Düsseldorf : Helau, verdammt noch mal

Ein altes Format in einer neuen Medienzeit - die Fernsehsitzung war eine Enttäuschung, den Machern fehlte der Mut zu neuen Konzepten. Ergo: So befindet sich die TV-Leistungsschau der Düsseldorfer Jecken kurz vor dem Krematorium.

Immerhin könnten Bilder aus der Düsseldorfer TV-Sitzung womöglich bald bei YouTube unter den Top-Klicks auftauchen. Dort liebt man es, sich wegzurollen angesichts solcher Bilder: kuriose Männer in Uniform und üppige Damen auf einer merkwürdigen Bühne, bierernst in die Kamera guckend und sich ab und zu erinnernd, dass ihnen kurz zuvor jemand eingebläut hatte, "Ihr müsst lachen - und schunkeln!"

Also: Dreimal Düsseldorf Helau - wir sind im Fernsehen. Und alle können uns sehen. Leider!

Ein Satz im Programm beschreibt traumhaft jeck, was dem bundesdeutschen Zuschauer der ARD zur Prime-Time am Mittwoch präsentiert wurde: "zwischen Klimakterium und Krematorium", ulkte ein wunderbar angedüdelter Büttenredner namens "Der Ehrenpräsident" (Volker Weininger) über den demographischen Niedergang vieler Vereine des Karnevals. Die organisierten Pappnasen erleiden es seit langem: Was vor 20 Jahren die Zuschauer in die Säle lockte, zieht nicht mehr. Nicht zuletzt, weil die wenigsten zur Weiterentwicklung fähig waren. Bei den einst großen TV-Events ist es ähnlich: Als einsamer jecker Dino stolpern die TV-Sitzungen durch eine auf den Kopf gestellte Medienwelt. Egal, ob aus dem Kölner Gürzenich, aus Mainz und jetzt aus Düsseldorf - sie versuchen mit altbackener Regie, eine Gegenwart vergangener Jahre in die Jetztzeit zu retten. Oft ist Fremdschämen angesagt. Man merkt: Da will jemand irgendwie den Spagat schaffen zwischen dem Alten und einem nicht klar erkannten Neuen - und hat Angst vor der eigenen Courage.

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Dabei wäre die Basis vorhanden für eine neue Form des Pappnasentums für den Flachbildschirm. Man hat einen sympathisch-jungenhaften Sitzungspräsidenten Stefan Kleinehr, bei dem das Gottschalk-Gen der schnoddrigen und spontanen Schwertgosch oft durchblitzt, man hatte Büttenredner mit dem Talent, Menschen zum Lachen zu bringen. Und es war ein Publikum gekommen, das danach gierte, mit neuem Witz den Hals voll zu kriegen vor Lachen. Was kriegt es stattdessen? Tanzgruppen, talentiert und die Beine schmeißend wie ihre Mütter in den 1980er Jahren - aber so auch in jedem Musical vorstellbar. Dazu Düsseldorfer Musiker, die auf der Bühne agieren, als hätte sich die letzten zehn Jahre nix getan auf dem Markt der schrägen Töne. Egal, ob BOB (Band ohne Bart), Alt Schuss, Achim und Olli - sie alle sind eh meilenweit entfernt von dem Können ihrer kölschen Kollegen und hecheln denen dennoch hinterher. Düsseldorf ist in diesem Genre mühsam vertonte Diaspora, was kontrastreich sichtbar wird, wenn am Ende die Kölner Gruppe Brings in die Saiten greifen darf.

Dass ein Büttenredner wie Knacki Deuser den Eisbrecher gab, ist ihm hoch anzurechnen. Schließlich musste er anfangs auf einige hundert Menschen blicken, die ohne Regung im Gesicht dachten "Mach mir Spaß - aber subito!". Womit wir bei der Frage wären: Warum sitzen ganz vorne nicht andere, vielleicht junge Leute jeden Alters, die Spaß haben wollen und gute Laune mitbringen? Stattdessen wurden Würdenträger prominent platziert, daneben die Vertreter des Carnevals Comitees in albernen, weil so ernst genommenen und maßgeschneiderten Gala-Uniformen: die Spaßbremsen-Fraktion unter sich. Kompliment dagegen an Oberbürgermeister Thomas Geisel: Kostümiert wie ein durchgeknalltes Mittelding zwischen Robespierre und Papageno, war der Rote mit seiner Marketenderin (und Gattin) Vera bunter als die von ihm geleitete Ampelkoalition - Hingucker im wahrsten Sinne des Wortes. Was man von diesem Elferrat nicht sagen konnte: Was machen diese Leute dort? Ist es eine Ehre? Haben die sich in jahrelanger Ochsentour buchstäblich hochgedient? Selten so viele miesepetrige Gesichter mit Doppelkinn in HD gesehen! Ergo: Bruch mer nit, fott domet!

Dass es geht, und wie es geht, zeigte auch Jürgen Hilger-Höltgen in seinem Dauerbrenner Fimmännchen. Der Mann ist Profi, bissig aktuell, klug, kreativ - und dass er seine Gags reimt, geht problemlos als Poetry-Slam durch. Noch besser Markus Krebs alias "Hocker Rocker" und "Mann hinter dem Bauch" - da kochte der Saal, und das nicht nur, weil er großartige Witze großartig erzählte, wenn auch manche platt waren wie ein Hering zwischen den Augen. Und selbst als er sehr gekonnt andeutete, auf was sich das Wort Schimmel so reimt, gab's für diese und andere Schlüpfrigkeiten stehenden Applaus.

Fazit: Diese TV-Sitzung ist kurz vor dem Krematorium. Aber sie könnte noch reanimiert werden - weil es nämlich hier so viele Leute gibt, die sich gerne totlachen.

(RP)