Verein Oberbilk : Die Kunst des Langsamfahrens

Vor 120 Jahren wurde der RMSV „Frisch auf“ Düsseldorf gegründet. Vor allem im Kunstradfahren war der Verein erfolgreich.

Wander- und Tourenfahrten standen als erstes auf dem Programm des 1898 gegründeten Rad- und Motorsportvereins „Frisch auf“ Düsseldorf. Schon rasch kamen Reigenfahren und Straßenrennen dazu, und die Mitgliederzahl stieg bis 1933 auf über 300 Personen. „Wer den RMSV ins Leben gerufen hat, ist leider nicht bekannt. Alle Unterlagen darüber sind in den Wirren der beiden folgenden Weltkriege verloren gegangen“, muss der Ehrenvorsitzende Werner Schmitt zu seinem Leidwesen zugeben.

Die sportlichen Erfolge des RMSV, in dem mittlerweile auch Kunstradfahren und Radball betrieben wurden, blieben jedenfalls nicht lange aus. So gewann Willi Rau in den zwanziger Jahren beim Straßenrennen der Arbeiterolympiade in Frankfurt den Siegerpokal. Der Arbeiter-Radfahrerbund Solidarität, dem sich die Düsseldorfer rasch nach ihrer Gründung angeschlossen hatten, war Anfang der dreißiger Jahre mit rund 400.000 Mitgliedern der stärkste Radsportverband der Welt. Das änderte sich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten allerdings rasch.

Die Arbeitersportvereine waren dem Nazi-Regime nämlich ein Dorn im Auge und litten immer mehr unter den Repressalien der neuen Machthaber. Schließlich wurden alle verboten, und nur unter größter Gefahr konnten sich die Vereins-Mitglieder noch heimlich treffen. Immerhin konnte der damalige Vorsitzende des RMSV, Hans Giesen, vieles, was mit dem Düsseldorfer Verein zu tun hatte, in seinem Keller verstecken und so vor der Vernichtung retten. Ein normales Vereinsleben war allerdings bis 1945 nicht möglich.

Neun Mitglieder des RMSV waren es, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges am 9. Oktober 1945 den Düsseldorfer Verein wieder zum Leben erweckten. Doch so richtig erholen konnte sich der Verein nicht mehr. Seine ehemalige Mitgliederstärke erreichte er genau wie der Bundesverband nie mehr. Zu den allgemeinen Schwierigkeiten im weitgehend zerstörten Nachkriegsdeutschland kamen für die Düsseldorfer noch die Probleme, die durch die Rivalität zwischen dem Rad- und Kraftfahrbund (RKB) und dem Bund Deutscher Radfahrer (BRD) existierte. Immer mehr Spitzensportler der Arbeitervereine schlossen sich dem BRD an, weil sie dort bessere sportliche Möglichkeiten sahen. Erst im Jahre 1976 wurde der RKB in den deutschen Sportbund aufgenommen, und seit dieser Zeit gibt es wieder gemeinsamen Sport im Kunstradfahren und im Radball.

Eine ganze Reihe von Meisterschaften und Rekordleistungen hat das Geburtstagskind RMSV Düsseldorf in seiner 120-jährigen Geschichte aufzuweisen. So gewann Nico Wilbert bei den Weltmeisterschaften im Einradfahren 1996 in London den Titel im Einradslalom. Seinem Vater Klaus gelang im Vorjahr auf dem Einrad eine fast unglaubliche Leistung. Auf dem schwierig zu beherrschenden Sportgerät absolvierte er die schwerste Pyrenäen-Etappe der Tour de France mit mehreren Anstiegen der höchsten Kategorie vor den Profis auf ihren Spezial-Rennrädern.

Viel Anerkennung brachte dem RMSV der bis zum Jahr 2015 in Düsseldorf ausgetragene einzige weltweite Einrad-Stadtmarathon. Die Streichung dieses spektakulären Wettbewerbs innerhalb des Metro-Marathons schmerzt die Verantwortlichen um RMSV-Vorsitzenden Stefan Kühn noch heute.

Im Kunstradfahren und Radball haben die Düsseldorfer an vielen Deutschen Meisterschaften teilgenommen und dabei zahlreiche Erfolge erzielt. So holten die Radballer erst vor kurzem den Titel im Sechser-Rasen-Radball. In den Unterlagen des Düsseldorfer Vereins finden sich auch noch Dokumente über Bestleistungen, die in heutiger Zeit eher skurril anmuten. Der heutige, mit dem Verdienstorden der BRD ausgezeichnete Ehrenvorsitzende Schmitt ist immer noch deutscher Rekordhalter – Im „Fahrrad-Langsamfahren“. Eine 75 Meter lange Strecke legte er in 15 Minuten und 37 Sekunden zurück. „Dabei musste das Rad immer in Bewegung sein. Das war fast noch anstrengender, als möglichst schnell zu fahren“, erinnert sich Schmitt, der auch Meisterschaften im Kunstradfahren errang und seine Geschicklichkeit als Radballer in der Bundesliga bewies. Der jetzt 78-jährige Radsport-Fan Schmitt wurde bereits vor Jahren für seine ehrenamtlichen Tätigkeiten mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Der „4er“ des RMSV zeigt 1975 eine perfekte Kunstrad-Kür. Rechts: Werner Schmitt. Foto: privat
Der Frauen-6er-Reigen des RMSV „Frisch auf“ zeigt, wie viel Körperberrschung das Kunstradfahren erfordert. Foto: privat
Die Arbeiter-Olympiamannschaft aus Düsseldorf mit dem späteren Sieger Willi Rau in der Mitte. Foto: privat

Es bleibt auf jeden Fall der Hauch des Exotischen, der Sportarten, die es einst wie Radball auch in die Sportschau schafften, die es heute aber schwer haben, im Schatten von König Fußball zu bestehen. Beim RMSV jedenfalls steht man zu den Abteilungen, aussterben werden sie daher wohl nie.