Fährunglück 1947 vor Himmelgeist Allen 14 Opfern einen Namen gegeben

Himmelgeist · Am 7. März 1947 sank die Rheinfähre St. Antonius vor Himmelgeist. Paul-Heinz Kramp und Fährmann-Nachfahre Klaus Rodewig haben jetzt alle 14 Unglücksopfer zugeordnet. Der Heimatverein Uedesheim gedenkt Sonntag der Toten.

 Den Fähranleger in Himmelgeist gibt es immer noch. Vor Corona legte dort an schönen Wochenenden eine Personenfähre ab.

Den Fähranleger in Himmelgeist gibt es immer noch. Vor Corona legte dort an schönen Wochenenden eine Personenfähre ab.

Foto: Bretz, Andreas (abr)

Wäre die Fähre nicht am 7. März vor 75 Jahren auf der Fahrt von Uedesheim nach Himmelgeist gekentert, sondern in der heutigen Zeit, dann würde es jede Menge Fotos und Videos geben: Von dem Moment, als sich gegen 16 Uhr die Seilfähre erst drehte, die geladenen Fahrzeuge auf eine Seite rutschten und das Boot kenterte. Von der Rettung vieler der 31 Passagiere und vier Besatzungsmitglieder sowie der Bergung der Toten.

Aber so kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatten die Menschen anderes zu tun, als jeden Moment für die Nachwelt festzuhalten, wenn überhaupt noch Kameras vorhanden waren. Erst langsam verbreiteten sich die Nachrichten auf den beiden Rheinseiten.

Der Himmelgeister Heinz Henk arbeitete an jenem Freitagnachmittag in der Gärtnerei Stoffels. Dort half der Elfjährige beim Pikieren der Pflanzen. Kinder arbeiteten damals nach der Schule, um ihre Familien zu unterstützen. Erst Stunden später erfuhr er von dem Unglück. Nach der Arbeit sei er an die Unglücksstelle gegangen, erzählt Heinz Henk. Doch da war am Anleger nichts mehr zu sehen. Der Fluss hatte die St. Antonius 200 Meter stromabwärts mitgerissen. Unter den Toten war auch ein Schulkamerad, der zehnjährige Herbert S.. Um mehrere Ecken verwandt ist Henk auch mit zwei weiteren Opfern: Sibylla H. und ihre verheiratete Tochter Agnes P.

Am Tag nach dem Unglück findet sich auf der Titelseite der Rheinischen Post“ nur ein kleiner Text zu der Katastrophe, bei der 14 Menschen ihr Leben verloren. „Als Unglücksursache vermutet man, dass sich an dem einen Führungsseil, das über die Sohle des Rhein lief, ein Hindernis gebildet hatte und dass die Rolle der Ponte dadurch aufgehalten wurde. Durch diesen Druck riss das Seil, die Fähre drehte sich in die entgegengesetzte Richtung. Der Wind und die Strömung beschleunigten diese Bewegung. Das zweite Seil riss und die Fähre legte sich auf die Seite. Die auf der Fähre befindlichen Fahrzeuge kamen ins Rutschen, wodurch die Fähre solch eine Schlagseite bekam, dass Wasser eindrang und die Fähre vollends kenterte.“

An jenem Freitag waren die Bedingungen für das Übersetzen der Seilfähre St. Antonius schwierig. Es herrschte Tauwetter. Der Rhein führte innerhalb weniger Stunden plötzlich Hochwasser, und da es die vergangenen Wochen so kalt gewesen war, trieben Eisschollen auf dem Fluss. Paul-Heinz Kramp, Schriftführer des Uedesheimer Heimatvereins und pensionierter Geschichtslehrer, hat das Unglück nie losgelassen. Viele Jahre recherchierte er und schrieb 2010 einen Aufsatz im Jahrbuch des Kreisheimatbundes Rhein-Kreis-Neuss.

