Oberbilk: Gastronomen teilen sich Lokal

Gastro-Sharing : Zwei Karten, zwei Kassen, ein Lokal

Marny und Alex teilen sich ein Ladenlokal. Er verkauft Kaffee und Kuchen, sie herzhafte Schnitten und Salate.

Groß ist es nicht, das Café von Marny Bergerhoff und Alex Trettwer. Drei Bistrotische haben Platz darin, die gerade so viel Abstand zueinander haben, dass jemand durchpasst. Ein kleiner Tresen verläuft auf der anderen Seite des Lokals, Hocker in Kindergröße passen drunter. Für eine Gruppe gibt es Platz in der Mitte, vielleicht für fünf, sechs Personen, an einem alten Holztisch.

Klein, aber fein ist das Bistro, in dem an einer Wand bunte Teller hängen, „die ab und an runterfallen und zerbrechen“, sagt die 45 Jahre alte Marny und lacht. Im Fenster stehen frische Blumen, auf den Tischen Weckgläser, darin bewahren Marny und Alex Besteck und Servietten auf. Soweit nicht ungewöhnlich für ein Café in Oberbilk. Spätestens aber bei der Bestellung wundern sich jene, die zum ersten Mal in der Genuss-Station sind. Denn das Lokal von Alex Treppwer hat sozusagen einen zweiten Laden integriert – einen Untermieter, Marny’s Grünzeug nämlich. Er macht Kaffee und Kuchen, sie Salate, Schnitten und Suppen. Die beiden Gastronomen führen getrennte Kassen, bei einer Bestellung kann es also vorkommen, dass die Kunden zwei Mal zahlen müssen. Nur das Trinkgeld, das teilen sich die beiden.

Die Idee, einen Laden zu teilen, kam Marny Bergerhoff vor zwei Jahren. „In Amsterdam habe ich das gesehen“, erzählt die 45-Jährige, die einen Buchladen entdeckte, in dem auch Kaffee und Klamotten verkauft wurden — getrennt voneinander. Zu diesem Zeitpunkt gab es Alex Trettwers Café schon an der Ellerstraße, der 48-Jährige suchte jemanden, der das Essen übernimmt, damit er sich voll auf seinen Kaffee konzentrieren kann. Eine Sorge hatte er aber: das Geld. Freundschaften sind daran schon zerbrochen. Umso glücklicher war er, als Marny ihm das Konzept mit dem Shop-Sharing aus Holland vorstellte.

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Und die Zusammenarbeit funktioniert. Nicht nur, weil die Angebote sich ergänzen, vermutlich auch, weil die Gastronomen nicht unterschiedlicher sein könnten. Marny Bergerhoff ist quirlig, sie begrüßt jeden Kunden überschwänglich, so als würde sie einen alten Freund, den sie lange nicht mehr gesehen hat, wiedertreffen. Alex Trettwer bringt Ruhe in den Laden, er redet nicht viel, vielleicht auch, weil Marny immer etwas zu sagen hat. „Ein bisschen ist es bei uns wie auf einem Markt“, sagt Bergerhoff, die an den Carlsplatz denkt, wo es Brot gibt und Kuchen und Kaffee und Obst. „Alles unter einem Dach.“ Auch wenn der Anfang nicht ganz leicht gewesen ist, vor allem für Alex Trettwer, der sich erstmal an den Gedanken gewöhnen musste, nicht mehr allein zu sein. „Jeder hat so seinen Rhythmus“, sagt er. Inzwischen sehen die beiden viele Vorteile. Man teilt sich die Miete, kann sich auf den Partner verlassen und strengt sich noch ein bisschen mehr an, weil auch ein anderer von dem Laden leben muss. Es ist wohl wie in einer guten Beziehung — man muss Kompromisse eingehen, aber auch das gleiche Ziel haben, „bei uns zum Beispiel soll die Qualität immer gut sein“, sagt Trettwer.

Sein Kaffee kommt aus einer Rösterei in Ratingen, jeden Tag backt der 48-Jährige Kuchen, im Winter gibt es Zimtschnecken, im Sommer kalte Drinks. Marnys Karte wechselt wöchentlich, ihre Schnitten und Salate haben eine vegane Basis — sie selbst ist Veganerin, für die Tiere und die Umwelt —, „aber ich mache auch Brote mit Käse“, sagt die 45-Jährige, die niemandem vorschreiben will, wie er zu leben hat. Hauptsache ihre Brote schmecken wie bei Oma, „so wie früher, wenn man frisch gebadet vor dem Fernseher saß und noch eine Schnitte bekam“.

Auch wenn man das Konzept nicht in Oberbilk erwartet — „viele fragen, warum wir nicht in Flingern sind“, sagt Marny Bergerhoff — wollen die beiden in keinem anderen Stadtteil sein, weil man sich kennt und hilft, weil Anwälte kommen und Mütter mit dem Kinderwagen, weil sich so viel getan hat im Viertel und beide gerne Oberbilker sind.