Von Mailand ins Rheinland “Wie kann man in Deutschland nur Pizza Hawaii essen ?“

Düsseldorf · Vittoria Vallifuoco ist für sechs Monate aus dem Norden Italiens ans Suitbertus-Gymnasium nach Düsseldorf gekommen. Nach über vier Monaten im Rheinland kennt sie die vielen kleinen, alltäglichen und kulturellen Unterschiede – nicht nur im kulinarischen Bereich.

Vittoria Vallifuoco aus Mailand ist aktuell am Suitbertus-Gymnasium in Kaiserswerth. Insgesamt 6 Monate verbringt sie in Düsseldorf.

Vittoria Vallifuoco aus Mailand ist aktuell am Suitbertus-Gymnasium in Kaiserswerth. Insgesamt 6 Monate verbringt sie in Düsseldorf.

Foto: Bretz, Andreas (abr)

Der Kulturschock blieb aus. Denn Vittoria Vallifuoco kam vorbereitet nach Kaiserswerth. Bereits vor Beginn ihres Halbjahres am Suitbertus-Gymnasium war sie mit mehr als nur ein paar Brocken Deutsch ausgestattet. Zum einen, weil sie bereits Deutschunterricht an ihrer Schule, dem mailändischen Civico Liceo Linguistico Alessandro Manzoni, genoss – und zum anderen, weil Vittorias Mutter aus Mannheim stammt. „Ich habe schon früher oft Deutschland besucht. Aber jetzt in der Schule und meiner Gastfamilie kann ich das Land viel intensiver kennenlernen“, sagt die 17-Jährige in schon beinahe flüssigem Deutsch.

Möglich macht diese kulturelle Erfahrung eine Partnerschaft des Suitbertus-Gymnasiums mit ihrer Schule, welche neben einem regulären Schüleraustausch seit zehn Jahren den Schülerinnen und Schülern auf italienischer Seite die Möglichkeit eines sechs- oder auch zwölfmonatigen Aufenthalts in Deutschland bietet. Umgekehrt scheitert ein längerer Italienaufenthalt für deutsche Schüler bisher daran, dass Italienisch erst in der Oberstufe angeboten wird.

Für Vittoria heißt es seit Anfang des Jahres aber: Rheinland statt Lombardei, Düsseldorf statt Mailand, Ratingen-Hösel statt Paullo, der Heimatstadt Vittorias in Nähe der norditalienischen Metropole. In Hösel wohnt die 17-Jährige bei ihrer Gastfamilie. Täglich pendelt sie mit ihrem gleichaltrigen Gastbruder und Suitbertus-Schüler Robert vom Norden Ratingens in den Norden Düsseldorfs zum Unterricht. „In Italien muss ich auch von Paullo nach Mailand fahren, das ist eine ähnliche Strecke. Das war also keine Umstellung für mich“, sagt sie.

Auch beim Essen war die Umstellung dank ihrer Gastfamilie nicht ganz so groß wie womöglich befürchtet. “Mindestens einmal die Woche kochen wir etwas Italienisches. Pasta oder Pizza“, sagt Gastmutter Stefanie Costuj. Nur die Beliebtheit der Pizza-Variante „Hawaii“ bei den Deutschen wird Vittoria wohl nie verstehen können. Da ist sie in Sachen landestypische Küche ganz italienisch-puristisch: „Wie kann man in Deutschland nur Pizza Hawaii essen. Ananas auf Pizza – das geht einfach nicht“, sagt sie.

Auch wenn Vittoria selbst aktiv noch nicht in die Geheimnisse der italienischen Kochkunst eingetaucht ist. „Ich koche nicht so gerne, aber ich helfe gerne mit“, sagt sie. Wenn das kulinarische Heimweh dann doch zu stark aufkeimt, besucht Familie Costuj mit ihr das beliebte italienische Eiscafe „Claudio di Hösel“, das wohl auch den kritischsten italienischen Gaumen besänftigt. Auch die Niederlande und das westfälische Münster hat die sprachbegeisterte Schülerin mit ihren Gasteltern bereits besuchen können.

„Die Bereitschaft der Elternschaft, einen Schüler aufzunehmen, ist sehr groß“, sagt Schulleiterin Claudia Haupt. Auch für Familie Costuj sei immer klar gewesen, dass sie sich gerne beteiligt. „Wir alle haben in unserer Familie schöne internationale Erfahrungen gesammelt und sind in anderen Ländern in den Genuss von Gastfreundschaft gekommen, das wollten wir weitergeben. Der Besuch von Vittoria ist in gegenseitiger Weise eine tolle Erfahrung. Außerdem lieben wir Italien“, sagt Stefanie Costuj.

Vittorias Heimatschule ist, wie der Name verrät, ein Gymnasium mit linguistischem Schwerpunkt. Die sprachbegeisterte Schülerin wählte ihre Unterrichtstätte daher mit Bedacht. Mittlerweile kann sie sich neben der deutschen auch in der spanischen, englischen und ein wenig in der französischen Sprache verständigen. „Deutsch ist davon die schwerste Sprache. Aber ich mag sie. Manchmal ist sie auch lustig“, sagt sie. Das Wort „Muskelkater“ sei etwa so ein Fall von deutscher idiomatischer Eigenheit, welche sich kaum ins Italienische übersetzten lasse.

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Foto: Olaf Oidtmann

Mittlerweile waren es, Vittoria eingeschlossen, 19 Schüler vom Liceo Manzoni, die das Suitbertus-Gymnasium besuchen konnten. Sie alle erlebten in Deutschland eine andere Form des Unterrichts als sie ihn von daheim gewohnt waren. „Der Unterricht hier ist viel interaktiver. Die Schüler nehmen mehr am Unterricht teil“, sagt Vittoria. Der Fokus liege mehr auf der Praxis, beispielsweise in den Physik- oder Kunststunden, während in Italien der Schwerpunkt auf theoriehaltigem Frontalunterricht liege. Ein Aspekt, den sie an ihrer Heimat weniger vermisst. Ganz anders als das süße Leben in Italiens lebendigem Straßenalltag mit seiner unnachahmlichen Kaffeekultur.

Natürlich freue sie sich darauf, bald wieder bei ihrer Familie zu sein. Am 7. Juli reist Vittoria zurück nach Hause – um viele wertvolle Erfahrungen und Freundschaften reicher.

In die Fußstapfen des berühmten Mailändischen Kochs Gualtiero Marchesi wird sie dann wohl nicht treten. Aber womöglich in die von Lidia Poët, der ersten italienischen Juristin, die ebenfalls aus Noritalien stammte. Denn Vittoria Vallifuoco hat vor, nach der Schule Jura zu studieren.

Und das bestenfalls auch irgendwann in Deutschland. „Ich liebe Italien. Aber was die Arbeitswelt dort angeht, ist es dort zurzeit schwierig.“ Ein Leben in Deutschland könne sie sich irgendwann durchaus vorstellen. „Es ist nur so ein Gefühl“, sagt sie. „Aber ein gutes Gefühl“.