Düsseldorf Ein zweites Zuhause für Oberbilker Jugendliche

Offener Jugendtreff: Zweites Zuhause für Oberbilker Jugend

In der offenen, lockeren Atmosphäre des evangelischen Jugendzentrums fühlen sich viele Schüler wohl. Sie kommen zum Spielen oder Abhängen an der Theke. Einige brauchen aber auch Hilfe und Rat.

Ronja (13), Barkin (11), Christian (11) und Semih (10) haben es sich an der Theke gemütlich gemacht. „Zu Hause ist es mir zu langweilig, deswegen komme ich oft“, sagt Ronja. Manchmal spielt sie Billard oder zieht sich mit einem anderen Mädchen in den „Mädchen-Raum“ gegenüber zurück. Da können die Schülerinnen unter sich sein. Denn zurzeit kommen mehr Jungs als Mädchen in das „Ejuzo“, das evangelische Jugendzentrum an der Ellerstraße. So wie an diesem Nachmittag gegen 16 Uhr. Barkin wohnt ein paar Straßen weiter und kommt oft für die Hausaufgabenhilfe, vor allem in Deutsch. Seine beiden Kumpels Christian und Semih sind auch oft wegen der Hausaufgaben da. Aber alle drei kommen auch, um Playstation 4 oder Fußball zu spielen oder an der Theke abzuhängen, wo sie für einen kleinen Preis auch Snacks und Getränke bekommen.

„Die Theke ist der Dreh- und Angelpunkt bei uns“, sagt Sozialpäda­gogin Ines Sunder, die das offene Jugendzentrum seit Anfang des Jahres leitet. Von dort aus werden die Schüler begrüßt, wird in Gesprächen nach und nach Vertrauen zueinander aufgebaut. Dann öffnen sich die Kinder und Jugendlichen, sprechen vom Ärger daheim oder Problemen in der Schule. Oder sie fragen, wie man eigentlich mit einem Jungen oder Mädchen zusammenkommen kann. Manchmal sogar nach Verhütungsmethoden.

Von der Theke aus haben die Sozial- und Sexualpädagogin und ihr Team aber auch einen guten Blick über alles. Das ist manchmal besonders wichtig. Denn trotz der entspannten Atmosphäre im Ejuzo gibt es Regeln, an die sich alle halten müssen. Auf den Boden zu spucken oder die Füße auf die Couch zu legen: Das ist nicht erlaubt, genau wie sich über jemand anderen, etwa wegen seiner Behinderung, Religion oder Herkunft, lustig zu machen. „Für uns ist das selbstverständlich“, sagt die 37-Jährige. Aber manche Jugendliche würden von Regeln regelrecht abgeschreckt, wüssten nicht, was sich gehört und was nicht.

Was die Jugendlichen an Rat und Hilfe nicht daheim oder in der Schule erhalten, bekommen sie im Ejuzo. So erklärt man ihnen etwa, wie man einen Handyvertrag abschließen, eine Bewerbung schreiben oder einen Job finden kann. Die Angebote wurden an die Bedürfnisse im Stadtteil (hoher Migrationsanteil, niedriges Bildungsniveau, geringes Einkommen) angepasst. Daher gibt es auch eine verstärkte interkulturelle Arbeit. Dazu gehört es, dass wie gerade jetzt nicht nur das Fest St. Martin und der Gedanke des Teilens erklärt und Weckmänner gebacken werden, sondern dass man sich auch gemeinsam zum Beispiel mit islamischen Feiertagen beschäftigt. Der respektvolle Umgang miteinander stehe über allem, so Sunder.

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Eltern trifft man selten im Ejuzo. Einige Jugendliche erzählen vielleicht gar nicht, wo sie nachmittags oder am frühen Abend sind, und einige Eltern haben vielleicht keine Zeit, vorbeizuschauen oder kein Interesse daran. Dass die Jugendlichen gerne ihre Freizeit im Ejuzo verbringen, liegt sicher an den vielen Spielmöglichkeiten wie Dart, Playstation, Fußball, Kicker und Billard. In manchen Fällen aber sicher auch daran, dass die Kinder daheim auf engstem Raum leben und die Eltern kein Geld haben, um sie in Sport-Vereinen, an Musik- oder Tanzschulen anzumelden.

Ines Sunder, die seit 2006 vor Ort arbeitet (das Ejuzo gibt es seit mehr als 50 Jahren) hat manchmal das Gefühl, dass einige Jugendliche kaum etwas über das Leben außer­halb wissen. Einige wüssten nicht, wer Donald Trump ist, andere wiederum würden sich gerne über den US-amerikanischen Präsidenten unterhalten.

„Manche sagen, dass das Ejuzo wie ein zweites Zuhause ist“, sagt Sunder. Ronja, Barkin, Christian und Semih werden auf jeden Fall bald wieder vorbeischauen und dann bestimmt erst mal wieder an der Theke abhängen.

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