecks Auffrischung. Nach und nach bevölkerte sich die Straße, kamen andere Läden auch Kioske dazu. Konkurrenz? "Nein", wehrt sie ab. "Mein Geschäft ist kein Kiosk und schon gar kein Büdchen, sondern ein klassischer Tante-Emma-Laden."

Was dann auch glaubhaft ist, lässt man den Blick über die Holzregale hinter dem "antiken" Ladentisch schweifen. Dort ist alles zu haben, was das Herz begehrt: Strumpfhosen, Zeitschriften, Zigaretten, Hygiene-Artikel, Kerzen, Karten, Geschenkpapier, Schulhefte - kurz, sämtliche Produkte für den täglichen Bedarf. Die einzigen Ladenhüter: Stenoblocks, die kein Mensch mehr braucht. Stolz ist die 89-Jährige darauf, dass bei ihr alles einzeln zu haben ist und nicht etwa im Doppelpack. "Bei uns bekommen sie auch eine einzige Nähnadel. Und das, was wir nicht haben, besorgen wir." So stehen auch die, die ihre Schuhe zur Reparatur bringen oder die, die ihre Kleidung ändern lassen wollen, nicht auf verlorenem Posten. "Wir erledigen das alles", sagt Agnes Klessa, die sogar schon Wohnungen vermittelt hat. Früher habe sie auch Nachthemden, Blusen und Mäntel geführt, aber die Supermärkte hätten ihr den Rang abgelaufen. Rückgrat sei bis heute Reinigung und Bügelservice, wobei die rührige 90-Jährige einst mit links 30 Hemden täglich plättete.

Ihr Wille, auch im hohen Alter ihren Laden flott zu halten, frühmorgens um 5 Uhr aufzustehen, damit die ersten Kunden ihre Morgenzeitung bekommen, ist ungebrochen. Egal, wenn's ein bisschen langsamer geht, tatkräftige Hilfe kommt von Iris Schmitz, die seit sechs Jahren mit viel Mutterwitz ihrer Chefin zur Hand geht. "Wir ziehen an einem Strang", so das einhellige Echo.

Agnes Klessa wird als gute Seele im Viertel beschrieben und ist in der Nachbarschaft beliebt. "Wenn ich zum Beispiel ein Schnürband brauche", dann gehe ich über die Straße ins Lädchen", sagt eine Nachbarin. "Agnes Klessa öffnet dann ihre Trickkiste und zaubert garantiert das Gewünschte hervor." Geht es nach der Hochbetagten, soll das auch so bleiben, denn: "Der Niederkasseler Kirchweg ist die schönste Gegend in Oberkassel. Hier bin ich geboren, und hier bleibe ich."

(RP)