Oberbilk: Christian Calles rappt über sein Viertel

Stadtteilheld: Gerappte Liebeserklärungen an Oberbilk

Der Oberbilker Christian Calles arbeitet hauptberuflich als Biologe. Zu Beginn der 1990er Jahre war er einer der ersten Rapper der Stadt. Unter dem Pseudonym Killa Calles macht er bis heute solo und als Mitglied der Düsseldorfer Band Fourgruppe Musik. Ein Besuch.

Ein lauer Vorsommerabend an der Ellerstraße lädt ein zum Schlendern. Die Geräusche in den Abendstunden reduziert, lässt der warme Wind einzig die Blätter der Bäume in den Nebenstraßen rauschen. Vereinzelt plaudern Nachbarn auf der Straße, während der Kiosk an der Ecke durch seine Öffnungszeiten besticht. Dort kann man in der Woche von 4 Uhr morgens bis 24 Uhr in der Nacht einkaufen, freitags und samstags sogar bis 1 Uhr in der Früh. Die Trinkhalle macht handschriftlich Werbung für belegte Brötchen und heißen Kaffee, davor sitzen Männer auf weißen Plastikstühlen und trinken schweigend Bier aus Flaschen. Aus der Shisha-Lounge gegenüber plätschert unaufgeregte Musik auf den Gehsteig.

„In Oberbilk wohnt die halbe Welt“, sagt Christian Calles und meint damit Menschen aus rund 50 Nationen, die dort ein Zuhause gefunden haben. Multikulti nennen es die einen, Meltingpot die anderen, die Soziologen, die, die sich seit jeher für die Entwicklung von Stadtteilen wie Oberbilk interessieren. Für die Assimilation und die Integration von Einwanderern in die Kultur einer Stadt, eines ursprünglich von Arbeitern geprägten Stadtteils wie Oberbilk. Calles selbst nennt es seine Hood, sein Zuhause. Seit seiner Geburt 1975 lebt er an der Ellerstraße. Mittlerweile bewohnt er die ehemalige Wohnung seiner Großmutter mit Blick in den gepflegten Garten dahinter. „Ich fühle mich hier wohl“, sagt er, „hier pulsiert das Leben.“

Der Biologe hat in Oberbilk den Kindergarten besucht, die Grundschule und später am Lessing-Gymnasium sein Abitur gemacht, bevor er an der Heinrich-Heine-Uni das Studium aufnahm. 2010 promovierte er am Institut für Umweltmedizinische Forschung und arbeitet seither am Koordinierungszentrum für Klinische Studien an der Uniklinik. Er beschäftigt sich mit dem Thema Hautalterung. „Ich habe mich schon immer dafür interessiert, wie Dinge funktionieren. Für Abläufe und für das Leben“, sagt Calles und meint damit nicht nur die biologischen Prozesse allein.

Bereits seit seiner Jugend begeistert er sich für Rap und Hip-Hop. Und auch das habe, so Calles, viel mit dem Begriff der Entwicklung zu tun. Der Entwicklung von Heimat etwa, und viel auch damit, wie mit der eigenen Herkunft kunstvoll, dem Lebensumfeld und der damit einhergehenden Kultur umgegangen werde.

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Über frühe Bands wie Rund DMC und Public Enemy, die zu den Wegbereitern des Hip-Hop zählen, wurde er zu Schulzeiten auf den US-amerikanischen Musikstil aufmerksam. Später entdeckte er auch erste deutschsprachige Rap-Projekte, wie das der aus Ratingen stammenden Band Fresh Familee. Ihr Song „Ahmet Gündüz“ gilt als die erste in Deutschland veröffentlichte Rap-Produktion in deutscher Sprache.

Mit 16 beginnt Calles, erste eigene Texte zu schreiben und zu rappen. „Mit dieser Musik galt man damals als Exot.“ Calles trifft aber bald Gleichgesinnte. In der Freizeiteinrichtung Icklack am Höherweg entstehen erste Rap-Projekte. „Das war für uns Homebase und Trainingslager zugleich.“ Von dem Geld, das er später als Zivildienstleistender verdient, kauft er sich simple Aufnahmegeräte, einen Drumcomputer und Tapedecks, um umständlich eigene Songs auf Kassetten aufzunehmen. Und obwohl die Musik damals noch ohne Computerunterstützung erzeugt wird – gemeinsam mit seiner ersten Band Micromania richtet sich Calles schließlich auch ein kleines Studio ein und nimmt die eigenen Stücke professionell auf.

Neben den Szene-Kontakten in NRW ergeben sich für die Musiker immer häufiger auch bundesweite Kooperationen, Verbindungen zu der musikalischen Ursprungsszene in New York, aber auch zu dem deutschen Musiksender Viva, der eine Zeit lang die Videos der Düsseldorfer spielt. Neben der Arbeit an Soloprojekten gründet Calles 2009 gemeinsam mit Kilo Meta, SirPreiss, und DJ NST schließlich auch die Band Fourgruppe. Und während die Band heute nach der Veröffentlichung ihrer ersten Platte „Eine Klasse für sich“ aus dem Jahr 2014 an einem zweiten Album arbeitet, stammt eine der eindrücklichsten musikalischen Liebeserklärungen an den Stadtteil Oberbilk aus einem Soloprojekt des Düsseldorfer Rappers. Die Hommage an den Stadtteil findet man auf dessen 2007 veröffentlichtem Soloalbum „Die 1000 Gesichter des Killa Calles“.

Darin verarbeitet er die Aufnahme einer Predigt anlässlich des 1990 gefeierten Festgottesdienstes zur Einweihung der von Bert Gerresheim geschaffenen Figurengruppe, die im gleichen Jahr auf dem Oberbilker Josefplatz aufgestellt wurde. Es geht dabei um Arbeiter. Und um die kirchen-, stadt- und sozialgeschichtlichen Entwicklungen des Stadtteils. Und die von Calles ausgewählten Passagen klingen heute immer noch so aktuell wie damals.

Zur Person Christian Calles wurde 1975 in Düsseldorf geboren und wuchs im Stadtteil Oberbilk auf, wo er auch heute noch lebt. Hauptberuflich ist Calles am Koordinierungszentrum für Klinische Studien an der Uniklinik in Düsseldorf tätig. Calles gilt als einer der ersten Rapper in Düsseldorf und gründete neben zahlreichen Soloprojekten auch die Band Fourgruppe.