Als Glücksfall bei der jüngeren Forschung erwies sich, dass der Sohn des Fährmeisters, der zugleich der Neffe des Unglückskapitäns war, Klaus Rodewig, vor zwei Jahren unter dem Titel „Wenn das Eis taut“ einen Roman verfasst hat, der nicht nur die Daten, Fakten und Folgen des Unglücks erzählt, sondern diese in eine Liebesgeschichte einpflegt.

Gemeinsam mit Rodewig begann Kramp erneut mit der Recherche, fragte bei der Wasserdirektion die Unglücksursache an und versah jedes der 14 Opfer mit einem Namen. Die werden am Sonntag bei einer Gedenkfeier in einem ökumenischen Gottesdienst ertmals öffentlich verlesen. Für jeden von ihnen wird anschließend eine Schwimmkerze auf den Rhein gesetzt.

Drei Totenscheine finden sich im Stadtarchiv, wie der von Sibylla H., geboren 1891 in Itter, die mit ihrer Tochter Agnes P. „bei dem schweren Rheinfährunglück zu Düsseldorf-Himmelgeist von Gott dem Herrn in die Ewigkeit abberufen“ wurde. Sie hinterließ ihren Ehemann und eine weitere Tochter. Ein weiterer Totenschein gilt Gertrud W., die 1899 in Himmelgeist geboren wurde. Um die 47-Jährige trauerten ihr Mann und ihr Sonn, der sich damals noch in Kriegsgefangenschaft befand.

Der dritte Totenschein wurde für den 29-jährigen Johannes W. ausgestellt, der 1917 in Düsseldorf geboren wurde. Seine Mutter verlor mit ihm das letzte Familienmitglied: Zwei seiner Brüder waren im Zweiten Weltkrieg gefallen, der dritte werde vermisst. Der Vater starb zwei Jahre vor Johannes durch eine Miene. Wochen später, am 14. April, gab der Rhein zwei weitere Leichen frei: den Fahrer des Tankwagens aus Grimmlinghausen und den Fahrer des alliierten Lkw, Heinz R. aus Benrath.

75 Jahre nach dem Unglück hat Paul-Heinz Kramp drei Gründe ausgemacht, warum die Seilfähre damals kenterte, nachdem sich am ersten Seil ein Hindernis verfangen hatte und es riss: „Zum einen wurden die Bullaugen, die im Normalbetrieb nicht in der Strömung lagen, durch die 180-Grad-Wende zur Strömung des Rheines hin ausgerichtet. Des Weiteren gerieten sie durch das Verrutschen der Fahrzeuge auf dem Deck und die damit verbundene Schlagseite unter die Wasserlinie. Als dritter Grund für den Untergang kam hinzu, dass die Bullaugen fahrlässigerweise nicht verschlossen waren.“ Für den pensionierten Geschichtslehrer steht damit fest: „Der Untergang der Fähre war somit unabwendbar. Große Mengen Wasser drangen in kurzer Zeit ins Innere. Die Schräglage nahm deutlich zu. Wasser überspülte das Deck der St. Antonius.“

Seit 2009 erinnert eine Bronzetafel des Künstlers Michael Franke am Fähranleger in Uedesheim an das Unglück. Er hat künstlerisch den Moment des Kenterns festgehalten. So könnte es ausgesehen haben, denkt man sich beim Betrachten; denn Fotos von der Katastrophe gibt es nicht. Paul-Heinz Kramp: „2008 beim Guss der Bronzetafel waren die Namen vieler Verunglückter bekannt, aber nicht aller. So wurde auf eine Namensnennung generell verzichtet. Die Inschrift auf der Gedenktafel lautet daher nur: Zur Erinnerung an die 14 Menschen, die bei dem Fährunglück am 7. März 1947 ihr Leben verloren.“ Durch sein und Klaus Rodewigs Engagement kann nun jedes Opfer namentlich gewürdigt werden.

Mit Rücksicht auf die lebenden Hinterbliebenen haben wir auf eine komplette Nennung der Nachnamen verzichtet.