Oberbilk : Ein Ort der Freiheit

In den 80ern ist das Niemandsland entstanden, gegründet von Menschen, die die Welt ein bisschen besser machen wollten.

Ein bisschen ist es so, als wäre die Zeit stehengeblieben in dem Hinterhof an der Heerstraße, wo es nach Orange riecht und die Menschen Zeit haben für sich und ihre Welt. Es ist ein Ort, der keinem und allen gehört, ein Ort der Freiheit, ohne Regeln und Gesetze. Ein Niemandsland - so haben ihn die Menschen getauft, den Ort, der versteckt liegt und den kaum einer vermutet hinter den Häuserfassaden. Man duzt sich dort, Helle und Rudolf, Aike und Hans-Rainer. Viele sind nicht mehr jung, Alt-68er sozusagen, mit Flatter-Westen und Häkelkappen, langen Haaren und Sandalen.

Die Nachkommen des Nationalsozialismus, die versuchten, aus der Geschichte zu lernen, die auf der Suche sind nach der Wahrheit und Mitstreitern, die ihre Einstellung teilen - nämlich ökologisch zu leben. Angefangen hat es in den 70ern, als Hans-Rainer Jonas mit Freunden in einem alten Dampfbackofen Brot buk. Ganze drei Tage dauerte es, bis der Ofen auf Temperatur war. Als sich Jonas weiter beschäftigte mit dem Ofen und Getreide kaufte, lernte er auf einem Hof bei Bergheim die biologisch-dynamische Anbaumethode kennen.

Spontan eröffnete er eine Bäckerei, in der er bald 750 Brote in der Woche backen sollte. "Aus Waschkörben verteilten wir die Brote in Düsseldorf, Köln und Wuppertal", erzählt er. Irgendwann kam das Ordnungsamt und schloss die Stube, "zu wenig Fenster gab es für die Quadratmeter", erinnert sich Jonas, übrig blieb eine Lebensmittelkooperative (kurz Koop) - ein Zusammenschluss von Menschen und Haushalten, die gemeinsam große Mengen Lebensmittel direkt von den Erzeugern bezogen.

"Für mich war das die Zeit der ersten Düsseldorfer Koop Himmel und Ähd", sagt Künstler Rudolf Mocka, für den der Umgang mit Bio-Lebensmitteln, die Zubereitung und das gemeinschaftliche Essen heilig waren. 1987 begegnete man sich im Niemandsland, im Hinterhof an der Heerstraße, wo bald die "Rheinische Arbeitsgemeinschaft der Ökooperativen" entstand. Jonas stellte das Grundstück zur Verfügung, das Anfang des 19. Jahrhunderts der Adler Bräu gehörte und später von der Wicküler Bräu gekauft wurde. Bier und Limonade wurden dort abgefüllt, einen Stall für zwei Pferde gab es dort, eine Scheune und einen Komposthaufen.

"1987 war der Hof eine leere Bühne mitten in der Stadt", erinnert sich Jonas, auf dem es Platz für Bäume gab und Pflanzen und ein öko-soziales Leben. Einige Jahre funktionierte die Koop "Alles Möglich", weil die Menschen dachten, dass alles möglich ist. "Aber ich hätte es erkennen müssen", sagt Jonas. Ein Zusammenbruch durch Motivationsverlust und Selbstausbeutung konnte Jonas nicht verhindern. Was blieb, war ein kleiner Selbstversorger-Kreis, der eine Gedankenpause brauchte, viel gestritten hat, "weil wir hier sehr basis-demokratisch organisiert sind", sagt Jonas.

Der Selbstversorger-Kreis baute viel auf: Einen Bioladen oder eine Holzwerkstatt, einen Töpferraum und einen Umsonst-Laden, "in dem ich noch nach einer Weste schauen will", sagt Jonas. Ein veganer Mittagstisch wird angeboten unter der Woche für Mitglieder und Freunde des Niemandsland. "Und wir haben eine Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt", erzählt Aike Ulrich, der Ingenieur ist und vor fünf Jahren zum Niemandsland kam. Weil er einen Ausgleich zum Beruf suchte und gerne die Welt verbessern würde, aber lernen musste, sich auf Oberbilk zu beschränken.

(RP)