Oberkassel Erinnerung an die jüdischen Nachbarn

Oberkassel · Der Werner-Pfingst-Platz ist nicht nur dem Gedenken an den Oberkasseler und seiner Familie gewidmet, sondern macht auch auf das Schicksal von etwa 15 Familien aufmerksam, die im Viertel lebten und von den Nazis ermordet wurden. Oberkassel Seit Juni gibt es in Oberkassel den "Werner-Pfingst-Platz". Unter dem neuen Straßenschild ist ein Hinweis angebracht, dass mit der Namensgebung nicht nur Werner Pfingst gewürdigt wird, sondern alle jüdischen Oberkasseler, die einst von den Nazis entrechtet, verschleppt und in den Konzentrationslagern ermordet worden sind.

 Wolfgang Lorenz (l.) und Bernd Müller (r.) haben das Buch „Ein Akt der Vergebung“ verfasst. Dabei mitgewirkt haben Marina Fischer (l. hinten) und Laura Jäger (r.). Rosmarie Müller (Mitte) hat Werner Pfingst persönlich gekannt.

Wolfgang Lorenz (l.) und Bernd Müller (r.) haben das Buch „Ein Akt der Vergebung“ verfasst. Dabei mitgewirkt haben Marina Fischer (l. hinten) und Laura Jäger (r.). Rosmarie Müller (Mitte) hat Werner Pfingst persönlich gekannt.

Foto: H�skes, Achim

Der Werner-Pfingst-Platz ist nicht nur dem Gedenken an den Oberkasseler und seiner Familie gewidmet, sondern macht auch auf das Schicksal von etwa 15 Familien aufmerksam, die im Viertel lebten und von den Nazis ermordet wurden.

Oberkassel Seit Juni gibt es in Oberkassel den "Werner-Pfingst-Platz". Unter dem neuen Straßenschild ist ein Hinweis angebracht, dass mit der Namensgebung nicht nur Werner Pfingst gewürdigt wird, sondern alle jüdischen Oberkasseler, die einst von den Nazis entrechtet, verschleppt und in den Konzentrationslagern ermordet worden sind.

Das Thema griffen nun Bernd Müller, ehemaliger Deutsch- und Geschichtslehrer des Comenius-Gymnasiums, und der Polizeibeamte Wolfgang Lorenz erneut auf. Beide sind Autoren des Buches "Ein Akt der Vergebung" — Werner Pfingst, NS-Emigrant aus Oberkassel". Dazu hatten sie in den Platanensaal der Auferstehungskirche eingeladen. Nur wenige Besucher waren der Einladung gefolgt, doch war so eine vertraute Runde beisammen, die sich dem Schicksal jüdischer Oberkasseler widmete.

Dabei war Überraschendes zu entdecken — immer mit Bezug zum Protagonisten Werner Pfingst und nicht zuletzt zum Veranstaltungsort, der Auferstehungskirche. Eine interessante Geschichte erzählte Rosmarie Müller: "Mein Vater, Alfred Buchholtz, ist in Oberkassel aufgewachsen und als einer der ersten in der 1914 erbauten Auferstehungskirche getauft worden." Als Quintaner sei er Mitglied des Oberkasseler Bibelkreises gewesen, einer Gruppe evangelischer Schüler, "der mein Vater viele Freundschaften zu verdanken hatte, wie mit den Söhnen der Familien Altmann, Pfingst, Stahl und Erbslöh".

Eine von ihnen überdauerte die Schreckenszeit, denn Werner Pfingst, der dem Nazi-Terror durch seine Emigration in die USA entgehen konnte, besuchte 1962, erstmals nach dem Krieg, seinen ehemaligen Klassenkameraden Buchholtz. "Mein Vater erzählte ihm, dass ich in New York lebe und arbeite. Spontan versprach Werner meinem Vater, sich um mich zu kümmern." Was ihr allerdings nicht so gut gefallen habe, fügt sie schmunzelnd hinzu. Doch dann habe sie Werner, seine Frau Sybil und deren Kinder, Ellen und Robert, kennen- und lieben gelernt. "Ich wurde von ihnen wie ein drittes Kind aufgenommen und hielt auch den Kontakt zu ihnen bis zu Werner und Sybils Tod." Mit Freude erzählte Rosmarie Müller über längst vergangene Zeiten und dass sie — außer der in den USA lebenden Tochter Ellen — Werner Pfingst noch persönlich gekannt habe.

Aber wie schon erwähnt, war der Abend allen jüdischen Opfern gewidmet, die einst in Oberkassel gelebt haben. Dazu wurde die Rede des 2003 gestorbenen Ehrenbürgers Düsseldorfs, Aloys Odenthal, per Video übertragen, der die Barbarei der Nazis anprangerte. Odenthal hatte durch seinen Einsatz Düsseldorf vor der Bombardierung durch die Amerikaner bewahrt, die bereits links des Rheins Fuß gefasst hatten, während auf rechtsrheinischer Seite der Terror weiterging und viele Todesurteile noch vollstreckt wurden.

Bernd Müller schlug dann den Bogen zu den etwa zehn bis 15 Familien jüdischen Glaubens, die ausschließlich in Oberkassel — nicht in Heerdt, Lörick oder Niederkassel — gewohnt haben. "Es waren meist Kaufleute, Mittelständler bis auf einen Handwerker, der im Haus an der Teutonenstraße 9 lebte." Dieses Gebäude habe als "Judenhaus" gegolten, denn die aus ihren Häusern vertriebenen Menschen seien dort bis zu ihrem Abtransport in die Lager in Minsk und Riga zusammengepfercht worden.

Etwa 40 Schüler aus jüdischen Familien waren am Comenius- und Cecilien-Gymnasium angemeldet und auch dort von den Handlangern des Regimes diskriminiert worden. Müller: "1935 hat die Schulleitung des Cecilien-Gymnasiums Gertrud Altmann bewusst durchs Abitur fallen lassen, während ihre Brüder am Comenius-Gymnasium ihr Reifezeugnis bekamen." Sie waren getauft und galten als evangelische Christen. Nach der Pogromnacht am 9. November 1938 gelang es der Familie Altmann, nach Brasilien zu fliehen.

Werner Pfingst machte im Frühjahr 1933 Abitur am Comenius und floh ebenfalls 1938 in die USA. Seine Vater und eine seiner Schwestern wurden deportiert und ermordet.

(RP)