Düsseldorf-Oberbilk: Als die Polizei Vereine überwachte

Geschichte : Als die Polizei Vereine überwachte

Vor 125 Jahren war es undenkbar, dass sich der Oberbilker Bürgerverein politisch engagiert. Heute ist das ganz anders.

Einmal im Monat trifft sich der Oberbilker Bürgerverein zum Stammtisch. Dann plaudern und diskutieren die Mitglieder und jene, die es vielleicht mal werden wollen. Sie sprechen über den Stadtteil, über Bauprojekte, über Feste, tauschen Ideen aus und schimpfen über die Gestaltung des Oberbilker Markts. Einmal im Monat passiert das einfach so, ein kurzer Anruf in der Stammkneipe – mehr muss der Verein nicht absprechen. Als der Oberbilker Bürgerverein gegründet wurde – vor 125 Jahren – war das anders.

Die Kaufmänner Heinrich Lodowicks und Leonhard Bannings hatten die Idee, einen Verein zu gründen, ein Gesuch mussten sie beim damaligen Oberbürgermeister Ernst Lindemann stellen, ihm die „Statuten des Bürgervereins zu Düsseldorf-Oberbilk“ übergeben mit der „höflichen Bitte, dieselben mit dem behördlichen Visum versehen zu lassen“. Was natürlich nicht ohne Hinweis auf die preußische Verordnung von 1850 passierte, „die die Vereinsarbeit stark einschränkte“, sagt Raimund Klingner, der die Geschichte des Oberbilker Bürgervereins aufgearbeitet, der die Geschichten Oberbilks für die Festzeitschrift aufgeschrieben hat. Versammlungen wurden akribisch überwacht, jedes Treffen musste bei der Polizei gemeldet werden, Kontakte zu anderen Vereinen waren strikt untersagt. Genauso wie politisches Engagement. Heute undenkbar, denn heute ist es vor allem die Politik, in die sich der Verein einmischt, Gaslaternen oder RRX und die Ortsumgehung Oberbilk.

„Wir wollen für die Bürger da sein“, sagt die Vorsitzende Katja Goldberg-Hammon, ein Grundsatz, der sich in all den Jahren nicht verändert hat. So wie auch der Stadtteil sich in all den Jahren eigentlich nicht verändert hat – „Oberbilk war ein Arbeiterviertel“, sagt Raimund Klingner, und irgendwie ist Oberbilk das auch geblieben, auch wenn es das Stahlwerk längst nicht mehr gibt. Bei seinen Recherchen ist Raimund Klingner auf den Artikel eines Touristen gestoßen, der mit dem Fahrrad von Köln über Opladen und Benrath nach Düsseldorf gefahren ist, der über die Kunststadt Düsseldorf schreiben wollte und in einer Stadt ankam mit Türmen und qualmenden Kaminrohren, einer Stadt, die in einem leichten Rauchschleier erschien. „Der erste Eindruck war kein günstiger“, schrieb der Tourist 1825, „staubige Straßen, von Kohlenstaub geschwärzte Häuser, geschwärzte Arbeitergesichter und gedrückte Stimmung der Leute“. Diese Leute waren es, warum der Oberbilker Bürgerverein entstand, geringe Löhne, fehlende Wohnungen, „Betten wurden stundenweise vermietet“, sagt Klingner, der sich noch gut an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erinnern kann, als seine Oma im Stadtteil lebte. Seine Familie floh in die Eifel, kam in den 1950ern zurück, als Oberbilk schon nicht mehr in Trümmern lag, als es zwölf Metzgereien gab, kein Ladenlokal leerstand.

Die Schützen und der Bürgerverein sind enge Verbündete – hier zu sehen bei einem Umzug auf der Kölner Straße. Foto: Bachmann
Der Blick vom Oberbilker Markt in die Kruppstraße, wo gerade eine Tram fährt. Foto: Bachmann
So sah der Oberbilker Markt 1934 aus. Im kleinen Häuschen im Vordergrund war ein Kiosk. Foto: Bachmann

„Oberbilk ist nach dem Krieg aber sehr desolat aufgebaut worden“, sagt Klingner. Ab da hat sich der Bürgerverein auch in die Stadtplanung eingemischt. Martinszüge, Weihnachtsbaum, Stadtteil-Führungen – all das würde ohne den Verein nicht funktionieren, der 150 Mitglieder hat, „wir sind der günstigste Verein in Düsseldorf“, sagt Katja Goldberg-Hammon. Und funktionieren würde all das auch nicht, wenn es nicht dieses Netzwerk gäbe. Sibylle Fuchs zum Beispiel, seit 30 Jahren aktiv im Bürgerverein, die die Festzeitschrift gefüllt hat mit Anzeigen und Geschichten, die Autoren gefunden hat und Anekdoten. „Der Landgerichtspräsident nennt sie immer Ferrari“, erzählt Goldberg-Hammon, „sie ist der Motor des Vereins.“ Ihr Netzwerk ist es auch, auf das die Vorsitzende bei ihrer neusten Idee setzt – eine Nacht der Chöre will Goldberg-Hammon auf die Beine stellen. Und an den Oberbilker Markt will sie unbedingt noch mal ran. Aber diese Geschichte steht auf einem anderen Papier geschrieben.

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