Nachbarschaftsstreit in Düsseldorf : Niederkassels Marterpfahl

Zwei Neulinge und eine alteingesessene Familie im Düsseldorfer Stadtteil Niederkassel streiten sich um einen rot-weißen Poller.

Dies ist die Geschichte eines Nachbarschaftsstreits. Nichtbeteiligte werden den Kopf schütteln und womöglich amüsiert sein, für die Betroffenen ist es eine ernste Sache. Sehr ernst sogar.

Der Ort des Geschehens Düsseldorfs feiner Stadtteil Niederkassel. Dort leben einige Familien seit Generationen. Sollten sie zu den Eignern der mehr oder weniger kleinen Grundstücke gehören (oder gehört haben), auf denen vor Jahren bescheidene Landwirtschaft betrieben wurde oder eher unspektakuläre Häuschen standen, sind sie heute – sagen wir: wohlhabend. Oft sind diese Sippen miteinander verwandt, die Blutsbanden reichen bis ins benachbarte Lörick mit ähnlichen Strukturen.

Typisch für diese Leute: Sie zeigen ihren Reichtum nicht, sie haben ihn. Meist in Form von Immobilien. Die anderen, das sind die Neuen. Vor allem seit den 1980er und 1990er Jahren zogen sie in dieses Viertel, heute ist es mehr denn je schick, dort zu wohnen, was aber schwer zu realisieren ist, denn der Raum ist knapp, also: teuer.

Allein die Adresse treibt die Preise nach oben, wer es sich leisten kann, zahlt dennoch gern, sonnt er sich doch danach im Bewusstsein, es geschafft zu haben und bemüht sich fortan, Teil des immer noch scheinbar dörflichen Lebens zu werden. Das sich unter anderem in merkwürdigen Karnevalsbräuchen („Schubkarrenrennen mit offenem Wasserfass – früher war da Jauche drin) und dem intensiven Feiern des Schützenfestes manifestiert.

Die Streitparteien Im Grunde sind es drei. Zwei Neulinge, eine alteingesessene Familie. Die Neuen sind zwei Ehepaare, nennen wir sie T. und P. – ihre vollen Namen wollen sie nicht lesen. Die Alteingesessenen heißen Krings und Heierz-Krings sowie Conti Mica. Vor allem die zuletzt genannten sind in Niederkassel Teil des Dorf-Establishments – die beiden Töchter Anke Conti Mica und Ute Heierz-Krings waren Venetien, Dino Conti Mica ist im Karneval (und auch sonst im Brauchtum) ein zeitweise nicht immer erfolgreicher Strippenzieher, und – typisch fürs Düsseldorfer Winterbrauchtum – nicht unumstritten. In einem der betroffenen Häuser wohnt Ute Heierz-Krings, in dem anderen ihre Eltern. Eine Kooperation zwischen dieser Familie und dem anderen betroffenen Nachbarn P. gibt es übrigens nicht.

Streitpunkt Ein Pfahl. Genau genommen: ein Poller. Rot-Weiß, ziemlich neu – und: variabel. Das heißt, mit dem passenden Schlüssel kann das Ding flach gelegt werden und Autos erlaubt, über ihn hinwegzufahren. Sowas gibt es häufig auf eingeschränkt befahrbaren Straßen. Wobei stets die zentrale Frage ist: Wer hat einen Schlüssel für diesen Poller. In Niederkassel haben mehrere Leute einen, und das Besondere ist: Sie sind sich spinnefeind. Und so wurde aus der an sich harmlosen Metallstange eine Art Marterpfahl für alle Beteiligten.

Sollten Sie bis hierhin verwirrt sein, ist das okay. Dennoch sollten Sie weiterlesen. Denn die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Mit dem Poller hat sie zwar nicht angefangen, aber ihren kritischen Punkt erreicht.

Anlass für den Streit Ein sehr altes, aber offenbar nicht eindeutig geregeltes Wegerecht. Es bezieht sich auf einen schmalen asphaltierten Weg – nennen wir ihn Tatort – der von der Straße Alt Niederkassel abgeht und Zufahrt ist für einige dort liegende Häuser. In diesen Gebäuden leben Ute Heierz-Krings und die Eltern Krings, außerdem Nachbar P. Letzterer noch nicht so lange, die beiden anderen gehören, siehe oben, zu einer nach eigenen Angaben sehr alteingesessenen Familie.

Vorne, am Anfang der Zufahrt, steht jedoch ein Haus, das das Ehepaar T. vor einigen Jahren kaufte und vermietet hat. Das dazu gehörende Grundstück ragt bis exakt in die Mitte der besagten Zufahrt. Das heißt, jeder, der dieses Sträßchen begeht oder befährt, nutzt das Grundstück des Ehepaares T. So etwas ist keineswegs ungewöhnlich, man spricht in solchen Fällen von Nutzung eines Wegerechts, das in der Regel erteilt und meist juristisch irgendwie geregelt ist.

Wie weit dieses Recht reicht und wem es in welchem Umfang zusteht, ist Kernpunkt des Hickhacks. Bis vor wenigen Jahren war das Ganze wohl nicht problematisch. Denn die im hinteren Teil der Zufahrt wohnenden Familien verursachten nicht so viel Durchgangsverkehr, dass sich die vorne Wohnenden belästigt fühlten. Es gab sogar zuletzt ein Abkommen des Ehepaares T. (das sind die mit dem Poller!) mit dem Neu-Eigner P. direkt neben ihrem Haus, der darin angeblich zusagte, sich verkehrsmäßig zurückzuhalten. Sagen T. Dies jedoch, so T., tat er nicht. Also wurde Ehepaar T. aktiv, pochte auf Zurückhaltung.

Auch andere Nachbarn nutzten die Zufahrt mit ihren Wagen häufiger, als es den T. passte. T. protestierte, erreichte aber keine Besserung – und griff zum letzten Mittel: Man ließ den Poller installieren. Und nun ist der Streit da: Die Familie Krings, angeblich seit 100 Jahren ortsansässig, sieht sich in ihrem Gewohnheitsrecht eingeschränkt, Dino Conti Mica pocht auf getroffene Absprachen. aber die Gegenseite will nicht, dass täglich so viele Autos an ihrem Haus vorbeibrauschen.

Tatsächlich ist der Platz knapp, einen Bürgersteig gibt es nicht, die Zufahrt misst lediglich rund vier Meter. Da geht der Verkehr direkt an der Fensterbank vorbei. Da auch eine eingeschränkte Nutzung den Wert des Grundes mindern würde, brachten die Eigner sogar einen Ersatz in Form einer regelmäßigen Zahlung ins Gespräch – eine Pacht fürs Wegerecht, sozusagen. Unausgesprochen: Die künftige einträgliche Nutzung der weiter hinten liegenden Immobilien wäre bei unklarem Wegerecht zumindest schwierig. Es geht also um Geld.

Wie gesagt – dies ist die Geschichte eines Nachbarschaftsstreits. Sie endet hier nicht, das Ende ist offen. Frau und Herr T., von den anderen als die Störer des vermeintlich uralten Niederkasseler Friedens bezichtigt, wollen dereinst mal selbst in ihrem Haus (das mit dem Poller) wohnen. Bis dahin hoffen sie auf eine Einigung. Sollte es die nicht geben, ziehen sie trotzdem hin, sagen sie. Auch wenn keiner mit ihnen sprechen wolle. Der dritte Betroffene will sich gar nicht äußern und setzt auf eine gerichtliche Einigung.

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